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Kinder leiden unter Kita-Streik: "Dürfen wir nicht mehr in die Kita, weil wir so frech waren?"

Der Kita-Streik könnte bis Mitte Juli andauern, heißt es. Damit soll der Druck erhöht werden - nur trifft es die Falschen: die Eltern und vor allem die Kinder. Wie lange soll das noch so weitergehen?

Von Sonja Helms

Eltern bereitet der Kita-Streik immense Probleme - und die Kinder verstehen die Welt nicht mehr

Eltern bereitet der Kita-Streik immense Probleme - und die Kinder verstehen die Welt nicht mehr

Der Kita-Streik geht in die dritte Woche. Bis Mitte Juli soll er möglicherweise noch andauern. Auf die Woche nach Pfingsten haben sich viele Eltern so gut es geht eingerichtet und sind damit am Limit dessen, was sie leisten können. Aber bis Mitte Juli? Für viele Eltern ist diese Vorstellung der reinste Albtraum. Die Gewerkschaft Verdi hingegen gibt sich zuversichtlich und sagt, die Streikbereitschaft sei ungebrochen. Sie will den Druck erhöhen. Aber auf wen eigentlich, fragen sich mittlerweile viele Betroffenen? Und: Um welchen Preis?

Morgens in der Kita. Mütter, deren Kinder in der Notbetreuung sind, haben kaum ein anderes Thema als den Streik. Alle sind mitgenommen, gehen mit mulmigem Gefühl zur Arbeit. Sie sind fassungslos darüber, dass sich nichts bewegt in dieser Sache, und gereizt, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder unterbringen sollen. Der Rückhalt bröckelt, die Stimmung kippt – selbst bei Eltern, die den Frust der Erzieher eigentlich verstehen. "Ich finde den Streik ja berechtigt, aber das muss alles im Rahmen bleiben", sagt eine Mutter. Viele Eltern sind wütend, fühlen sich im Stich gelassen, auch von den Erziehern.

Die kommunalen Träger profitieren vom Streik

"Das Frustrierende ist, dass diejenigen, die unter Druck gesetzt werden sollen, diesen überhaupt nicht spüren. Im Gegenteil: An jedem Streiktag sparen die kommunalen Träger viele tausend Euro ein, weil sie streikendem Personal keinen Lohn zahlen", empört sich eine Mutter, die wie alle anderen in diesem Text ungenannt bleiben möchte. Die müssen sich also nicht bewegen. Aber wer dann?

Es sind die Eltern, die sich Tag für Tag aufreiben, um die Betreuungslücke aufzufangen. Eine Hochschwangere erzählt, bei ihr zu Hause sei ohnehin schon alles im Umbruch mit Kind Nummer zwei, das in wenigen Wochen kommt. "Ich hatte gehofft, dass Max wenigstens in der Kita Halt und Stabilität erfährt." Das ist nicht der Fall, sie macht sich Sorgen. Eine andere sagt: "Am schlimmsten ist diese Häppchen-Taktik. Damit kann man sich auf nichts einstellen. Meine Mutter könnte für ein paar Tage kommen, nicht aber gleich für mehrere Wochen!" Viele Großeltern waren anfangs auch nicht wegen der Bahn-Streiks gekommen, aber immerhin sind die vom Tisch. Eine andere erzählt, ihre Freundin, eine alleinerziehende Mutter, sei gezwungen, unbezahlten Urlaub zu nehmen. "Sie weiß gar nicht, wie sie ihre Miete und laufenden Kosten zahlen soll. An diese Mütter denkt niemand!"

Am Rande der Belastbarkeit

Jeder Betroffene kennt solche Geschichten. Eine Mutter weiß von einer Bekannten, die gerade mitten in der Prüfungsphase steckt. Sie arbeitet nachts, um Geld zu verdienen, muss tagsüber lernen oder mal schlafen und weiß jetzt nicht, ob sie ihre Prüfungen überhaupt ablegen kann. Ihre berufliche Zukunft hängt daran. Selbstständige haben Einbußen, wenn sie Aufträge nicht annehmen können. Viele Mütter, die zurück in den Job wollen, können nicht, jedenfalls nicht zum vereinbarten Zeitpunkt, weil die Eingewöhnung ihres Kindes unterbrochen wurde und sie nach dem Streik noch einmal von vorne anfangen müssen. "Ich weiß gar nicht, ob mein Arbeitgeber das mitmacht, dass ich einen Monat später anfange", sagt eine Mutter. Wenn der eine Monat als Puffer überhaupt reicht. Wer weiß, ob sie den Job behalten kann.

