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Corona-Krise Für Familien ist keine Exit-Strategie in Sicht: Eltern von Kleinkindern protestieren mit Petitionen

Ein kleines Mädchen guckt aus dem Fenster
Gesellschaftliche Isolation bedeutet für Kleinkinder auch wochenlange Langeweile
© ipekata / Getty Images
Für kleine Geschäfte gelten ab heute gelockerte Beschränkungen während der Coronakrise. Für kleine Kinder jedoch nicht. Eltern von Kita- und Grundschulkindern halten das für verantwortungslos, sozial wie finanziell. Sie fordern mit Petitionen Hilfe von der Bundesregierung.

Das Ende der vergangenen Woche brachte bei vielen Eltern das Fass zum Überlaufen: Sie können nicht mehr. Die von Angela Merkel verkündeten Termine bezüglich Lockerungen der Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus betrafen Gewerbe oder größere Kinder, doch für Kleinkinder und deren Eltern würde sich nichts ändern. Die fehlende Aussicht auf eine Entlastung durch die Wiedereröffnung von Kitas sowie durch das Öffnen von Spielplätzen für ihre Kleinkinder ließ sie aktiv werden. Diskussionsgruppen wurden gegründet und Petitionen an die Bundesregierung verfasst.

So entstand am 17. April die öffentliche Facebook-Gruppe "Eltern Initiativ #elterninderkrise", in der sich inzwischen knapp 4000 Eltern darüber austauschen, wie sich das soziale Leben für Kita-Kinder und Grundschüler erträglicher gestalten lassen könnte. Die beiden Altersklassen sehen nicht dem 4. Mai entgegen, an dem größere Kinder wieder zur Schule gehen sollen. Ihr Shutdown kennt noch kein finales Datum, soll eventuell sogar bis zum Ende des Sommers dauern. Ganz sicher ist einzig: Die Kontaktbeschränkung gilt bis zum 3. Mai.

Mütter erwägen sogar Klagen

Einerseits setzt die soziale Isolation den Kindern zu – draußen scheint die Frühlingssonne, aber Spielplätze sind geschlossen und Freunde an anderen Orten zu treffen, ist ebenfalls bislang verboten. Andererseits geraten insbesondere Mütter und Alleinerziehende in immer größere Konflikte, was die Beschäftigung der Kleinen im Alltag und die Ausübung ihres Berufes betrifft. Das Recht auf einen Kitaplatz sowie eine finanzielle Erstattung bei Nicht-Unterbringung bringt (vornehmlich) die Mütter auf die Idee einer Klage.

"Nach einer Nacht voller Überlegungen habe ich mich dazu entschlossen, die Komplettschließung der Kitas gerichtlich überprüfen zu lassen. Jetzt brauche ich für einen entscheidenden Punkt Schwarmhilfe", schreibt eine Mutter. "Im Rahmen der Verhältnismäßigkeitsprüfung geht es immer um die Verhältnismäßigkeit im engeren Sinne. Das bedeutet, die Gerichte prüfen, ob es gegebenenfalls Mittel und Maßnahmen gibt, die einen deutlich geringeren Eingriff in die Rechte der Betroffenen bedeuten. Für die Kitaschließung bedeutet das, es muss dargelegt werden, dass auch andere Maßnahmen unterhalb einer Vollschließung ähnliche Erfolge im Sinne des Pandemieschutzes erzielen können, die weniger einschneidend wären."

Kleine Spielgruppen mit privater Betreuung

Am 18. April erstellte eine Mutter eine Petition mit einer anderen Zielsetzung: "Covid-19: Private Kinderbetreuung in Kleingruppen legalisieren!" Gerichtet ist sie an die Bundesregierung. Um im Bundestag angehört zu werden, muss ein Quorum von 50.000 Menschen erreicht werden. Die Forderungen konzentrieren sich auf zwei Kernpunkte:
1. Legalisierung von privaten "Care-Share-Modellen" / "fürsorgenden Gemeinschaften"
Die Idee dahinter ist Entlastung der Eltern und Sozialleben für die Kinder: "Für Kinder und Eltern wäre die Legalisierung der privaten Kleingruppenbetreuung eine sinnvolle Entlastung. Kinder kommen an die wichtigen Gleichaltrigen-Kontakte und Eltern können sich rollierend organisieren und sich dabei den Betreuungsaufwand teilen."
2. Sofortige Öffnung von Spielplätzen und insbesondere Schul-/Vereinssportanlagen für "fürsorgende Gemeinschaften"
Hier wird eine Gleichbehandlung von Wirtschaft und Sozialem gefordert: "Die Öffnung von Spielplätzen und/oder Schul-/Vereinssportanlagen wurde noch gar nicht diskutiert. Gerade im Bereich der Schul-/Vereinssportanlagen liegen derzeit riesige Flächen brach und Familien weichen auf Parkwiesen aus. Es erschließt sich nicht, warum nicht auch diese Flächen, analog Verkaufsflächen unter Personenzahlauflagen, wieder nutzbar gemacht werden sollten."

Hilferuf nach Corona-Kindergeld

Ein weiterer Hilferuf, der in einer Petition mündete, die sich an die Bundeskanzlerin wendet, kommt aus dem Homeoffice der Mutter eines Dreijährigen. Sie schrieb in der vergangenen Woche, dass sie seit vier Wochen versuche, ihren neuen Job, in dem sie noch in der Probezeit ist, und die Betreuung ihres Sohnes unter einen Hut zu bringen. Ihr Arbeitgeber erwarte volle Leistung – doch sie sei inzwischen am Rande ihrer Kräfte.

"Kinder sind keine Hobbys", schreibt die Mutter. "Die gesamte Gesellschaft und die Politik stehen in der Verantwortung und dürfen Eltern nicht einfach allein lassen. Deswegen fordere ich als ersten Schritt, dass Eltern mit kleinen Kindern ein zusätzliches Kindergeld von 1000€ pro Monat – ein sogenanntes Corona-Kindergeld – erhalten."

Sowohl Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerten am Montag Verständnis für die Nöte und Sorgen von Kindern, Eltern und Erziehern, verkündeten aber keine konkreten Schritte. "Für uns ist es nicht die abschließende Lösung zu sagen, dass die Kitas einfach bis August zu bleiben. Das ist ein Weg, der viele Eltern in zusätzlichen Stress bringt", so Giffey. Eine Arbeitsgruppe werde sich nun bis Ende der Woche erst einmal intensiv mit dem Thema beschäftigen, um zu sehen, wie weit man ein "Licht am Ende des Tunnels" aufzeigen könne.


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