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Klassenterror: Leiden unter Aufsicht

Der Fall des gequälten Dieter D. zeigt, was passiert, wenn Jugendliche in Schulen nur verwahrt werden. Der Klassenterror von Hildesheim ist Symptom für die Erziehungskrise und die Hilflosigkeit der Lehrer.

Erst schlugen sie so zu, dass es keiner sehen konnte. Heimlich und nur auf den Körper, nicht auf den Kopf. Dann wurde ihnen das zu langweilig. Und sie prahlten mit ihren Taten. Sie sagten auf dem Schulhof: "Dieter, zeig mal deinen Arm." Das tat Dieter, der Arm war ganz blau und violett. Sie sagten: "Dieter, zeig mal deinen Hals." Das tat Dieter, der Hals war von winzigen Schnittwunden übersät. Die Schnitte rührten von Metallspänen her, die sie mit Maschinenöl dahin gerieben hatten. Das Publikum, Mitschüler der Parallelklassen, lachte verlegen. Und Dieter lachte auch, angeblich, irgendwie. Das war im Dezember. Um Hilfe bat er nicht.

Zwölf Wochen lang hatten sie geschwiegen, die drei Klassen des "Berufsvorbereitungsjahres" (BVJ) der Berufsschule "Werner von Siemens" in Hildesheim. In diesen Wochen wurde ihr Mitschüler Dieter, 17 Jahre jung, groß und etwas linkisch-weich von Gestalt, geschlagen und getreten, geboxt und geschubst, gekratzt und zum Ausziehen genötigt, von seinen Klassenkameraden der 3B. Alle elf jungen Männer im Alter von 16 bis 17 Jahren sind beschuldigt, fünf Hauptverdächtige in Haft.

Jeden Mittwoch und jeden Donnerstag ging das so

Sie hatten Dieter gezwungen, auf die Bodenfliesen zu starren und dabei zu zählen, wie oft das Licht an- und ausging. Damit es nicht so leicht wird, schlugen sie gleichzeitig in einem anderen Rhythmus auf ihn ein. Sie hatten Dieter gezwungen, Schuhe abzulecken. Er musste sich mit Maschinenöl einschmieren, auch den Penis, sie zündelten an seinen Schamhaaren. Sie setzten ihm einen Eimer auf den Kopf und droschen mit schweren Feilen darauf ein. Jeden Mittwoch und jeden Donnerstag ging das so, in den Pausen, während des Unterrichts, in beiden Schulgebäuden, die Schläger mal zu viert, mal zu neunt.

Vor zwei Wochen hatte das Martyrium des Dieter-Dennis D. ein Ende. Die Sozialpädagogin Rosi Fellendorf, Kummerkasten der Berufsschule mit 1.700 Jugendlichen, sagt, sie habe in Dieters Parallelklasse "zufällig Gesprächsfetzen aufgeschnappt", in denen vom Quälen die Rede gewesen sei. Das war kein Zufall. Es war nicht Mitleid, die Dieters Mitschüler endlich reden ließen. Es war Kalkül.

Es gibt nur noch eine Chance, da herauszukommen

Im Januar nämlich ist Halbzeit an der Berufsschule, es gibt Zeugnisse, so auch in den Klassen 3A, B und C des Berufsvorbereitungsjahres, das auf nichts weniger vorbereitet als auf einen Beruf. Hier sitzen jene, die meist keinen Schulabschluss und unschöne Aussichten auf ihr Leben haben: Aussiedler, die schlecht Deutsch sprechen und sich schwer in der neuen Heimat zurechtfinden, Türkischstämmige, deren Eltern Bildung nicht für wichtig halten und ihre Kinder darunter leiden lassen, Mädchen, die in der Schule nur im Schwänzen glänzten, Jungs, die in den Käffern des Kreises ihre Jugend versaufen.

Es gibt nur noch eine Chance, da herauszukommen - wenn man seinen Hauptschulabschluss doch noch macht. Das bietet die Siemens-Schule an, aber nur den 12 bis 15 besten der insgesamt 35 BVJ-Schüler. Anfang des Jahres war es so weit, die Auswahl stand, darunter drei Russlanddeutsche aus der 3B. Alle anderen wussten, dass die seit Monaten Dieter quälen. Gerade die sollen das Ticket zum Schulabschluss, für eine bessere Zukunft kriegen? Man beschloss einzugreifen. Gelegenheit bot sich, als die 3C Politikunterricht hatte, Thema: Zivilcourage. Als zufällig noch die Sozialpädagogin hereinkam, war der Anlass perfekt. Sie packten aus.

