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C. Tauzher: Mutter in Rage und ihre Kinder: "Willst du nicht lieber arbeiten gehen, Mama?"

Die Tochter hat immer gerne und viel gegessen, sogar das Kantinenessen in Kita und Schule. Das ändert sich, als Christiane Tauzher anfängt, zu Hause jeden Tag selbst zu kochen. Woran mag das liegen? Tauzher lernt es auf die harte Tour.

Einem Mädchen schmeckt das Essen nicht

Ihr schmeckt's nicht. Für die Tochter ist Mutters Selbstgekochtes nicht der Gipfel der kulinarischen Genüsse

Getty Images

Die Mücke war von Geburt an unersättlich. Zum Ausgleich bekamen wir zehn Jahre später einen Asketen, den Mini, der sogar Schokolade und Milch verschmähte und der dort eine Grube hat, wo bei der Mücke und beim Olaf ein Bauch ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Olaf sagte immer, dass der gesunde Appetit der Mücke ein Zeichen eines intelligenten Magens sei. Den intelligenten Magen, der alles vertrug und nichts wieder hergab, hatte die Mücke von ihm.

Jeden Tag erzählte mir die Pädagogin im Kindergarten, wie brav die Mücke aufgegessen habe. Das war in Anbetracht der Speisen, die von einer Großküche tiefgefroren angeliefert und im Kindergarten wieder aufgetaut wurden, täglich aufs Neue erwähnenswert. Ich vermute, dass die Mücke die Einzige war, die "brav aufaß". Meldungen von Durchfällen, an denen die anderen Kinder tagelang litten, machten die Runde, und das Kindergartenessen stand unter Verdacht. Der Mini wäre vermutlich dort verhungert. Um die Mücke brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, solange Schnitzel, Knödel und Palatschinken auf dem Speiseplan standen.

Mit der Verfressenheit der Mücke war es zu Ende, als ich meinen Beruf an den Nagel hängte, um mich ganz ihr zu widmen. Dazu gehörte auch ein frisch gekochtes Mittagessen.

Gute Mütter kochten, und ich wollte eine gute Mutter sein. Lang genug hatte ich mich nur meiner Karriere gewidmet. Damit war jetzt Schluss. Der Olaf fand die Idee gut, und da wir in der Anfangszeit unserer Beziehung einen Spargel-Kochkurs an der Volkshochschule besucht hatten, zweifelte er nicht an meinen Künsten hinter dem Herd.

"So etwas verlernt man ja nicht", sagte er und machte mir Mut.

Mein Problem war, dass ich mit den meisten Rezepten nichts anfangen konnte, da ich mindestens eine Zutat nicht kannte und das Rezept dann entweder abänderte oder mich gar nicht daran hielt.

Als ich der Mücke sagte, dass ich jeden Tag für sie kochen würde, freute sie sich. Aber die Freude hielt nur kurz an. Ich machte Eintöpfe, Aufläufe und Reisgerichte, vermischte alle Zutaten zu einem mehr oder weniger groben Brei und tat überall Senf und Schafskäse dazu, "damit es auch nach etwas schmeckt." Der Appetit der Mücke nahm über Nacht ab. Sie stocherte lustlos in den Breitöpfen herum, und wenn sie mich fragte, was das denn sein solle, antwortete ich: "Gut, gell? Hab ich selbst erfunden. Die Mami braucht kein Rezept. Das denkt sich die Mami alles selber aus."

Nach der ersten Woche, wollte die Mücke wissen, wann sie wieder im Kindergarten essen könne. Ich war natürlich ein bisschen beleidigt und befragte den Olaf, der am Abend immer die Reste des Mittagsbreis bekam, ob sein intelligenter Magen etwas an meinem Essen auszusetzen habe.

"Ist eh gut", sagte er und ließ nichts übrig.

Das Kind nimmt ab - liegt's an mir?

Dass das Abendessen seine einzige Mahlzeit des ganzen Tages war, spielte dabei sicher keine Rolle. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass er in dem ausgehungerten Zustand, in dem er täglich nach Hause kam, auch einen panierten Karton mit Genuss verspeist hätte. Aber diesen Gedanken verdrängte ich gleich wieder. Die Mücke nahm ab und ich hatte eine logische Erklärung dafür: Das Kind aß deshalb weniger, weil es gerade einen Wachstumsstopp, also das Gegenteil eines Wachstumsschubes hatte.

Während der Sommerferien nahm sie wieder zu, weil der Olaf fast jeden Tag grillte und mein Herd kalt blieb.