Ist es tatsächlich das Ziel dieses Streiks, den Eltern ihre Existenzgrundlage streitig zu machen? Und auch wenn es nicht gleich die Existenz gefährdet, so geht der Streik den meisten Eltern an die Substanz. Für viele Familien entfällt der gemeinsame Urlaub oder sogar die geplante Reise, weil sie für den Streik ihren Jahresurlaub aufbrauchen müssen. Andere arbeiten früh morgens und teilen sich in Schichten auf mit dem Partner. Man sieht sich kaum. Auch jene, die mit einem Säugling zu Hause sind, ächzen unter der Doppelbelastung. Alle sind gestresst, unruhig, getrieben. Familienfreundlich ist das nicht.

Keiner denkt an die Kinder

Ja, manche Kitas bieten eine Notbetreuung an, und das ist für berufstätige Eltern ein Segen, wofür man den Erziehern vor Ort gar nicht genug danken kann. Aber es handelt sich um eben das: eine Notbetreuung. In so einer Situation passiert es durchaus, dass es etwas chaotisch wird, dass Kinder mal längere Zeit nicht gewickelt werden können, egal, wie voll die Windel ist.

Immerhin: Praktikanten sind eine Stütze, auch Eltern springen abwechselnd ein, sodass noch mehr Kinder notbetreut werden können. Eine Erzieherin sagte aber auch: "Wenn einer von uns krank wird, bricht das hier zusammen." Hinzu kommt: Je länger der Streik dauert, desto mehr Kinder kommen in die Notbetreuung. Was letzten Endes bedeuten kann, dass die wenigen Plätze ausgelost werden. Das muss man sich einmal vorstellen: Man kommt morgens in die Kita, greift in die Losbox – und hat leider Pech gehabt. Wie erklärt man das dem Kind?

Überhaupt scheint an die Kinder selbst bei diesem Streik kaum jemand zu denken. Kinder wissen nicht, was Streik bedeutet, warum sie nicht in die Kita dürfen. Sie beziehen das auf sich. Eine Mutter erzählt, wie ihre fünfjährige Tochter sie fragte: "Mama, dürfen wir nicht mehr in die Kita, weil wir so frech waren?"

Die Ärmsten trifft es am härtesten

Auch hier kippt die Stimmung. Kinder, die bisher gerne in die Kita kamen, wollen dort plötzlich nicht mehr hin. "So, wie mein Sohn heute an der Scheibe stand und mir nachsah, stand er dort schon lange nicht mehr", sagt eine Mutter. "Mir brach das Herz, ich ging mit Bauchschmerzen zur Arbeit." Kindern, die einen stabilen Rahmen so sehr brauchen, wird eben dieser genommen. Betreuung ist nicht nur ein technischer Begriff, es geht nicht nur darum, Kinder irgendwo zu parken. Schön ist, wenn sich Unternehmen solidarisch zeigen und selbst eine Notbetreuung für die Mitarbeiter anbieten. Nur: Wie es den Kindern dabei geht, in einer fremden Umgebung zu sein, mit fremden Betreuern und fremden Kindern, fragt keiner. Auch in der gewohnten Umgebung, bei einer Notbetreuung in der eigenen Kita, ist nichts wie vorher: Der Tagesablauf ist gestört, die Bezugsperson oft nicht da. Manche Kinder wirken verloren und ziehen sich zurück, andere weinen, stundenlag. Viele schlafen schlecht, schrecken nachts auf.

Und dann gibt es noch Kinder, die völlig hintenüber fallen. Kinder mit Migrationshintergrund etwa, denen die Kita neben Halt und Orientierung in einem vielleicht noch fremden Land die Sprache vermittelt. Auch sie werden jetzt alleine gelassen und fangen oft von vorne an. "Besonders schlimm ist es auch für Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen, etwa, wenn Vater oder Mutter oder beide arbeitslos oder alkoholkrank sind", sagt eine Mutter. "Die sitzen nun zu Hause und sind die ganze Zeit ihren Eltern ausgeliefert, denn diese Kinder schaffen es nicht in die Notbetreuung."

Bei allem Verständnis für das Anliegen der Erzieher und der Gewerkschaft: Es wird Zeit, dass sich der enge Blick weitet und neue Lösungswege gesucht werden. Wenn schon nicht für die Eltern, dann wenigstens für die Kinder.

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