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Gewalt gegen Kinder: Wenn Eltern zuschlagen

Sie sind die Schwächsten der Gesellschaft - und dennoch: Für viele Kinder gehört Gewalt ihrer Eltern zum Alltag. Schutzgruppen wollen nicht nur den Kindern helfen - auch die Eltern brauchen Hilfe.

Von Katharina Grimm

Die Eltern waren wohl betrunken, als der Vater zuschlugt. Er wollte seine Frau treffen. Die hatte ihr kleines Kind, einen Säugling, auf dem Arm und machte einen abwehrenden Schritt zurück. Statt der Frau traf die volle Wucht des Schlages das Kind. Es wurde gegen den Heizkörper geschleudert. Der Rettungswagen kam. Dann begann die Arbeit von Dr. Axel Hennenberger.

Der Chefarzt der Intensivabteilung ist dankbar, dass solche Vorfälle nicht alltäglich sind. Denn das Kind überlebte den Vorfall nicht. Am katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift im Nordosten Hamburgs erleben die Mediziner, Pfleger und Pädagogen häufig, wie Gewalt für Kinder zum Alltag dazugehört. "Der tut sich ständig weh", "sie ist halt schusselig" oder "keine Ahnung, wie das passiert ist" sind oft die Ausreden und fadenscheinigen Erklärungen von Eltern für die Verletzungen ihrer Kinder.

Seit 2007 gibt es eine Kinderschutzgruppe am Wilhelmstift. Kommt ein Kind mit auffälligen Verletzungen in das Krankenhaus, prüft das Expertenteam, wie diese entstanden sein können. Ein Sturz vom Klettergerüst oder ein Fahrradunfall? Inzwischen gibt es dazu sogar Broschüren, die sensibilisieren soll: Die Techniker Krankenkasse hat mit dem Land Sachsen-Anhalt einen Leitfaden für Lehrer und Erzieher zusammengestellt.

Die dort aufgezählten Symptome lesen sich wie ein Gruselkabinett: Blutergüsse, Kratz- und Bisswunden, Augenverletzungen, Griffmarken. Flächenhafte Blutungen im und am Auge entstünden durch einen direkten Schlag. Landkartenartige Verbrennungen am Gesäß würden entstehen, wenn das Kind auf die heiße Herdplatte gesetzt wird. "Ich kann ihnen anhand der Verletzungen sehr genau sagen, wie breit ein Gürtel oder Stock ist, mit dem ein Kind geschlagen wurde", sagt Hennenberger. Die Blutergüsse würden Doppelstreifen hinterlassen – eine Verletzung, die beim Spielen kaum entstehen kann.

Bei der Diagnose müssen sich die Ärzte sicher sein, dann werden Eltern befragt. Man müsse vorsichtig vorgehen und dürfe die Eltern nicht in eine Ecke drängen, so die Sozialpädagogin vom Wilhelmstift, Birgit Schwiderowski. Schließlich will die Schutzgruppe auch die Eltern miteinbeziehen. Werden sie als Täter stigmatisiert, gelingt dies kaum noch. In dringenden Fällen werden Kinder in der Klinik behalten, um sie aus dem gefährdenden Haushalt herauszuholen. Dann wird das Umfeld durchleuchtet, zum Teil auch die Rechtsmedizin eingeschaltet, um Spuren zu sichern. Die Schutzgruppe prüfe aber auch die Interaktion mit den Eltern: Läuft das Kind auf die Eltern zu? Wie verhält es sich der Mutter oder dem Vater gegenüber? Wirkt es ängstlich?

Die Statistik in Deutschland ist erschreckend: Knapp ein Viertel aller sechs bis 16-Jährigen wächst mit Gewalt auf – das sind fast drei Millionen Kinder. Vor allem Kinder aus ärmeren Familien werden häufiger Opfer

Dort werden 32 Prozent der Kinder oft oder manchmal geschlagen. Bei besserverdienen Familien waren es nur 6,6 Prozent. Zu diesen Ergebnissen kommen Wissenschaftler der Uni Bielefeld. Auch die Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Deutschland steigt. In insgesamt 107.000 Fällen musste das Jugendamt eingreifen.

Bei knapp einem Viertel dieser Kinder gab es Anzeichen körperlicher Misshandlung. Laut dem Statistischen Bundesamt sterben täglich drei Kinder in Deutschland – durch Unfälle, Selbstmorde, aber auch Gewalttaten. Zwar nimmt die Zahl der Todesfälle seit Jahren ab. Dennoch zählen Unfall, Suizid und Gewalt zu den häufigsten Todesarten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

Auch Rainer Martin setzt sich bereits seit gut 20 Jahren für Kinder ein. Er leitet das Kinderschutzzentrum in Lüdenscheid. Solche Einrichtungen gibt es in ganz Deutschland. Rund 400 Fälle betreut das Zentrum pro Jahr: Sexuelle, psychische und körperliche Gewalt an Kindern, aber auch Vernachlässigung zählen dazu. Meist würden sich besorgte Omas, Nachbarn, aber auch Lehrer oder Erzieher melden, wenn sie fürchten, dass ein Kind Gewalt erleben muss. Er arbeitet mit einem Team, auch um die Geschichten, die hinter den Fällen stehen, verarbeiten zu können. "Einzelkämpfer sind hier schnell überfordert", sagt Martin. Auch er versucht zunächst die Eltern zu erreichen. "Ich muss mich in die Denke hineinversetzen", sagt Martin. Sie müssten sich eingestehen, dass es Probleme in der Familie gibt – das falle nicht leicht.

"Aus Opfern werden Täter", sagt Hennenberger. In den Gesprächen mit den prügelnden Eltern erfahren die Schutzgruppe-Mitglieder meist, dass auch diese selbst als Kind geschlagen wurden. "Das sind erlernte Strukturen: Probleme werden mit Zuschlagen gelöst", sagt Hennenberger. Diese Eltern sind meist vollkommen überfordert mit ihrem Kind, vielleicht weil es ungewollt war. Oder weil die Eltern Arbeitsstress, Paarprobleme oder finanzielle Nöte haben.

Ähnlich ging es wohl auch den Eltern von Kevin aus Bremen, Chantal aus Hamburg und Lea-Sophie aus Schwerin. Ihre Namen haben traurige Berühmtheit erlangt – sie sind durch Vernachlässigung und Gewalt gestorben. Aber durch die Todesfälle wurde das neue Bundeskinderschutzgesetz aufgesetzt. Die Arbeit der Jugendämter sei professioneller geworden, bestätigen die Kinderschützer. Nach der Frage, ob er viele erfolgreich abgeschlossene Fälle aufzählen kann, winkt Martin ab. Was sei Erfolg? Manchmal reiche es, wenn Eltern in seiner Einrichtung betreut und begleitet werden, um ihre Fehler zu erkennen. Aber teilweise seien Auflagen der Behörde oder gar Jugendgerichte nötig. Oder auch, das Kind aus der Familie zu holen. Ob das Erfolg sei? Ja, denn das Ziel ist: Eine gewaltfreie Kindheit für alle Kinder.

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