Als die Mücke in die Schule kam, holte ich sie jeden Tag nach dem Unterricht ab. Sie beneidete ihre Klassenkollegen, die in der Schule essen durften. Manchmal sah ich sie mit langen Zähnen vor dem Speiseplan stehen, der in der Aula angeschlagen war. Und obwohl sie noch nicht lesen konnte, ahnte sie, dass es Germknödel, Grießkoch und Speckknödel geben könnte. Sicher nichts mit Schafkäse oder Senf.

Nach ein paar Wochen beklagte sie sich beim Olaf, dass ich nie etwas "Pikantes" kochen würde und dass alles gleich schmecke. Der Olaf wunderte sich, da er ja jeden Tag dasselbe wie die Mücke bekam und das war an sechs von sieben Tagen pikant. Süße Eintöpfe hatte ich nicht im Repertoire. Und Palatschinken konnte nur der Olaf gut.

"Was meinst du mit 'pikant'?", fragte sie der Olaf.

"Pikantes eben", antwortete sie und klang ein bisschen verzweifelt, "alle kriegen in der Schule jeden Tag etwas Pikantes. Nur ich nicht." Es brauchte ein paar Anläufe, bis sich herausstellte, dass sie "Bekanntes" wie Schnitzel, Mohnnudeln oder Pizza meinte.

"Ach so", sagte ich, "das, was ich koche, schmeckt dir also nicht?"

Die Mücke nickte verschämt, weil sie mich nicht kränken wollte. Natürlich war ich trotzdem gekränkt.

"Bekanntes kann ich nicht", sagte ich, "dazu bräuchte ich ein Rezept".

Ich gab mich geschlagen

Jetzt schaute mich der Olaf mit einem fragenden Blick an. Er war mit einer Frau verheiratet, die keine Rezepte lesen konnte?

"Willst du nicht lieber wieder in ein Büro arbeiten gehen?", fragte mich die Mücke, "dann kann ich in der Schule essen. Dort war es nicht so schlecht."

Dass der Olaf das auch viel "praktischer" fand, wunderte mich nicht. Wann immer sich die Möglichkeit bot, für die Mücke Partei zu ergreifen, ergriff er sie.

Mit hängenden Schultern gab ich mich geschlagen. "Gut", sagte ich, "ab nächster Woche kannst du über Mittag in der Schule bleiben."

Mücke und Olaf lachten, als hätten sie ein Wettrennen gegen mich gewonnen.

"Aber", sagte ich, "am Wochenende kochen wir alle gemeinsam." So schnell wollte ich die kulinarische Erziehung meiner Tochter nicht schleifen lassen, auch wenn ich eine miserable Lehrerin abgab. Aber ich selbst war das beste Beispiel dafür, was herauskam, wenn man als Kind nie an den Herd gelassen wurde.

"Oder", ergänzte der Olaf, "wir gehen essen."

Wir gingen öfter essen als wir gemeinsam kochten, denn der intelligente Magen der Mücke wollte verwöhnt und nicht einfach nur abgespeist werden. Und mein Fachgebiet war eher die "Abspeisung".

Als der Geburtstag der Mücke näher rückte, konnte ich mich nicht zurückhalten und machte den "Nach Gefühl"-Kuchen, bei dem die Zutaten aus dem Bauch heraus zusammengemischt werden. Er schmeckte gar nicht so schlecht und war nur ein bisschen am Rand verbrannt. Ich fand, dass dieser Kuchen das Zeug dazu hatte, bekannt zu werden. "Das nächste Mal schreibe ich das Rezept auf", sagte ich. Wäre der Olaf nicht am Abend mit einer originalen Sachertorte für die Mücke nach Hause gekommen, hätte mein "Nach Gefühl"-Kuchen eine bleibende Erinnerung hinterlassen. Aber der Olaf hatte es natürlich "nur gut gemeint" und kostete dann auch ein dünnes Stück von meinem Kuchen.

"Mmmmhhhhhhh", machte er. "Ich glaube", sagte er, da kannst du morgen ein großes Stück in die Schule mitnehmen." Die Mücke nickte. Und das war für mich das größte Kompliment.

Im Vergleich zur Königin der Torten, die in einer eigens für sie angefertigten Holzkiste verpackt war und ein kleines Vermögen kostete, schmeckte mein Kuchen natürlich mau, aber eine Zutat erhob sich über alle anderen. Die Liebe, die ich mitgebacken hatte und die in keinem Rezept steht. Von der Liebe kann man nie zu viel erwischen. Und auch wenn die Sachertorte ein Holzkistchen und die perfekte Schokolade-Glasur hat, nach Liebe wird sie nie schmecken.

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