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Tod von Mutter und Sohn in Leipzig: Ämter prüfen mögliche Fehler

Immer wieder sterben Kinder, deren überforderte Eltern von Ämtern betreut werden. Auch im Fall des toten Jungen aus Leipzig waren Jugend- und Gesundheitsamt eingeschaltet.

Kevin aus Bremen - tot im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters gefunden. Chantal aus Hamburg - gestorben an einer Überdosis Methadon ihrer süchtigen Pflegeeltern. Und jetzt: Ein zweijähriger Junge aus Leipzig - vermutlich verdurstet neben der Leiche seiner drogenabhängigen Mutter. Die Fälle der hilflosen Kinder, die ihren unberechenbaren Eltern bis zum Tod ausgeliefert sind, wiederholen sich in Deutschland immer wieder. Jedes Mal besteht vorher Kontakt zu den Jugend-, Sozial- oder Gesundheitsämtern. Und jedes Mal wird hinterher die Frage nach einem Behördenversagen laut.

In Leipzig gibt es mehr als eine Woche nach dem Fund der Leichen von Mutter und Sohn viele Fragen, aber kaum Antworten. Fest steht: Die arbeitslose Bürokauffrau war seit ihrem 16. Lebensjahr wegen ihrer Drogenprobleme bekannt. 2010 machte sie eine Drogentherapie. Das Jugendamt teilte aber auch mit, der Vermieter der Frau habe erst im März dieses Jahres Hinweise auf einen Drogenmissbrauch gemeldet und den Verdacht geäußert, der kleine Junge sei in Gefahr. Am 10. April erschien die 26-Jährige zum letzten Mal beim Allgemeinen Sozialdienst (ASD) des Jugendamtes: "Kind und Kindesmutter machten guten Eindruck", heißt es in den Akten. Danach klafft eine Lücke.

Auf der Suche nach Fehlern im Amt

2011 starben in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamtes 146 Kinder unter 14 Jahren durch Gewalt oder Vernachlässigung - ein Fünftel weniger als im Jahr davor. 114 der Todesopfer waren jünger als sechs Jahre. Ob der kleine Junge in Leipzig vor seinem Tod vernachlässigt wurde, ist unklar. Am Montag konnte auch niemand die Frage beantworten, ob er eine Krippe besucht hat. Dort hätte sein Fehlen ja auffallen müssen.

Die Staatsanwaltschaft Leipzig untersucht nach Angaben ihres Sprechers Ricardo Schulz, ob den Ämtern bei der Betreuung der 26-Jährigen und ihres Sohnes Fehler passiert sind. "Wir prüfen, ob es Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Versäumnisse gibt", sagte Schulz. Allerdings sei in dieser Richtung noch alles vollkommen offen. Und nicht jeder Fehler im Amt sei automatisch eine Straftat. Denkbar erscheint auch, dass die Mutter die Ämter getäuscht und den Betreuern "heile Welt" vorgespielt haben könnte. In Ermittlerkreisen heißt es, diese Klientel sei durchaus "amtserfahren".

Vertreter der Drogenhilfe, des ASD sowie des Gesundheits- und Jugendamtes trafen sich am Montag in Leipzig zum Krisengespräch. Verärgert zeigte sich die Stadtspitze, dass die Polizei fünf Tage nach dem Fund der Leichen verstreichen ließ, bis die Ämter informiert wurden. "Wir wären viel weiter, wenn wir von Anfang einbezogen worden wären", sagte Sprecher Matthias Hasberg. Was die weitere Auswertung der Akten ergeben hat, wurde am Montag nicht bekanntgegeben. Vermutlich am Mittwoch wolle der Jugendamtsleiter der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen, hieß es.

Birgit Zimmermann, DPA / DPA
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