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Mobile World Congress: Kampf der Giganten

Es gibt auch Telefone auf dem Mobile World Congress in Barcelona. Doch im Mittelpunkt steht der Kampf von Nokia gegen Internetfirmen, Telekom- und High-Tech-Unternehmen. Denn die Finnen wollen alle Web-2.0-Erfolgsmodelle noch einmal erfinden - für unterwegs.

Von Dirk Liedtke, Barcelona

Wie viele Falkpläne haben wir in unserem Leben schon bei dem Versuch gemetzelt, sie patentiert zu falten? Welche Berge von Papier stapeln sich in unseren Regalen in Form alter Straßenkarten, Baedeker-Reiseführer und ADAC-Atlanten. Alle lange überholt, analoger Datenmüll. Diesem Elend will der weltgrößte Handyhersteller Nokia ein Ende bereiten. Beim Mobile World Congress in Barcelona, der bedeutendsten Mobilfunkmesse weltweit, zeigt der finnische Konzern erstmals Telefone, die einen Kompass und spezielles Kartenmaterial für Fußgänger an Bord haben. Wer in Rom die spanische Treppe hinabschreiten oder im Treppenviertel von Hamburg-Blankenese möglichst schnell an die Elbe möchte, wird also nicht mehr über eine Straße geleitet, weil die Navi-Karte auf Autos ausgerichtet ist. Selbst Satellitenbilder wie bei Google Earth lassen sich auf Wunsch in die digitalen Stadtpläne einblenden. Es klingt wie eine Spielerei. Aber die Bedeutung des Handys für unseren Alltag wird sich damit dramatisch ändern.

Denn ein Handy mit eingebautem GPS-Empfänger weiß immer, wo es sich gerade befindet. Wo die nächste Bank, ein Museum oder eine Thai-Restaurant ist - all dies beantwortet das Nokia-Handy künftig mit höchster Präzision, aktueller als jeder Lonely-Planet-Reiseführer. Der digitale Atlas "Nokia Maps 2.0" wird zunächst auf einigen teuren Modellen ab Werk installiert sein. Das Kartenmaterial ist weiterhin kostenlos. Nur wer sich von seinem sprechenden Handy durch die Gassen Neapels oder den Straßendschungel von Bangkok lotsen lassen möchte, muss dafür in Form eines variablen Abos zahlen.

Fotos werden schlauer

Fotos werden künftig schlauer. Mit einem GPS-Handy geschossene Bilder werden nicht nur bei Nokia zunehmend mit den Geodaten versehen, also den geografischen Koordinaten des Ortes, an dem das Foto entstand. Lädt man die Fotos dann etwa auf die neue Nokia-Plattform "Ovi" hoch, erkennt man auf einer Karte sofort, wo die Fotos hingehören.

Das Konzept der lokal basierten Dienste hat die Internet-Firma Yahoo schon einen Schritt weitergedacht. Wer auf seinem Handy demnächst kostenlos "One Connect" benutzt, ist ständig mit all seinen digital vernetzten Freunden in Kontakt - egal ob diese am PC in den AOL Messenger tippen, bei Facebook ein Foto hochladen oder bei Last.FM einen neuen Lieblingssong markieren. Wenn ich will, bekomme ich das live mit. Aber Yahoo weiß auch, wo alle meine Kontakte, sprich: meine Freunde, sich gerade aufhalten. Das System verrät, ob Freund A gerade 100 Meter entfernt ist, etwa bei einem Fußballspiel, oder fünf Kilometer in der gleichen Urlaubsstadt. Auf Tastenklick erscheint sogar ein Satellitenbild mit Karte kombiniert, auf dem alle Freunde als Stecknadeln markiert sind. Über GPS-Daten, Funktürme der Netzbetreiber, WLan und sogar Bluetooth soll diese riesige Rasterfahndung laufen. "Das ist Stasi 3.0!" könnte man aufschrecken. Aber das Ganze lässt sich – wie leider nicht immer üblich im großen digitalen Kontakthof Web 2.0 - auf Wunsch abschalten. Unheimlich ist es trotzdem.

Unsichtbare Giganten

Die unsichtbaren Giganten bei dieser Messe sind Apple und Google. Zwar ist das iPhone riesig auf dem Stand des Lokalmatadors Telefonica präsent, direkt gegenüber von Nokia. Aber Apple hat natürlich wie auf der Cebit auch hier keinen eigenen Stand. Dafür haben die aggressiven koreanischen Konzerne Samsung und LG das revolutionäre iPhone-Bedienkonzept am konsequentesten kopiert und schon in der zweiten Geräte-Generation weiterentwickelt. Große Displays, einfache Symbole zum Anpatschen mit der Fingerspitze. Die Modelle können sich sehen lassen, sind aber auch keine Schnäppchen. Neueste Marotte der kreativen Koreaner: bei Berührung eines Bediensymbols vibriert das Gerät leicht. Angeblich soll diese Spielerei nur drei Prozent Mehrverbrauch aus dem Akku ziehen. Ob das stimmt?

