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Brigitte Mohnhaupt: Baaders Frontkommandantin

Die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt sitzt seit fast einem Vierteljahrhundert im Gefängnis. Im "Deutschen Herbst" 1977 hat sie die Gruppe geführt. Nun darf sie hoffen, bald freizukommen. Ein Porträt von Stefan Schmitz

Die Frau ist klein, zierlich, blond. Aber so entschlossen, dass es selbst Andreas Baader, den inhaftierten Gründer und Anführer der Roten Armee Fraktion (RAF), tief beeindruckt. Im Winter 1976/77 setzt er seine ganze Hoffnung in die ehemalige Studentin, die seit den Anfangstagen der RAF zur Gruppe gehört und einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Mitgefangenen im siebten Stock des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim hat: Sie kommt bald frei, hat ihre Haftstrafe fast abgesessen. Dann soll sie die "Offensive 77" führen - und so Baader und Genossen die Freiheit bringen.

Mit Mord und Entführungen. Mit Taten, die bis heute für die größte Herausforderung stehen, die sich der westdeutschen Nachkriegsrepublik je gestellt haben: Im Februar 1977 wird Mohnhaupt entlassen. Sie macht sich sofort daran, die Gruppe auf Vordermann zu bringen. Der Umgangston ist rau, fast militärisch. "Hör zu, dann kannst du was lernen", herrscht sie den RAF-Mann Stefan Wisniewski bei einem Treffen der "Illegalen" in Holland an. Die Zeit in Stammheim verleiht ihr etwas von der Autorität der RAF-Führer, mit denen sie dort gesessen hat.

Der strategische Kopf hinter dem Mord an Buback

Als Baaders Frontkommandantin ist sie der strategische Kopf hinter dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, beim Attentat auf Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto greift sie im Sommer 1977 selbst zur Waffe; die Entführer und Mörder des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyers hören auf ihre Befehle.

Brigitte Mohnhaupt sieht sich im Krieg gegen den Staat - und auch als die Terroristen den Kampf längst verloren haben, hält sie starr an ihrem Weltbild fest. Der Herbst 77 wird für die RAF zur schwersten Niederlage: Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe - die aus dem Gefängnis freigepresst werden sollten - töten sich nachdem ein Kommando der Grenzschutztruppe GSG9 in Mogadischu die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" befreit hat. Der Tod der Stammheimer bringt die Gruppe an den Rand des Zusammenbruchs. Dass sie dennoch 20 Jahre weiter besteht, ist vor allem Brigitte Mohnhaupts Werk.

Nach Baaders Tod bleibt sie die Chefin

In Jugoslawien wird sie 1978 gefasst, mit Glück kommt sie ein paar Monate später wieder frei - und beginnt sofort mit dem Neuaufbau der RAF in altem Geiste. Auch nach Baaders Tod bleibt sie die Chefin.

Erst 1982 wird sie gefasst. Nur fünf Tage später erwischen die Fahnder ihren Mitstreiter Christian Klar. Sie werden beide zu fünfmal lebenslang plus 15 Jahre Haft verurteilt. Es sind die härtesten Urteile, die je gegen RAF-Mitglieder gefällt wurden. Anders als viele inhaftierte Genossen weicht Mohnhaupt keinen Millimeter von früheren Standpunkten ab.

Als Klaus Kinkel, damals Staatssekretär im Justizministerium, sie nach Jahren der Haft im Gefängnis besucht, lehnt sie es ab, sich mit ihm auch nur an einen Tisch zu setzen. Sie hört sich lieber stehend an, wie sich der FDP-Politiker einen Ausweg aus dem Kreislauf der Gewalt vorstellt.

1992 verkündet die RAF angesichts der eigenen Erfolglosigkeit, künftig nicht mehr morden zu wollen. Nur eine kleine Gruppe in den Gefängnissen wehrt sich gegen den "Deal mit dem Staat" - darunter Brigitte Mohnhaupt.

Heute ist Mohnhaupt 57 Jahre alt. Richter des Oberlandesgerichts Stuttgart haben sie angehört. Innerhalb weniger Wochen wird über ihre Haftentlassung entschieden werden; die festgesetzte Mindesthaftdauer von 24 Jahren hat sie hinter sich. Den Sommer wird sie wohl in Freiheit erleben.

Christian Klar hofft auf eine Begnadigung

Ihr einstiger Kampfgefährte Christian Klar - neben Mohnhaupt, Eva Haule und Birgit Hogefeld einer der letzten RAF-Häftlinge - hofft auf eine Begnadigung durch Bundespräsident Horst Köhler.

Gegen die Freilassungen gibt es Widerstand - etwa bei Angehörigen ihrer Opfer. Aber 30 Jahre nach dem 'Deutschen Herbst' 1977 überwiegt die Haltung, dass auch für die Feinde des Staates dessen Regeln zu gelten haben. "Ein Rechtsstaat wie der unsere sollte nach seinem Selbstverständnis zwar Menschen angemessen bestrafen", sagt der ehemalige Innenminister Gerhart Baum, "aber er sollte ihnen die Chance geben, in die Gesellschaft zurückzukehren".