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Überwachung an Schulen: Mit Videos und Vertrauen gegen Schulgewalt

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser - mit dieser Devise versucht eine Hamburger Handelsschule Gewalt in ihren Mauern zu begegnen.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser - mit dieser Devise versucht die Hamburger Handelsschule Berliner Tor (HBT) Gewalt in ihren Mauern zu begegnen. "14 Kameras draußen und drinnen sollen für mehr Sicherheit sorgen", erklärt Jürgen Hallier, Lehrer und Sicherheitsbeauftragter an der Schule. Rund 65.000 Euro ließ sich die HBT ihre seit zwei Jahren bestehende "digitale videoüberwachte Außen- und Innensicherung" kosten. Seit der elektronischen Aufrüstung gebe es keine Graffiti-Schmierereien mehr, seien auch schon Einbrecher abgeschreckt worden.

Eine Tat konnte aber auch die Technik nicht verhindern: im vergangenen Monat stürmte ein 18-Jähriger in das Gebäude und schoss einem Schüler mit einer Gaspistole ins Gesicht - eine Eifersuchtstat. Schulleiter Heinz Fänders meint: "Auch wenn dieser Angriff durch unser Sicherheitskonzept nicht verhindert werden konnte, einen großen Teil der Gewalt konnten wird von der Schule fern halten."

Gescheiterte Existenzen, die das Schulsystem ausgespuckt hat

Rund 1.200 junge Menschen besuchen die Handelsschule, darunter auch «Reeders Neffe» aus dem noblen Hamburg-Blankenese als angehender Schifffahrtskaufmann mit nahezu 100-prozentiger Jobgarantie. Schüler aus Problemstadtteilen wie St.Georg oder Billstedt - oft Türken oder Russlanddeutsche - kommen zum Berufsvorbereitungsjahr in die HBT. "Das sind 16- oder 17-Jährige ohne Hauptschule, ohne Jobs, und der Perspektive die nächsten 30 bis 40 Jahre auf der Straße zu liegen", meint Fänders: "die gescheiterten Existenzen, die das Schulsystem ausgespuckt hat".

Trotz dieser brisanten Mischung ist es bisher am Berliner Tor nicht zu Fällen von Gewalt in der Schule wie in Hildesheim gekommen. Dort hatten Jugendliche monatelang Mitschüler gequält. "Um so etwas auch künftig zu verhindern, müssen wir konkret wissen was in den Klassenzimmern vorgeht", betont der Schulleiter. Das erreiche man am besten durch Zuwendung und Vertrauen. Ein Mittel dazu sei das Projekt "LiSch": Lernen im Schullandheim. Viele verhaltensauffällige oder verhaltensgestörte Schüler könnten durch solche Aufenthalte erstmals den Kreislauf aus Isolation und Aggression in ihren "40 Quadratmeter Deuschland" durchbrechen. "Wer dort war, geht hinterher anders mit seinen Mitschülern um", sagt Fänders.

Viele Schulleitungen machten Gewalt in ihren Mauern zum Tabuthema

In einer zunehmend gewalttätigen Gesellschaft seien Schulen keine "Inseln der Glückseligen". Wenn schon elfjährige auf Mitschüler losgehen, dürfe das Thema nicht länger unter den Tisch gekehrt werden. Viele Schulleitungen machten Gewalt in ihren Mauern aber zum Tabuthema, damit der Ruf der Schule nicht leidet. Der Bildungsbehörde ist nicht bekannt, wie groß das Problem in der Hansestadt inzwischen ist. "Es ist kein kleiner werdender Trend, aber Zahlen zu Gewaltvorfällen an Hamburger Schulen liegen nicht vor", sagt Behördensprecher Alexander Luckow. Bildungssenator Reinhard Soltau (FDP) habe zwar bereits eine entsprechende Statistik in Auftrag gegeben, es werde aber noch gezählt. Soltau warnt allerdings mit Blick auf immer mehr Kameras und Kontrollen: "Schulen dürfen nicht zu Festungen werden".

Der HBT-Security-Manager Hallier setzt dagegen sogar auf den Ausbau des Sicherheitskonzepts. So werden neben zusätzlichen Kameras auch ein Chipkarten-gesicherter Zugang zur Schule diskutiert. Neben den Technikern sind laut Fänders auch die Pädagogen künftig besonders gefordert: damit schwache Schüler im Streit um die Herrschaft im Klassenraum nicht unter die Räder kommen, gelte es Zivilcourage zu entwickeln: "lassen wir sie nicht allein, sie brauchen unsere Hilfe".

Friedhelm Schachtschneider, dpa

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