Das zweite unsichtbare Monster am Horizont des Messegeländes ist Google. Mehrere Hersteller von Handychips zeigen Prototypen von Handys mit dem Google-Betriebssystem Android. Das Display sieht aufgeräumt aus, ähnlich wie die Programmleiste eines Apple-Computers. Auf Tastendruck reagiert das System sehr schnell. Und Strom sparend ist es obendrein, wie ein Entwicklungsingenieur der Chipfirma ARM erklärt. Android können Handyhersteller kostenlos in ihren Geräten benutzen. Das drückt die Preise und erhöht die Modellvielfalt. Samsung kündigt für Anfang 2009 erste Android-Handys an. Kunden können sich freuen: Relativ schnell wird es iPhone-Klone zum Billigpreis geben, ohne Knebelverträge, aber mit ähnlichem Spaß an der Freude.

Google ist in einer Zwickmühle: Der Suchgigant ist in der Mobilfunkbranche Freund und Feind zugleich. Auf Samsung-Handys ist das Google-Logo prominent auf dem berührungsempfindlichen Start-Display der neuen "Soul"-Modelle integriert. Aber T-Mobile kickt Google auf der Messe als Suchmaschine aus seiner Web'n'Walk-Plattform, um den Primus mit dem angeschlagenen Konkurrenten Yahoo zu ersetzen. Dafür integriert Nokia Google-Ergebnisse in seine Suchfunktion – eine pikante Liaison. Denn aus den Geschäftspartnern Nokia und Google könnten schon bald erbitterte Konkurrenten werden.

Nokia greift frontal an

Schlagzeilen macht Nokia immer weniger mit neuen Geräten. Von Nokia-Handys wie dem neusten Flaggschiff N96 erwartet man zu Recht das Feinste, was technisch machbar ist: GPS, digitalen Fernsehempfang per DVB-H, Fünf-Megapixel-Kamera, scharfe Videos - alles drin, alles dran. Aber Nokia versteht sich längst als Internetfirma mit ganz viel Spielgeld und langem Atem. Nur, wer 40 Prozent aller Handys verkauft, kann es sich leisten, mit eigenen Web-Diensten, die frontal gegen Google (Suche, Navigation), Youtube (Videos), Yahoo (Suche, Lokale Informationen), Flickr (Fotos), Apple iTunes (Musik-Shop) und Sony Playstation/ PSP (Spiele-Download) gerichtet sind, anzustinken. Unter dem Namen "Ovi", nicht zu verwechseln mit dem Billigbaumarkt Obi, soll das Ganze gebündelt werden. Nokia Maps und die Spiele-Plattform N-Gage sind die ersten Bausteine. Nach und nach sollen wohl in diesem Jahr alle anderen Komponenten dazu kommen, weltweit und in vielen Sprachen. Nokia will quasi alle Erfolgsmodelle aus dem Web 2.0 noch mal neu erfinden.

Kampf der Kulturen: Auf der einen Seite die drögen Finnen, deren Manager soviel Charisma haben wie ein Berufsschullehrer aus einem Randbezirks Helsinkis und die ein schwer verständliches, kantiges Englisch von sich geben. Auf der anderen die supercoolen Milliardäre aus dem Silicon Valley: der nach eigenen Angaben gottgleiche Steve Jobs, die genialischen Google-Guys Sergey Brin und Larry Page, der Adilettenträger Marc Zuckerberg von Facebook und der brüllende, tanzende Microsoft-Choleriker Steve Ballmer. Gegen die wollen die Nordlichter anstinken. Geht es nach den Finnen, knipse ich mit meinem Nokia, drehe Filmchen, verschicke Mails, informiere mich über ein Reiseziel, und alles landet auch auf meinem digitalen Sammelalbum auf meiner persönlichen Ovi-Seite. Ähnlich wie es heute Google-Nutzern geht, oder Yahoo-Nutzern, denn Youtube gehört Google und Flickr Yahoo.

Diesen verwegenen Drei-Fonten-Konflikt sowohl mit Internet-Firmen, den Telekom-Konzernen als auch High-Tech-Konzernen wie Sony und Apple kann sich Nokia nur erlauben, weil es mit seinen Handys so viele Milliarden verdient, und so streng auf die Kosten schaut, dass für die fleißigen Bochumer Nokianer wegen ein paar Prozent Rendite eben auch die Lichter ausgehen müssen.

Das ist der Deal

Diese ganzen schönen, neuen, mobilen Dienste "schenken" uns Nokia, Yahoo und Google natürlich nur, weil sie über Werbung wieder an unseren Daten verdienen können. Das ist der Deal.

Bis diese Dienste ein Massenphänomen werden, müssen allerdings die Kosten fürs mobile Internet dramatisch fallen. Die rührige EU-Kommissarin Viviane Reding - die uns den EU-Tarif für Anrufe und SMS beschert hat - hat den Konzernen in Barcelona schon mal die Daumenschrauben angelegt. Bis zum 1. Juli will sie neue Preislisten sehen. In vorauseilendem Gehorsam haben Vodafone und T-Mobile in Barcelona niedrigere Datentarife fürs Ausland bekanntgegeben.

Wenn es dann irgendwann auch das Aldi-Gefühl beim Navigieren mit dem Handy, dem Surfen im digitalen Reiseführer und dem mobilen Abrufen von E-Mails in grenzenlosen, DSL-schnellen Mobilfunknetzen gibt, dann könnte das mobile Web doch glatt ein Hit werden. Und für das aufgebohrte, hyperbegabte, ständig vernetzte "Handy" müssen wir uns auf denglisch ein besser passendes, neues Wort ausdenken, vielleicht "Mobi-Compy".