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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Lieber nackt als gestiefelt: Warum die Tochter im Winter unten ohne geht

Bei Schnee und Kälte verlässt die Tochter in Sneakers, Söckchen und Hochwasser-Hosen das Haus. Warum tun Pubertierende sich das an, fragt Christiane Tauzher - und lernt: Die Ursache ist ein bis dahin unbekannter Körperteil.

Sneaker mit bloßem Knöchel

Egal wie das Wetter ist - der Knöchel muss frei sein

Getty Images

Über Nacht hatte es geschneit, die Temperatur war unter Null gefallen, und die Wombi ignorierte es. Sie nahm die karierte Jacke vom Haken, die vom Hersteller für den Übergang gemacht worden war, schlüpfte in ihre Sneakers und war schon fast bei der Türe draußen. "Halt!", sagte ich, und sie drehte sich in Zeitlupe um. Ich deutete auf die zehn Zentimeter nacktes Bein, die zwischen Jeansende und Sockenbeginn freigeblieben waren. "Und?", fragte die Wombi, als würde sie nicht verstehen, was es da zu erklären gebe. "So willst du gehen?", fragte ich. "Es ist Winter, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest." Die Wombi versicherte mir, dass ihr überhaupt nicht kalt sei und dass sie selbst entscheiden könne, was für ihren Körper das Richtige sei. Diesen Punkt bezweifelte ich stark. "Das kann doch nicht angenehm sein, mit nackten Knöcheln durch den Schnee zu laufen", sagte ich. "Jeder findet eben etwas anderes angenehm", antwortete die Wombi, "du zum Beispiel hörst freiwillig die Musik von Helene Fischer. Und die ist echt zum Kotzen." Meinen Einwand, das ihre leichte Bekleidung zu gesundheitlichen Schäden führen könnte, warf sie mir zurück. "Das ist bei Helene Fischer auch nicht auszuschließen." Diesmal war ich es, die die Augen rollte.

"Und wie wäre es mit einer Mütze, Handschuhen, einem Schal?", fragte ich. Die Wombi schüttelte den Kopf . "Zu gefährlich", sagte sie, "ich könnte das Zeug verlieren und dann gibst du mir wieder kein Taschengeld, weil ich die Teile nachkaufen muss." Ich fühlte mich schlecht. Was war ich doch für ein elendes Fräulein Rottenmeier.

"Aber die Stiefel, die ich dir letztes Jahr gekauft habe, die wirst du ja wohl nicht so leicht ausstreuen", sagte ich. "Stiefel?", fragte die Wombi und es klang so verächtlich wie "Linseneintopf?", "ich ziehe doch keine Stiefel an. Da kann ich auch gleich Helene Fischer hören."

Ich sah ihr nach. Ihre Sneakers versanken im frisch gefallenen Schnee und dicke Flocken setzten sich auf ihre Locken. Bald würden sie klitschnass an ihrem Kopf kleben.

Beim Einkaufen kam ich bei der Bushaltestelle an einer Gruppe von Wombis vorbei. Beide Geschlechter stellten ihre bloßen Knöchel und Teile ihrer Waden zur Schau. Köpfe, Hälse und Hände waren unbedeckt. Um nicht auszukühlen, trippelten die Wombis wie nervöse Pferde auf der Stelle. Es sah aus, als müssten alle dringend aufs Klo.

Die einzigen Stiefel, die zur gleichen Zeit auf den Bus warteten, gehörten zu einer Frau meines Alters.  Sie trug sogar einen Hut, woraus die Wombi schließen würde, dass sie gern Hansi Hinterseer oder Andreas Gabalier hört.

Weiße Sneakers

Am Nachmittag, es war schon dunkel, kam die Wombi zitternd und durchgefroren von der Schule nach Hause. "Ich muss sofort in die Badewanne", erklärte sie und stellte ihre durchfeuchteten Sneaker unter die Heizung. Ihre Jacke war ein nasser Lappen. "Dir ist doch nicht etwa kalt?", fragte ich, "vielleicht ziehst du dich morgen doch wärmer an." "Nein. Wieso? Das hat doch nichts damit zu tun", sagte die Wombi, "der Klimawandel ist an allem schuld." Es war eine Wombi-Logik.

Abends, als ihre Füße in weichen Socken steckten und der Rest ihres Körpers in einem flauschigen Overall mit Einhornkapuze, sprach ich das Thema "Bekleidung im Winter" noch einmal an. "Warum zieht ihr euch so komisch an?", fragte ich. Die Wombi gähnte gelangweilt, als wäre es so sonnenklar und nur ich hätte es wieder einmal nicht verstanden.  "Es geht um die Fußtaille."

Fußtaille? Was war das schnell wieder? Ich hatte noch nie davon gehört. "Äh", sagte ich, "wo befindet sich diese Fußtaille?" Die Wombi setzte sich auf, schob die Kuschelsocke nach unten und zeigte mir ihre Achillessehne. Je ausgeprägter diese sei, je schärfer sie sich vom Rest des Beines abhebe, desto besser. "Und das heißt Fußtaille?", fragte ich sie. "ICH sage Fußtaille dazu", klärte mich die Wombi auf, "du kannst auch Sehne dazu sagen oder Helene."

"Und es geht darum, wer die schönste Fußtaille hat?", fragte ich. Die Wombi seufzte: "Nein. Also irgendwie auch ja. Das ist schwer zu erklären. Ich schaue immer auf die Fußtaillen der anderen."

Ich betrachtete die "Fußtaille" der Wombi und sagte "Aha".

"Ja, ich weiß. Deine ist viel schöner als meine", sagte sie, "das ist total unfair."

"Du weißt wie meine Fußtaille aussieht?", fragte ich verwundert. Die Wombi nickte.

Ich wusste es nicht. Beide starrten wir auf meine Sehne, die einem Kabelstrang mit seitlichen Grübchen glich. "Vielleicht ist das eine Alterserscheinung, dass meine stärker hervortritt", sagte ich, "vielleicht ist deine auch nur unterkühlt."

"Ich hüpfe auch nicht so viel zu Helene-Fischer-Musik herum wie du", sagte da die Wombi, "wenn das der Preis für eine schöne Fußtaille ist, behalte ich lieber meine."

Schwarze Socken

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