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C. Tauzher: Die Pubertäterin Nebenwirkungen des Lockdown? Warum die Teenagerin plötzlich Triopse züchten will

Drei Triops longicaudatus in einem Aquarium
Die Teenagerin interessiert sich plötzlich für Urzeitkrebse wie Triops longicaudatus
© Micha L. Rieser
Manchmal, wenn die Zeiten schwierig sind, müssen es einfach Urzeitkrebse sein. Denkt die Teenagerin. Ihre Mutter Christiane Tauzher  erinnert sich jedoch an frühere Versuche mit Tieren in Aquarien ...

Man stelle sich vor, man könnte vier Wochen lang in kein Geschäft gehen, alles bis auf Grundversorger würde schließen, die Menschen müssten zuhause bleiben, eine Periode des Abschottens würde anbrechen – was würde man am letzten Tag, an dem noch ALLE Geschäfte offen haben, unbedingt noch besorgen müssen? Richtig, eine Triopse-Aufzucht-Station.

„Es war die letzte“, seufzte die Teenagerin glücklich, als sie die riesige Schachtel aus dem Spielzeugladen zuhause auspackte. „Warum Triopse?“, fragte ich und „bist du dazu nicht schon etwas zu alt?“ und „wozu soll das gut sein?“ Die angehende Züchterin hielt mir einen Vortrag darüber, dass es eine einzigartige Erfahrung sei, „dem Leben beim Wachsen zuzusehen.“ Ich sah sie lange an, um hinter das Geheimnis zu kommen:

  • Vielleicht war das Triopse-Ding eine „Challenge“ aus dem Internet – erst züchten, dann vor laufender Kamera aufessen.
  • Vielleicht gab es einen Angebeteten, der sich für Triopse interessierte. (Diese Möglichkeit schien mir am unwahrscheinlichsten.)
  • Vielleicht hatte der Biologie-Lehrer mit einer erfolgreichen Urzeitkrebs-Zucht die Verbesserung der Note in Aussicht gestellt.
  • Vielleicht setzte auch nur die coronabedingte Verblödung nach dem Motto „ich bin jung, holt mich hier raus“ ein.
  • Vielleicht steckte etwas ganz anderes dahinter. Stufe eins eines ausgeklügelten Plans ...

Ich fragte besser nicht nach. Der Olaf fand die Idee „süß“ und konnte nicht glauben, dass ich mich nicht mehr daran erinnerte, dass vor zehn Jahren alle Krebse über Nacht gestorben waren und dass das ein traumatisches Erlebnis für unsere damals sechsjährige Tochter gewesen sei. Ich wusste es nicht mehr.

Anfang der 2000er-Jahre war ich mit dem Familienaquarium beschäftigt gewesen, das unsere Tochter UNBEDINGT hatte haben müssen. Fast täglich begrub ich einen Fisch/eine Schnecke/einen Molch in der Toilette, weil das Wasser des Aquariums gekippt war, die Fische sich überfressen hatten oder verhungert waren oder übereinander hergefallen waren, die Pumpe eingegangen war oder weil sich von diversen Dekoartikel, mit denen das Aquarium vollgestellt war, die Farbe gelöst hatte, die für die Fischlein den sicheren Tod bedeuteten. An diese Zeit erinnere mich noch sehr gut. Herr Kurt hieß der Zierfisch-Experte aus der Tierhandlung, der mir einmal einen wunderschönen Schleierfisch verkaufte, dessen Besonderheit darin bestand, dass er keine Mitbewohner duldete und innerhalb einer Nacht alle anderen lynchte. Zehn Bestattungen an einem Tag waren der traurige Höhepunkt meiner Karriere als Aquaristin. Dass zwischen all diesen vielen Wasserbestattungen auch Triopse beklagt wurden, hatte mein Gehirn gelöscht.

„Ich will keine Krebse in der Wohnung“, sagte ich zum Olaf.

„Geh, bitte, mach dich nicht lächerlich“, antwortete der Olaf.

Ich hatte das schon zu oft erlebt. Zuerst waren es nur harmlose Krebse (Phase 1) aus dem Spielzeugladen. Doch dann würden es Eidechsen (Phase 2) werden, vielleicht dazwischen noch Schildkröten (Phase 2 ½) und zum Schluss dicke hässliche Warane (Phase 3), deren Terrarium die Hälfte des Zimmers einnehmen würde. In der Nacht träumte ich von einem elefantengroßen Waran, der mich in seiner Gewalt hatte.

In der Zwischenzeit grub die Teenagerin eine Wärmelampe auf dem Dachboden aus – „damit die Babys die richtige Temperatur beim Schlüpfen haben“ – und baute die Musikanlage ab, um Platz für die Zuchtstation zu schaffen, die aus einer schuhkartongroßen Plastikwanne bestand. Es konnte los gehen.

Eine Woche ist seither vergangen. Eine dünne Staubschicht hat sich auf das leere Becken gelegt, die Wärmelampe ist kalt geblieben.

„Hast du doch die Lust am Züchten verloren“, fragte ich vorsichtig. Die Teenagerin setzte ein trauriges Gesicht auf. „Ich habe vergessen, destilliertes Wasser zu kaufen – und ohne destilliertes Wasser funktioniert es nicht.“

Ich überlegte kurz, dem Kind zu verraten, dass es Wasser dieser Art in jedem Drogeriemarkt kaufen konnte, der auch während des Lockdowns geöffnet hat, entschied mich aber dagegen.

„Das ist blöd“, sagte ich stattdessen.

Ich tat es, weil die Chance den Plan in Phase 1 zu boykottieren, einfach zu verlockend war.

Lieber einmal auf Nummer sicher gegangen.

Warane passen nicht durch die Toilette.


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