Und der Lehrer saß nebenan

Die Nachricht von Dieters Qualen schlägt Wellen in Deutschland, nicht allein wegen der Rohheit der Taten. Sie stellt das Bildungssystem infrage, sie wirft grelles Licht auf die misslungene Integration von Aussiedlern und Ausländern, sie bebildert brutal, was wird, wenn Kinder zu Hause nichts von Anstand, Mitgefühl, Respekt und Mut erfahren.

Nach den Weihnachtsferien hatte einer der Schläger eine Digitalkamera mitgebracht. Jetzt filmten sie die Folter, brannten das auf DVD, verschickten die Filme als E-Mail, wollten sie ins Internet stellen. Lehrer, sagte Dieter der "Hildesheimer Allgemeinen Zeitung", hätten "öfter gut sehen" können, was man ihm angetan habe. Sein Lehrer blieb allein am Schreibtisch im Werkraum zurück, während Dieter nebenan im Materiallager gequält wurde. Die Schüler sollten dort Metall holen oder zuschneiden. Sie blieben 20 Minuten weg. Der Lehrer, sagte Dieter der Zeitung, "hat einfach immer nur da am Tisch gesessen". Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

"Ich begreife nicht, dass er nichts gesagt hat."

Mitschüler der Parallelklasse behaupten, es existiere ein Video, in dem man sehen könne, wie Dieter mit einer Eisenkette an seiner Werkbank geschlagen werde, während sein Klassenlehrer Wolfgang V.* in seinem Glaskabuff vorn im Raum Papierkram erledige. Die Staatsanwälte haben einen solchen Film noch nicht. Aber ihnen fehlt bislang ohnehin das Gros der Aufnahmen, von denen es 15 bis 17 geben soll. Die Schulleitung sagt, der Lehrer weise die Unterstellung "weit von sich".

Dieter sprach mit keinem darüber, nicht mit einem seiner drei älteren Brüder, nicht mit seiner Mutter, mit der er doch gut auskommt. Er vertraute sich nicht Freunden an, mit denen er gern Filme anschaut und am Computer spielt, "Resident Evil", ein Horrorschießspiel. Er wandte sich nicht an Bernd Wäsche, den 33-Jährigen, der das Jugendzentrum in Nordstemmen betreut und Dieter sogar zum "Jugendgruppenleiter" ausgebildet hat. Dazu gehörte ein Konfliktbewältigungstraining. Man lernt, mit Aggression umzugehen, Streit zu schlichten. Dieter habe sich gut gemacht, sagt Wäsche. "Ich begreife nicht, dass er nichts gesagt hat."

Dieter sandte keine Alarmsignale aus

Dem eigenen Konflikt, dem er Woche für Woche ausgesetzt war, konnte Dieter offenbar nicht begegnen. Wenn einer allein kam, wehrte er sich. Dann kamen alle. War es Scham, die ihn still leiden ließ? Furcht um sein Leben? Verdrängte er, immer aufs Neue, was ihn mittwochs und donnerstags erwartete? Psychologen kennen das Phänomen von Kindern, die jahrelang sexuell missbraucht wurden: Sie löschten jeden Missbrauch sofort aus ihrem Gedächtnis und erfuhren den nächsten, als wäre es der erste.

Dieter sandte keine Alarmsignale aus. Er schrieb sogar Einsen. Er arbeitete weiter hinter der Theke im Jugendzentrum Nordstemmen, wie immer. Er legte dort gern Metallica auf oder Iron Maiden, laute, harte Musik, die er mag, wo die E-Gitarren rasen und die Sänger kreischen, aggressiv, stark, düster. In letzter Zeit sprach er davon, selbst eine Band gründen zu wollen. Dabei war er ein Gegenbild dieser Musik, unscheinbar, still, schüchtern, aber auch einer, der niemandem nach dem Mund redete - wenn er redete. Viel sprach Dieter nie. Er trug Springerstiefel und eine türkisfarbene Bomberjacke. Er mochte die "rechtsradikale" Mode schon lange nicht mehr. "Er kam mit Türken und Schwarzen gut aus", sagt sein Freund Benjamin.

