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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Flop oder Drop: So werden Teenager reich

"Haste mal 500 Euro?` fragt die Tochter die verblüffte Mutter. Immerhin nicht als Taschengeld, sondern als Darlehen. "Wegen der Drop-List" Christiane Tauzher ist verwirrt und lernt eine unter Teenagern beliebte Geldquelle kennen.

Junge Frau beim Onlineshopping

Bei der Drop-List gilt es, im richtigen Moment zuzuschlagen (Symbolbild)

Getty Images

Es soll junge Menschen geben, die Nachhilfe geben oder Babys sitten, um ihr Taschengeld aufzubessern. Der junge Mensch, den wir zuhause haben, motzt lieber über die Höhe seines Taschengeldes und verbringt seine Freizeit im Bett oder im Badezimmer. Mit vierzig Euro im Monat, so hielt sie uns vor, gehöre sie zu "den Ärmsten" in ihrem Freundeskreis. Der Olaf hat daraufhin angeboten, für jede Ballade, die sie auswendig aufsagen könne, zehn Euro zu zahlen. "Ihr macht viel zu wenig Gehirntraining in der Schule", sagte der Olaf. Die Wombi lernte daraufhin zu unserer Verwunderung tatsächlich Schillers "Handschuh", kassierte die zehn Euro und war hinterher so ermattet, dass sie schon um acht im Bett lag. Ihr Gehirn war die Überbeanspruchung nicht gewöhnt.

"Für die 'Bürgschaft' zahle ich zwanzig Euro", verkündete der Olaf.  Die Wombi war zu diesem Zeitpunkt bereits zurück in den Wombat-Modus verfallen. Sie döste mit vollem Keksbauch vor sich hin und öffnete nicht einmal ein Auge, als ihr Vater ihr Zimmer betrat und ihr die Zwanzig-Euro-Karotte vor die Nase hielt. Diese Tür war zu. Wombats lernen keine Balladen für einen Bettel. Vor allem dann nicht, wenn es andere Wege gibt, um an richtig viel Schotter zu kommen.

Ein solcher tat sich wenige Tage später auf. Die Wombi kam aufgeregt von der Schule und fragte mich, ob ich ihr auf die Schnelle fünfhundert Euro borgen könnte. "Du bekommst sie nächste Woche zurück", versprach sie. Abgesehen davon, dass ich keine fünfhundert Euro zum Verborgen hatte, war ich gespannt wie ein Flitzebogen, wofür eine 14-Jährige soviel Geld brauchte.

"Es ist wegen dem Drop", sagte sie. "Drop?", fragte ich, "willst du dir Süßigkeiten kaufen?" Sie rollte die Augen. "Mami, die Drop-List von Supreme!" Ich verstand noch immer nicht. Es war so uncool von mir, nicht zu wissen, wobei es sich bei einer Drop-List von Supreme handelt. Supreme klang für mich nach Autoteilen. Reifen oder Felgen, vielleicht auch Auspuffe. Falsch. Es ist eine amerikanische Skateboard- und Kleidermarke. Ich las im Internet nach und erfuhr, dass der Wert dieser Marke auf über eine Milliarde US-Dollar geschätzt wird. Was an überweiten Kapuzenpullovern, Jacken und Hauben mit riesigen Logo-Prints schön sein sollte, konnte ich mir nicht erklären.

Sweatshirt mit Jesus und Maria aufgedruckt

Jesus und Maria auf dem Kapuzenpulli - muss man mögen

Ich las weiter. Der Drop, den Supreme wöchentlich online stellt, ist eine Auswahl besonders hässlicher Teile, die tausendfach mit Daumen hoch/Daumen nieder von seinen Jüngern bewertet werden. Im aktuellen Drop gibt es zum Beispiel ein "Jesus and Mary Hooded Sweatshirt" um 178 Dollar, auf dem die Köpfe vom dornengekrönten Jesus und seiner Mutter mit Heiligenschein prangen. Zu Weihnachten eine glatte Themenverfehlung. Wenn schon, hätte Supreme zumindest ein Kindlein in der Krippe oder die Heiligen drei Könige auf ihre Pullover drucken können.

"Das gefällt dir?", fragte ich die Wombi. Augenverdrehen. "Natürlich nicht", antwortete sie. "Man muss die gut bewerteten Sachen kaufen, solange der Drop aktuell ist und dann schnell um das Doppelte weiterverkaufen", klärte mich meine Tochter auf. Das Zeitfenster, in dem man kaufen könne, sei nur ein paar Minuten offen. Man müsse schnell sein. "In der Schule haben die Jungs heute die Uhr in der Klasse um zehn Minuten vorgestellt, damit sie Jesus und Maria bekommen. Blöderweise hat die Kreditkarte dann nicht funktioniert." Ich staunte.

"Man verdient damit richtig viel Geld. Die Teile aus dem Latest Drop kann man zu Höchstpreisen weiterverkaufen. Man kriegt sie dann nirgends mehr", sagte die Wombi. Meinen Einwand, dass der Pullover doch erst aus Amerika verschickt werden müsse, ließ die Wombi nicht gelten. "Die Post ist heutzutage schnell", sagte sie, die in ihrem Leben noch nie irgendetwas verschickt hatte. Sich auf die Post zu verlassen, war ein unsicheres Geschäft. Aber ich sagte es ihr nicht.

"Ich möchte da auch einsteigen", erklärte sie mir. Man müsse etwas riskieren. Karl Wlaschek, der Multimillionär aus Österreich, der aus dem Nichts eine Lebensmittel-Kette namens Billa aufgezogen hatte, hätte auch schon als Schulbub seine Pausenbrote verkauft. "Wer nicht wagt, gewinnt auch nichts", belehrte mich die Wombi. Der Haken an dem Wagnis war nur, dass ich mit meinen 500 Euro in Vorlage treten sollte. Die Wombi hatte nichts zu verlieren.

Abends erzählte ich dem Olaf von der Drop-List. Wir lagen mit dem Laptop im Bett und vergrößerten uns den Renner der Liste: eine rotorangefarbige Bomberjacke mit Camouflage-Musterung um 348 Dollar. "Wer zieht so was an?", fragte mich der Olaf. "Ich glaube niemand", sagte ich, "es ist so etwas wie Handelsware."

Der Olaf ging zur Wombi. "Ich habe von dem Drop gehört", sagte er. Wombis Augen leuchteten. "Ja", flötete sie, "und borgst du mir das Geld?"

"Sicher", sagte er. "Wenn du mir die "Bürgschaft", den "Erlkönig", die "Füße im Feuer", den "Taucher", die "Brück' am Tay", "John Maynard", den "Zauberlehrling" und die "Zwei Raben" auswendig aufsagen kannst."

Ein Schnäppchenangebot.

Aber die Wombi ...

Sieht sich stumm,
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und damit hatte es sich ausgedroppt.

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