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Gewalt an Schulen: Werden Schüler immer brutaler?

Mitschüler werden brutal verprügelt, andere psychisch drangsaliert, zuweilen auch von Gruppen und systematisch. Wird die Schule vom Lernort immer mehr zum Tatort?

Wird die Schule vom Lernort immer mehr zum Tatort? Mitschüler werden brutal verprügelt, andere psychisch drangsaliert, zuweilen auch von Gruppen und systematisch. Anfang Februar machte das Martyrium eines Hildesheimer Berufsschülers Schlagzeilen, der von neun Mitschülern über Monate hinweg gequält und dabei auch nackt gefilmt worden war; in den Tagen darauf folgten fast täglich neue Horrormeldungen über Schulgewalt aus mehreren Bundesländern. Doch gerade wegen der massiven Präsenz dieses Themas in den Medien fällt eine wissenschaftlich fundierte Analyse schwer: Gibt es wirklich eine quantitative und qualitative Zunahme dieser Gewalt oder lässt der Medienfokus auf diese Fälle die reale Situation dramatischer erscheinen als sie ist?

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, glaubt ganz fest daran, dass Gewalttätigkeiten zugenommen haben - sowohl im Ausmaß als auch in der Intensität. Mehr Kinder und Jugendliche als früher neigten heute in jüngerem Alter und häufiger zu Gewalt, sagte er im Gespräch mit der dpa. Zugleich sei die Gewalt brutaler und roher geworden, die Hemmschwellen seien gesunken und die Anlässe für Gewalttätigkeit nichtiger geworden. Erstmals in Deutschland seien neuerdings in den Schulen auch Todesopfer zu beklagen - seit 1999 insgesamt 20. Darunter sind allerdings auch die 17 Menschen, die beim Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im April 2002 starben - ein Einzelfall, der kaum verallgemeinert werden kann.

Gewalthandlungen finden in der Regel außerhalb der Schule statt

Zu diesen, nach seiner Einschätzung bedeutsamen Veränderungen verwies er auch auf die Kriminalitätsstatistik. Laut Bundeskriminalamt stieg von 1993 bis 2002 die Zahl der heranwachsenden Tatverdächtigen unter 14 Jahren von 88.276 auf 134.545, in der Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren von 207.944 auf 297.881. Insgesamt müssten heute - so meint Kraus - knapp zehn Prozent der männlichen Jugendlichen und rund zwei Prozent der weiblichen als gewalttätig gelten. Das zeige sich auch in den Schulen.

Klaus-Jürgen Tillmann, Professor für Schulpädagogik an der Universität Bielefeld, teilt diese Einschätzung nicht. Die Gewaltsituation an deutschen Schulen sei seit längerer Zeit "relativ konstant". "Die Diskussion über Gewalt an Schulen flackert immer dann auf, wenn über einen spektakulären Fall in der Presse berichtet wird", sagte er der dpa. "Doch darf man sich davon nicht täuschen lassen: Gewalthandlungen und kriminelle Delikte von Jugendlichen finden in aller Regel außerhalb der Schule statt, denn die Schule ist nach wie vor ein sozial eng kontrollierter Raum, in dem Jugendliche bei massivem Fehlverhalten mit deutlichen Sanktionen rechnen müssen."

Jugendlich neigen dazu, Konflikte gewaltsam zu lösen

Er verwies zugleich darauf, dass die Gewaltbelastung verschiedener Schulformen und Schulen höchst unterschiedlich sei. Insbesondere männliche Haupt- und Sonderschüler neigten dazu, bei Konflikten körperlich gewalttätig zu agieren.

Im 2002 erschienenen "Internationalen Handbuch der Gewaltforschung" heißt es im Beitrag "Gewalt in der Schule", dessen Mitautor Tillmann ist: Zur Behauptung einer Steigerung dieser Gewalt im zeitlichen Verlauf ließen sich kaum gesicherte wissenschaftliche Aussagen machen. "Es liegen lediglich drei (regional) begrenzte Studien vor, die eine Längsschnittperspektive eröffnen. Diese Studien kommen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen."

Was ist Auslöser der Jugendgewalt?

Und schon vor einem Jahrzehnt machte der Erziehungswissenschaftler Wilfried Schubarth von der Technischen Universität Dresden in den Medien eine "Tendenz zur Dramatisierung und Skandalisierung" aus. Diese laufe etwa unter Kennzeichnungen wie "immer mehr", "immer häufiger", "wie nie zuvor", "bisher nie erlebtes Ausmaß", "dramatische Entwicklung" und "Explosion", hieß es 1995. Eine Zeitung hatte damals unter der Überschrift "Das ist brutaler Krieg" berichtet: "Sie bewaffnen sich mit Messern, Pistolen und Knüppeln, schlagen sich krankenhausreif, erpressen Schutzgelder - an vielen deutschen Schulen herrschen Angst und Schrecken."

Die Ursachen von Jugendgewalt werden ebenso kontrovers diskutiert, doch gibt es hierbei auch Übereinstimmungen: So haben verschiedene Studien ergeben, dass die Einbindung in aggressive Jugendcliquen und der intensive Konsum von Horror-, Gewalt- und Pornofilmen sowie -videospielen die Wahrscheinlichkeit schulischer Gewalthandlungen massiv erhöht. Weitgehend einig sind sich die Forscher auch hinsichtlich des Einflusses schlechter Familienverhältnisse und schulischer Misserfolge. Aber als Auslöser von Gewalt können diese Faktoren allein nicht gelten.

Rudolf Grimm, dpa

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