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RAF-Terroristin Albrecht: Die Kinder nannten sie "Sanne"

Susanne Albrecht kam aus allerbestem Hause, trug Flanellkostüme und galt im Kinderladen, in dem sie arbeitete, als Spitzenkraft. Dann lieferte sie ihren Nennonkel Jürgen Ponto, Chef der Dresdner Bank, der RAF aus. Stationen eines Irrwegs.

Von Stefan Schmitz

Die Kinder nannten sie "Sanne", die Eltern lobten ihren liebevollen Umgang mit den Kleinen. Anfang der siebziger Jahren, in einem linken Kinderladen in Hamburg, galt Susanne Albrecht als Spitzenkraft: Engagiert, zuverlässig, voller Ideale. Gut fünf Jahre später hängt das Bild des Mädchens aus allerbestem Hause in jeder Post: "Dringend gesuchte Terroristen." Links oben auf dem Fahndungsaufruf des Bundeskriminalamtes ist Albrecht zu sehen, mit braunem, mittellangem Haar und mädchenhaftem Blick.

Im Sommer 1977 hat sie den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto, einen alten Freund ihrer Familie, den Killern der Roten Armee Fraktion ausgeliefert. Mit den RAF-Anführern Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt klingelte sie bei "Onkel Jürgen" in Oberursel bei Frankfurt. Sie war zum Tee angemeldet, hatte Rosen dabei und brachte den Tod. Als sich Ponto gegen die Entführung durch das RAF-Kommando wehrte, schossen Albrechts Begleiter.

Was muss geschehen, damit eine junge Frau wie Susanne Albrecht bei einer solchen Tat mitmacht? Der weite Weg vom großbürgerlichen Haus in Hamburg-Blankenese mit eigenem Swimmingpool bis in die konspirativen Wohnungen der RAF dauerte Jahre. Ihre Eltern, der Vater war ein angesehener Anwalt, steckten sie ins Internat, als es auf der Schule Probleme gab. Dort begann der Tag mit einem Waldlauf und das graue Flanellkostüm war ihre Uniform. Nichts, was ihre späteren Taten entschuldigt. Aber es förderte die Sprachlosigkeit zwischen den etablierten Eltern und der aufbegehrenden Tochter - vielleicht ist es kein Zufall, dass der Mann, dem sie den Tod brachte, ihrem Vater in vielem so ähnlich war.

Schon bald nach dem Abitur waren ihr die "Kaviarfresser", wie sie ihre Eltern nannte, unerträglich. Nur gelegentlich mimte sie noch das brave Mädchen und zeigte sich adrett auf Cocktailparties. Ihre Welt war jetzt eine andere: Die der Hausbesetzer, die auf die Bodenspekulanten nicht nur schimpfen, sondern etwas tun wollten. Sie lebt in Wohngemeinschaften, bekommt Kontakt zu Leuten, die der RAF nahe stehen. Und wird bald "Ausweisgeberin". Es ist der erste Schritt auf dem Weg in den Untergrund: Alle ihre Papiere gibt sie den kämpfenden Genossen und meldet sie danach als gestohlen. Der nächste Schritt sind Kurierdienste. An der deutsch-holländischen Grenze wird sie mit ein paar Zündschnüren geschnappt.

Psychologiestudium aufgegeben

Das Verfahren gegen sie wird eingestellt, aber spätestens jetzt ist sie aktiv für die RAF. Und wie bei den meisten Jungterroristen dieser Jahre beginnt der Kampf gegen das System mit dem Eintreten für die seit Jahren inhaftierten Anführer der Gruppe um Andreas Baader. Albrecht taucht beim Hamburger "Komitee gegen die Folter der politischen Gefangenen in der BRD" auf . Da sind gleich eine ganze Reihe von späteren RAF-Tätern dabei: Karl-Heinz Dellwo, mit dem sie zusammen wohnt, dann Christian, Klar, Günter Sonnenberg und Knut Folkerts.

Längst hat sie ihr Psychologiestudium aufgegeben. Stattdessen rackert sie die Handbibliothek des Siebziger-Jahre-Revolutionärs durch. Ein bisschen Marx, ein wenig Mao, dazu Kampfschriften von Befreiungsbewegungen irgendwo zwischen Bolivien und Vietnam. Im Kinderladen, als sie noch "Sanne" war, hatte sie sich gefreut, endlich "eine richtige Aufgabe" gefunden zu haben. Sie wollte Gutes tun. Und entschied sich am Ende für das Böse.

RAF ist keine Heimat für Albrecht

Mit Revolution, Umsturz und der Sehnsucht nach einer besseren Welt hatte das Morden von 1977 nichts mehr zu tun. Es ging um die Täter selbst, ihre Suche nach Identität, die immer irrationalere Formen annahm. Eine Heimat hat Susanne Albrecht auch in der RAF nicht gefunden. Ein paar Jahre nach dem Ponto-Mord stieg sie aus und tauchte in der DDR unter. Nach der Wende wurde sie enttarnt, vor Gericht gestellt und ging für sechs Jahre ins Gefängnis. Von ihren Taten hat sie sich - anders als ihre einstigen Mitstreiter Klar und Mohnhaupt - eindeutig distanziert. Heute lebt Susanne Albrecht unter neuem Namen in Norddeutschland. Sie soll, inzwischen 56 Jahre alt, wieder mit Kindern arbeiten.