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Pulitzer Preis für Jessica Rinaldi: Das Leben und Überleben von Strider Wolf

Strider Wolf ist sechs Jahre alt und hat schon einen schweren Weg hinter sich. Mit zwei Jahren wurde er vom Freund seiner Mutter fast totgeschlagen. Er und sein Bruder kamen daraufhin zu den Großeltern – die ihnen außer Liebe kaum etwas geben können.

Strider Wolf klettert einen Baum hinauf, auf seinem Bauch ist eine lange Narbe zu sehen

Strider Wolf klettert einen Baum hinauf, seine Narbe am Bauch ist gut sichtbar. Er wurde im ländlichen Maine geboren. Nach den Misshandlungen durch den Freund seiner Mutter und der Mutter selbst kam er mit zwei Jahren in die Obhut seiner Großeltern und hatte nur den einen Wunsch: geliebt zu werden. Seine Großeltern konnten zwei Jahre lang ihre Miete nicht zahlen und wurden schließlich zwangsgeräumt. Es begann eine Odyssee durch die Wälder von Maine auf der Suche nach einem dauerhaften Zuhause.

Es ist nicht bekannt, womit Justin Roy ein Loch in Striders Magen geschlagen hat, ob es ein Schuh war oder seine Faust. Bekannt ist, dass Strider beim Abendbrot saß, wählerisch, wie Zweijährige so sind. Und Roy, der Freund von Striders Mutter, war es leid, dass der Junge und sein Bruder am Boden seines Wohnwagens herumkrochen, der in Albany, New Hampshire, nahe der Grenze zu Maine stand. Vor einer Woche hatte er der Mutter eine SMS geschrieben, in der stand, sie hätte die beiden bei der Geburt ersäufen sollen. Das war im Dezember 2011.

In dieser Nacht zog er Strider nach draußen und stieß ihn in eine Hundebox. Darin schleppte er ihn hinter seinem Wohnwagen her – zu einem Verschlag mit aus roher Verkleidung.

Stunden vergingen und im Schatten des Mount Chocorua fiel die Temperatur auf unter minus zehn Grad. Striders Mutter ging nachts zu dem Schuppen. Roy hatte T-Shirts vor die Fenster gehängt. Er hielt die Tür zu und ließ sie nicht hinein. Was in dem Schuppen genau vorgefallen ist, weiß niemand. Kurz vor Morgengrauen stürmte Roy mit Strider auf dem Arm ins Haus. Morgens wütete er noch immer. Er pöbelte den elf Monate alten Gallagher an und schleuderte Strider auf den Boden. Striders Mutter sagte zu Roy, sie würde gehen, und brachte die Jungs in ihren Van. Sie fuhr zum Haus ihrer Mutter. Dort wunderte sie sich, dass Striders Augen nach oben rollten.

Am nächsten Tag gegen halb acht morgens warf sie den Jungen im Wartezimmer des örtlichen Krankenhauses auf einen Stuhl und ging zur Anmeldung.

Eine Schwester bemerkte den sich krümmenden Strider.

Die Ärzte ließen ihn in eine Klinik nach Portland fliegen, wo er in vier Tagen dreimal operiert wurde, um seinen zerfetzten Darm zu flicken und andere Verletzungen, von denen die Ärzte später sagten, sie seien eine typische Unfallfolge bei Frontalzusammenstößen von Autos mit hoher Geschwindigkeit.

Strider lag für 23 Tage im Krankenhaus. Die Polizei verhaftete Roy und befragte seine Mutter. Beide gaben sich gegenseitig die Schuld. Am 11. Januar 2012 wurde Strider entlassen, im Bauch einen Zuführschlauch zum Magen. Er kam bei seinen Großeltern an und litt unter den Schmerzen eines Verlusts, den er noch nicht erfassen konnte. 

Das ist der Beginn einer Reportage, für die die Fotografin Jessica Rinaldi den Pulitzer-Preis bekam. Sie wurde im November 2015 im "Bosten Globe", für den Rinaldi als Fotografin arbeitet, als großer One Pager veröffentlicht. Striders Geschichte schrieb Sarah Schweitzer. Fünf Monate lang haben die Fotografin und die Autorin die Familie begleitet, blieben dicht dran und hielten doch respektvollen Abstand, um Striders Welt klar und umfassend zu verstehen.

Liebe statt Gewalt, doch das ist auch alles

Strider und sein Bruder Gallagher leben seither bei Oma und Opa. Sie sind nun keiner Gewalt mehr ausgesetzt, ihre Großeltern sind liebe Menschen und dafür sind die beiden Jungen unendlich dankbar. Doch einfach ist ihr Leben nicht geworden. Lanette und Larry sind eigentlich zu krank und ein bisschen zu alt, um sich tagein, tagaus um zwei kleine Jungs zu kümmern. Und sie haben kein Geld. Sie müssen sich mit den Jungs regelrecht durchschlagen. 

In fünf Bildern dürfen wir einen Einblick in Striders Welt geben.

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