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Interview: "Die können einfach nichts"

Ein erschreckend niedriges Niveau, immer brutalere Gewalt: Im stern berichtet der Studienrat Klaus Petri* vom gefährlichen und frustrierenden Alltag an deutschen Berufsschulen.

Ein erschreckend niedriges Niveau, immer brutalere Gewalt: Im stern berichtet der Studienrat Klaus Petri* vom gefährlichen und frustrierenden Alltag an deutschen Berufsschulen.

Welche Schüler kommen zu Ihnen?

Die meisten kommen aus der neunten Klasse Hauptschule. 95 Prozent haben keinen Abschluss. Rund zwei Drittel sind Ausländer, viele sind Kinder von Spätaussiedlern. Jeder Dritte kommt erst mal gar nicht - wir haben viele Fehlzeiten.

Was lernen die Jugendlichen?

Ziel ist, sie an die Arbeitswelt heranzuführen. Wir bringen ihnen erst einmal die Grundtugenden bei: Pünktlichkeit, Disziplin, Akzeptieren von Autoritäten, Ordnung. Damit sie einen Hauch von Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen.

Nutzen sie diese Chance?

Im letzten Jahr hat von 15 Schülern einer einen Platz bekommen. Drei haben ihren Hauptschulabschluss geschafft. Das ist nicht viel, aber realistisch.

Haben die anderen dann wiederholt?

Das geht nur in Ausnahmefällen. Nein, wer einigermaßen gut ist, schafft vielleicht noch seinen "Berufsvorbereitungsabschluss", der Rest bekommt ein Abgangszeugnis. Im Klartext heißt diese Auszeichnung: Du bist eine Flasche, du bist ein Nichts.

Warum scheitern so viele?

Weil sie einfach nichts können. Nicht lesen, nicht schreiben. Rechnen schon gar nicht. Wenn ich einem sage: "Miss das mal ab", dann kommen da abenteuerliche Entfernungen raus. Wenn ich ihm sage: "Schraub diese Mutter mal ab", nickt er, dreht sich um und schraubt die falsche ab. Manchmal frage ich mich: Wie kann man die zu mir in die Werkstatt schicken?

Weil Sie das letzte Auffangbecken sind.

Wir sind die Ausputzer. Zu uns kommen die, die in jeder nur erdenklichen Hinsicht benachteiligt sind, und wir sollen dem Bodensatz eine letzte Perspektive geben. Das ist ein Anspruch, der nicht zu erfüllen ist. Würde man früher auf Verhaltensauffällige achten, schon in der Grundschule, könnte man vielleicht noch was retten. Bei uns sind sie 15, 16, 17 Jahre alt. Da ist nichts mehr zu machen.

Gibt es Gewalt unter Ihren Schülern?

Es gibt ständig Rangeleien. Aus Spaß wird Ernst, was in dem Alter ja nicht ungewöhnlich ist. Was mich schockiert, ist die Brutalität, mit der die aufeinander losgehen: Der eine hockt hinter einem Golf und schraubt. Der andere kommt rein, schnappt sich einen Besen und drischt auf den ein.

Was machen Sie in einem solchen Moment?

Dazwischen gehen, was sonst. Wenn sie total ausrasten, müssen die anderen Schüler mit anpacken. Dann setzen wir ihn erst einmal an die frische Luft. Andere schulische Sanktionsmöglichkeiten haben wir kaum. Bei Körperverletzung gibt es eine Anzeige.

Wenn ein Schüler von den anderen misshandelt oder gequält wird, würden Sie das bemerken?

Konflikte unter den Schülern wirken in den Unterricht hinein. Es kann nicht sein, dass man das als Lehrer nicht bemerkt. Es kann aber sein, dass der Lehrer zu viel Angst hat, was zu sagen. Bei uns gibt es genug Kollegen, die haben eine richtige Scheu, in die Klassen zu gehen. Die haben regelrecht Schiss. Manche Schüler sind so abgebrüht, die würden vor nichts zurückschrecken.

Haben Schüler auch Waffen dabei?

Gerne und reichlich. Springmesser, Totschläger, ich habe auch schon eine geladene Neun-Millimeter konfisziert. Na ja, und Drogen sind auch dabei, die ganze Palette halt.

Klingt nicht so, als hätten Sie Spaß an Ihrer Arbeit.

Ich sehe das realistisch: Ich mache meinen Job, ich werde nicht die Welt verbessern. In jeder Klasse gibt es ein, zwei Schüler, die wollen lernen, die haben was drauf. Dann hänge ich mich auch rein. Viele Kollegen sind frustriert, wir sind ja auch nicht mehr als Sozialarbeiter. Unsere Schule ist nichts anderes als eine Aufbewahrung: ein Jahr von der Straße weg. Ein Jahr aus der Statistik raus. Schulpflicht erfüllen, mehr ist das nicht.

* Name aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert.

Interview: Martin Knobbe

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