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TV-Doku "Die Folgen der Tat": Ein RAF-Mord und seine Familiengeschichte

Der RAF-Mord an Jürgen Ponto galt als besonders perfide. Die Terroristen kamen mit Blumen als Freunde der Familie. Fast 40 Jahre später erzählt die ARD die Geschichte aus ungewohnter Perspektive.

Christa und Julia Albrecht (r.) im Gespräch

Christa und Julia Albrecht (r.) im Gespräch

Bei dem Mord an dem Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto 1977 war die Hamburger Anwaltstochter Susanne Albrecht Türöffnerin. Sie nutzte die Freundschaft zwischen beiden Familien, um den RAF-Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar Zutritt zur Villa des Frankfurter Bankiers zu verschaffen. Wie lebt ihre Familie mit dieser Last? Haben die Eltern Schuld, dass es so weit kam? Tragen gar die Geschwister Mitverantwortung?

Susanne Albrechts Schwester Julia, die schon 2011 gemeinsam mit der Ponto-Tochter Corinna das Aufarbeitungsbuch "Patentöchter" herausgebracht hat, setzt sich in ihrem Dokumentarfilm "Die Folgen der Tat" in der ARD am Mittwoch (22.45 Uhr) sehr dicht und persönlich mit diesen Fragen auseinander. "Für uns war das ein Thema, das erzählt werden muss. Es ist Teil unserer Geschichte", sagte die verantwortliche WDR-Redakteurin Jutta Krug der Deutschen Presse-Agentur.

"Ich habe mich als Opfer gefühlt"

Der 51 Jahre alten Juristin und Journalistin Julia Albrecht geht es in dem Film nicht um die Rolle, die ihre heute 64-jährige Schwester Susanne in jenem Deutschen Herbst in der Terrorvereinigung Rote Armee Fraktion (RAF) spielte. In Gesprächen vor allem mit ihrer Mutter und dem älteren Bruder, mit Briefen und Erinnerungen des inzwischen gestorbenen Vaters zeichnet sie gemeinsam mit Co-Regisseurin Dagmar Gallenmüller nach, wie die Familie an der eigenen Geschichte fast zerbricht.

"Für mich war Susanne die Zerstörerin unserer Familie", sagt der Bruder einmal. "Ich habe mich als Opfer gefühlt, aber als Opfer zweiter Klasse." Er suchte Abstand durch einen Umzug nach Spanien. Die dritte, älteste Schwester lebt in Paris. Sie wollte sich nicht vor der Kamera an der Aufarbeitung des Familiendramas beteiligen.

Anrufer nannten sie "Mördermutter"

Umso intensiver ist das Gespräch mit der Mutter. Zwei Tage lang ließ sich die damals 84-jährige Dame (von anonymen Anrufern "Mördermutter" genannt) fast gnadenlos von ihrer Tochter befragen. Wie konnte sie so "abgründig naiv" sein, Susannes Abgleiten in die terroristische Szene nicht zu bemerken? Selbst als die Studentin 1974 wegen des Schmuggels von Bombenzündern verhaftet wird, glaubt die Mutter noch ihre verharmlosenden Lügen. "Man kann ein Kind ja nicht verstoßen", sagt sie.

Die wohl schlimmste Zeit für die Familie waren die Jahre nach der Tat, in denen Susanne mit Hilfe der Stasi in der DDR untertauchte, heiratete und ein Kind bekam. Dreizehn Jahre gab es kein Lebenszeichen von ihr. "Jahrelang fuhr ich blauen Käfern hinterher, weil das ihr letztes Auto war", erzählt die Mutter.

Das Projekt lag jahrelang auf Eis

Nach der Wende wird Susanne verhaftet. Als Kronzeugin kommt sie mit einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe davon, nach sechs Jahren wird sie vorzeitig entlassen. Seither lebt sie unter anderem Namen in Norddeutschland. "Susanne spricht nicht über das Geschehene, jedenfalls nicht öffentlich", sagt ihre Schwester. "Und unsere Versuche im Privaten sind irgendwann kläglich gescheitert."

Eine Beteiligung am Film lehnte die frühere Terroristin ab. Und auch die Mutter machte vorübergehend einen Rückzieher - das Projekt lag jahrelang auf Eis. Dennoch hielten die Verantwortlichen an der Umsetzung fest. "Wir haben keinen voyeuristischen Film über Susanne Albrecht gemacht, sondern einen Film über die Familie", sagt Produzent Thomas Kufus (zero one film). "Und die Familie hat ein Recht auf ihre Geschichte."

kup/DPA / DPA