"Ich glaube, ich hätte mich an seiner Stelle umgebracht."

Am Montag vergangener Woche führte die Polizei zunächst die ganze Klasse ab, sichtbar für alle. Es war, daraus macht Oberstaatsanwalt Albrecht Stange kein Hehl, auch eine Warnung von Justiz und Polizei für die anderen 1.700 Schüler: Seht her, so kann es enden.

Aber wo fängt es an? Ein Motiv, sagen die Staatsanwälte, konnte keiner der fünf Inhaftierten nennen. Sie taten es einfach so: Alexander M., 17, der mit der schwarzen Kappe, vermutlich der Einpeitscher. Er sagte vor dem Richter, er hätte das, was Dieter erduldete, keine Woche lang ausgehalten. "Ich glaube, ich hätte mich an seiner Stelle umgebracht." Alexander ist wie Viktor M. und Stanislaw ein Aussiedlerkind, sein Kreuz breit, er boxt im Verein. Vor vier Jahren kam seine Familie nach Deutschland. An seiner Hauptschule in Bad Salzdetfurth erinnert man sich an einen, "der geschniegelt und gebügelt" zum Unterricht kam und keine Probleme machte - aber eines hatte: sein schlechtes Deutsch. Viktor kam 1998 aus Kasachstan, die Mutter ist Lehrerin, der Vater Schlosser. Die Eltern fanden sich schnell zurecht, ihr Sohn nicht.

Dieter hatte in dieser Klasse eigentlich nichts verloren

Als hoffnungsloser Fall und "unbeschulbar" galt seit Jahren der Türke Tibet D., der in seiner Hildesheimer Hauptschule prügelte, auch Mädchen, der einer Lehrerin einen Ball an den Kopf knallte, der die Schule wechseln musste, aber wieder zurückgeschickt wurde. Vom 22. Mai 2002 gibt es einen Eintrag in seiner Schülerakte: "Tibet bräuchte dringend therapeutische Hilfe." Patrick, der Deutsche aus dem Städtchen Sarstedt, der alle Filme auf seiner Festplatte hatte, galt als ruhiger Schüler, "den man eher an die Hand nehmen musste", wie sich eine Lehrerin erinnert. Er sei halt ein Kiffer, sagen sie über ihn in der Berufsschule.

Dieter hatte in dieser Klasse eigentlich nichts verloren. Er besitzt einen Hauptschulabschluss, ist gut in Deutsch, liest, interessiert sich für Politik. Er wollte Elektrotechniker werden, stattdessen vermittelte man ihn in ein Grundbildungsjahr für Metallverarbeitung. Dafür, sagt seine Hauptschullehrerin, war er "völlig ungeeignet". Dieter scheitert am Metall und wird herabgestuft, nach ganz unten. Die Schulpflicht in Niedersachsen schreibt zwölf Jahre vor, die abzusitzen sind. Sowohl schwere Fälle wie Tibet als auch Übriggebliebene wie Dieter werden darum in Klassen wie der 3B geparkt.

Große Angst vor der Rache der Schläger

Aufklären, Mut machen, Druck machen. Polizisten sind an der Siemens-Schule, Staatsanwälte, Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann kommt. Vom Parken Jugendlicher an der falschen Stelle sagt er nichts. Er spricht von Videoüberwachung. Das Land habe im Übrigen Geld umgeschichtet, um die Betreuung an Schulen zu verbessern. Busemann redet, als stünde er vorm Landtag. Aber sein Publikum trägt Baseballkappen und Nike-Strickmützen, Daunenanoraks und riesige Jeans und schläft darin beinahe ein. Busemann sagt zu den Lehrern, dass "hier durchweg ordentliche Arbeit geleistet wird", und zu den Schülern, dass nun keiner mehr "Angst haben muss vor möglichen Gewalttätern".

Zwei Tage nach der Veranstaltung teilt die Staatsanwaltschaft mit, ein Schüler sei während seiner Zeugenaussage zusammengebrochen - so groß sei seine Angst vor der Rache der Schläger.

* Name von der Redaktion geändert

Doris Kowitz
Mitarbeit: Kuno Kruse, Carlo Eggeling

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