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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Huch! Die Tochter kann ja waschen, putzen, backen! (Nur nicht zu Hause)

Die Tochter arbeitet auf dem Bauernhof - und überrascht alle mit ihrem großen Eifer und vielfältigen Fähigkeiten in Haus und Hof. Christiane Tauzher freut sich, dass die Pubertierende nun endlich eine echte Hilfe im Haushalt wird. Zu früh gefreut ...

Eine junge Frau beim Putzen

Außerhalb der eigenen vier Wände passieren manchmal unfassbare Dinge: Die Tochter putzt! (Symbolbild)

Getty Images

Nach den drei Wochen, die die Wombi von der Schule aus bei einem Bauern gearbeitet hatte, trank sie Milch wie Wasser und kannte jede TV-Abendserie. Bei der Waltraud, der Bäuerin, wohnte sie in einem holzvertäfelten Zimmer mit eigenem Fernsehapparat.

Nach vier Kindern war die Bäuerin abgehärtet und der Meinung, dass Verbote keinen Sinn machen würden. Ich habe nur zwei Kinder und bin noch nicht so weit in meiner Gelassenheit. "Nein", sagte ich der Wombi, "du bekommst keinen Fernsehapparat ins Zimmer. Weil ich es nicht will." Sie fand das "total mies" von mir und wollte zur Waltraud zurück. Dort sei alles lockerer gewesen und alle wären miteinander ausgekommen.

Als der Olaf und ich die Wombi in der Halbzeit auf dem Bauernhof besuchten, saßen wir um einen schweren Tisch aus Eiche und aßen ein Bio-Huhn, das die Wombi in den Ofen geschoben hatte. Die Waltraud und ihr Mann schwärmten von unserer "fleißigen, freundlichen, ordentlichen und hilfsbereiten" Tochter. Sie hätte sich bei jeder Art von Arbeit als geschickt erwiesen. Ob beim Melken, beim Kühe Waschen, bei der Feldarbeit, bei der Küchenarbeit, beim Babysitten oder bei der Gartenarbeit.  Lächelnd saß die Wombi da und sagte "seht ihr?" Wir sahen es. Sogar die Fenster hatte sie uns zu Ehren geputzt.

Zehn Tage später hatten wir sie wieder zurück. Wahrscheinlich weil wir keine Kühe und kein Feld haben, fiel der Eifer von ihr ab wie eine alte Hautschuppe.

"Hilfst du mir beim Fensterputzen", fragte ich sie einmal, "die Waltraud hat gesagt, du bist ein richtiger Profi." Die Wombi versprach "später" mitzuhelfen und kam nicht mehr aus ihrem Zimmer. "Hilfst du mir die Blätter zusammenzurechen?", fragte ich sie ein anderes Mal. Sie sagte, dass sie gerne geholfen hätte, dass es aber ein eingewachsener Nagel unmöglich mache einen Schuh anzuziehen. Zwei Stunden später traf sie eine Freundin und ging federnden Schrittes mit Vans an den Füßen über die Gasse.

Ein paar Tage verstrichen, bis ich sie bat, mir beim Aufräumen des Kellers zu helfen. "Es tut mir leid", sagte sie, "aber ich habe schon was vor." Das Vorhaben bestand darin, ein Ründchen zu schlafen.

Ich wusste nicht, wen die gelassene Bäuerin Waltraud drei Wochen lang bei sich einquartiert hatte -  die Wombi konnte es nicht gewesen sein. Als der Olaf nach Hause kam, gab es Stunk. Mit starrem Blick hörte sich die Wombi unsere Klagen über sie an. Sie sah dabei in die weiße Wand, als wäre sie weggetreten oder hypnotisiert.

"Vom Kühemelken haben wir nichts"

"Hast du eigentlich auch irgendetwas Nützliches auf diesem Bauernhof gelernt?", fragte sie der Olaf, "vom Kühemelken haben wir nichts."

Nachdem wir alles gesagt hatten, erwachte die Wombi aus ihrer Trance und trollte sich. Es war schon dunkel, als sie sich in der Küche einsperrte. "Was wird das?", fragte der Olaf und klopfte. "Ihr werdet es schon früh genug sehen", antwortete sie, "lasst mich jetzt in Ruhe." Es klang nach, "ich werde es euch schon zeigen." Der Olaf und ich hörten es hinter der Tür sprudeln, zischen, dampfen, malmen und blubbern.

Nach einiger Zeit zog ein süßer warmer Duft durch die Ritze unter der Tür.

Geräuschvoll drehte die Wombi den Schlüssel um und schwang die Küchentür auf. Der Geruch, der sich dahinter aufgestaut hatte und der jetzt wie ein Schneebrett über uns hereinbrach, trieb uns fast die Tränen in die Augen. Es war ein längst vergessener Duft nach Geborgenheit, Liebe, Kindheit und Ferien auf dem Land.

"Es gibt Bauernkrapfen", rief die Wombi aus der Küche. Wir setzten uns an den gedeckten Tisch und betrachteten mit Ehrfurcht die goldbrauen Knusper-Fladen, in deren Mitte ein Patzen Marmelade glänzte. Die Wombi stäubte Zucker darüber.

Schweigend aßen wir. "Köstlich", sagte der Olaf. "Wunderbar", sagte ich. "Noch einen", sagte der Mini. "Jetzt seht ihr, dass ich doch etwas Nützliches gelernt habe", sagte die Wombi. Wir nickten anerkennend. Als wir so viele Krapfen gegessen hatten, wie wir konnten, waren noch immer dreißig Stück übrig. "Ich teile sie unter den Nachbarn auf, solange sie noch warm sind", schlug die Wombi vor.

Wir blieben in der Küche zurück, die maximal verwüstet war. Fünfzehn Minuten warteten wir auf Wombis Rückkehr. Es war inzwischen spät geworden. Der Mini musste ins Bett. Ich begann aufzuräumen und sauber zu machen. Nach über einer Stunde kam die Wombi von der Krapfenverteilung zurück. Ich wischte gerade zum dritten Mal rund um die Herdplatte den Boden auf, der von einem Film aus Butterschmalz überzogen war. Die restliche Küche blitzte in der Zwischenzeit wieder.

"Wo warst du denn solange?", fragte ich die Wombi.

"Ich musste fünf Mal das Rezept aufschreiben und erzählen, wie ich die Krapfen gemacht habe", sagte sie, "alle waren begeistert."

"Und wann wolltest du dich um die Küche kümmern?", fragte ich.

"Morgen", versicherte mir die Wombi, "nach der Schule."

Ommmm! Der Olaf sagt jetzt Waltraud zu mir.

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