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Meinung

Corona-Shutdown: Mein Herz gehört den Kindern, aber mein Verstand ist bei Merkel

Die mangelnde Aussicht auf ein Ende des Shutdowns für kleine Kinder bringt Eltern an den Rand der Belastbarkeit. Sie fordern Hilfe und Verständnis. Doch für die Pandemie gibt es keinen Mittelweg.

Ein Kleinkind weint neben seiner Mutter

Es ist anstrengend, jeden Tag aufs Neue. Doch das Ende der Corona-Krise haben wir selbst in der Hand.

Getty Images

Das einzig Gute an der Corona-Pandemie ist die Ruhe, die sie mit sich bringt. Kein Verkehr am Himmel, kaum Verkehr auf den Straßen, zudem momentan meist blauer Himmel, Sonnenschein. Die Stille führt aber auch dazu, dass man unfreiwillig fast jedes Gespräch im Umkreis von 500 Metern belauschen kann, wohl auch, weil einige davon nicht im Flüsterton geführt werden. Kinder heulen, Eltern schreien sie an. Die Nerven liegen blank. Nach Wochen der Isolation verwundert das kaum. Beide Seiten sind am Limit. Die Kinder vermissen ihre Freunde, können nicht draußen herumtoben, langweilen sich. Die Eltern legen einen Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling hin oder müssen sich täglich neue Beschäftigungen für dreijährige Trotzköpfe ausdenken, die nicht ausgelastet sind.

Natürlich ist das eine plakative Verkürzung. Jede Familie ist anders und geht mit der Corona-Krise anders um. Doch anhand der Hilferufe, die in den sozialen Medien immer lauter werden, lässt sich die ansteigende Spannung erkennen – ebenso wie das Limit der Belastbarkeit, das für manche Eltern längst überschritten ist. Das Robert Koch-Institut legt uns täglich besser werdende Fallzahlen vor, doch für Klein- und Grundschulkinder gibt es weiterhin kein Datum, das ein Ende der Ausgangsbeschränkungen verspricht. Angela Merkel hat dies in ihrer Ansprache am Montag noch einmal sehr deutlich gemacht.

Merkel begegnet dem Virus als Wissenschaftlerin

Wir verhalten uns ein bisschen bigott. Einerseits sind wir glücklich darüber, nicht so einen Hitzkopf wie Trump als Bundeskanzler zu haben, der einfach Fakten erfindet oder verdrehte Tatsachen als Wahrheit darstellt, während er gleichzeitig Wahrheiten zu Fake News erklärt. Jemanden, der glaubte, er sei stärker als Corona und könnte das Virus durch Ignoranz bekämpfen. Unsere Bundeskanzlerin ist eine promovierte Naturwissenschaftlerin, die Zahlen, die sie vorgelegt bekommt, zu interpretieren weiß. Ihre Rechenbeispiele zur Corona-Ansteckung haben uns erst vergangene Woche wieder beeindruckt.

Merkel weiß auch, dass in der Wissenschaft Faktor um Faktor geändert wird, wenn man deren Auswirkung testen will. Sobald an mehreren Stellschrauben gleichzeitig gedreht wird, lässt sich nicht mehr sagen, welche Ursache welche Veränderung hervorgebracht hat. Käme es also nach Lockerungen für zum Beispiel Kleinkinder, Gastronomie und Religionsgemeinschaften zu einem erneuten Anstieg an Corona-Erkrankungen, ließe sich nicht ausmachen, was der Grund dafür war. Ein erneuter Shutdown für alle wäre wohl die einzige Lösung.

Das jedoch ändert nichts daran, dass unser volles Mitgefühl den Eltern und Kindern gehört, die gerade auf dem Zahnfleisch gehen. Sie müssen Gehör finden und vor allem auch konkretere Hilfe für die zum Teil prekäre Lage zu Hause.

Wir haben in der Hand, wie es weitergeht

Der Kampf gegen Corona ist für unsere Generationen das erste Mal, dass wir uns als Gesamtgesellschaft ernsthafte Sorgen machen müssen – auch wenn immer wieder angestellte Vergleiche mit (zum Glück) Kriegszeiten hinken. Die Corona-Pandemie ist im Verhältnis dazu für die meisten Menschen in Deutschland "machbar". Wir müssen nicht nachts aus Angst vor Bombenangriffen in kalte Keller flüchten. Der Krieg gegen das Virus wird sich (nach aktuellem Stand) nicht über fünf Jahre hinziehen. Zwar wissen wir noch nicht genau, wann ein Impfstoff dagegen entwickelt sein wird, aber wir können davon ausgehen, dass es 2021 passieren wird.

Vielleicht hilft es uns, wenn wir mal einen Schritt zurücktreten und unsere Situation von außen betrachten. Wenn wir uns vernünftig verhalten, besteht für den größten Teil der Gesellschaft keine Lebensgefahr. Deutschland verfügt über so viele Intensivbetten, dass wir sogar Erkrankte aus anderen Ländern aufnehmen können. Wenn wir jetzt die Arschbacken zusammenkneifen, können wir Ende des Sommers vielleicht nahezu wieder so leben wie vor Corona. Die Besserung ist absehbar, auch ohne konkretes Datum. Es liegt an uns, wie es weitergeht, das unterscheidet uns gravierend von Menschen im Krieg.

Ein paar Wochen noch, das sollten wir doch hinkriegen. Auch Eltern mit kleinen Kindern, gerade ihretwegen.

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