HOME

Gewalt an Schulen: Ganztagsschulen gegen "Medienverwahrlosung"

Kinder und Jugendliche verbringen mehr Zeit vor dem Bildschirm als in der Schule: Helfen Ganztagsschulen, um die "Medienverwahrlosung" und die damit verbundende Gewalt an Schulen einzudämmen?

Zwei Jahre nach dem Schulmassaker von Erfurt ist der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer mit einer ungewöhnlich anmutenden Forderung an die Öffentlichkeit gegangen: Deutschland brauche mehr Ganztagsschulen, um die zunehmende "Medienverwahrlosung" einzudämmen, die ihrerseits wieder zu Gewalttaten wie in Erfurt führen könne.

Kinder und Jugendliche verbringen mehr Zeit vor dem Bildschirm als in der Schule

Jeder dritte Junge drohe "in die Falle von Fernsehen, Internet und Videospielen" abzurutschen, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen am Montag im AP-Gespräch. Die Folge seien schlechtere schulische Leistungen, und aus Frust darüber wiederum komme es zu Gewalttätigkeiten. Wenn man die Ferienzeiten mit berücksichtige, sitzen in Deutschland nach seinen Angaben Kinder und Jugendliche mehr vor dem Bildschirm als in der Schule. In Ländern mit Ganztagsschulen sei dieses Verhältnis zwangsläufig anders. Allerdings müssten die Schulen am Nachmittag mit vielfältigen sportlichen und kulturellen Veranstaltungen "Lust aufs Leben wecken".

Als Beispiel für übermäßigen Medienkonsum nannte der Kriminologe Untersuchungen zu den Jugendlichen, die in Niedersachsen Mitschüler vor laufender Videokamera gequält hatten: Bis zu sechseinhalb Stunden hätten diese pro Tag vor dem Bildschirm verbracht. "Die Ohnmacht des eigenen, armseligen Lebens erweckt den Wunsch nach Machtgefühlen", erklärte Pfeiffer die Gewalttätigkeiten.

Allein in den vergangenen 13 Jahren sei der Anteil der Jungen an den Schulabbrechern von 48 auf 64 Prozent angestiegen. Auch bei den Kindern, die eine Klasse wiederholen müssen, ist der Anteil der Jungen mit 60 Prozent deutlich überproportional, wie Pfeiffer sagte: "In allen Belangen sind die Jungen im Abdriften."

Jungen haben ein deutlich höheres Risiko verhaltensanfällig zu werden

Bei der Arbeit der Schulpsychologen spiegelt sich diese auffällige Geschlechterverteilung zu Ungunsten der Jungen schon seit Jahren wider: "Jungen haben ein mindest doppelt, wenn nicht dreifach höheres Risiko, im klassischen Sinne verhaltensauffällig zu werden", sagte der Vorsitzende der Sektion Schulpsychologen im Berufsverband Deutscher Psychologen, Bernd Jötten, der AP. Die Beratungen wiesen darauf hin, dass es Jungen deutlich schwerer hätten, ihre Identität zu entwickeln und zu finden als früher.

Während Mädchen auf Probleme nach innen gerichtet reagierten, wie etwa mit psychosomatischen Störungen, verarbeiteten sie Jungen deutlich mehr nach außengerichtet, auch mit Gewalt, erklärte der Dresdner Schulforscher Wolfgang Melzer. Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Gewaltprävention liege damit auf der Hand: "Wer sich abweichend verhält, kann auch keine fachlichen Leistungen bringen." Gerade in der heutigen Zeit sei die Betonung der mangelnden Kompetenzentwicklung auch, aber nicht nur der männlichen Kinder und Jugendlichen das "schlagkräftigste Argument" für vorbeugende Maßnahmen gegen Gewalt.

Die Ursachen der Gewalt an Schulen seien eigentlich hinreichend bekannt, erklärte Melzer, dessen gerade erst erschienene Studie "Gewaltprävention und Schulentwicklung" auch neueste internationale Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO verarbeitete. Dabei gebe es vier grundlegende Bereiche: neben exzessivem, die Hemmschwelle senkendem Medienkonsum sind dies problematische Familienverhältnisse, schwierige Beziehungen zu Gleichaltrigen und schulische Probleme.

Michael Moores "Bowling for Colombine" gehört auf den Lehrplan

Über die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen, für die derzeit ein regelrechter und vollkommen unübersichtlicher Markt entstehe, sei dagegen kaum etwas bekannt, erklärte der Dresdner Professor. Den Schulen riet er angesichts dieser Vielfalt, zunächst einmal eine Bestandsanalyse zur spezifischen Problemlage zu machen. Hilfreich seien beispielsweise soziometrische Untersuchungen einer Klasse, die das Beziehungsgeflecht und damit auch die Außenseiter und möglichen Täter beziehungsweise Opfer aufzeigen könnten. Schülerpatenschaften, Thematisierung im Ethik- oder Englischunterricht mit Filmen wie Michael Moores "Bowling for Colombine" könnten helfen, Verständnis für andere zu entwickeln.

Behörden und Institutionen sollten ebenso wie die Eltern und Schüler mit einbezogen werden. Fachliche Beratung beispielsweise von Schulpsychologen sei wichtig. Doch dürfe das Problem nicht nur an Professionelle abgewälzt werden: "Das Problem ist im Zentrum der Gesellschaft."

Auch Professor Pfeiffer rief die Eltern zum Handeln auf. Sie sollten stärker ihre Erziehungsaufgabe wahrnehmen und nicht schon jungen Kindern "alle Gerätschaften ins Zimmer stellen und hoffen, dass alles gut geht". Jeder vierte Sechsjährige habe bereits einen eigenen Fernseher zur Verfügung: "Damit unterlaufen die Eltern den Jugendschutz." Neben schlechteren Schulnoten provozierten Eltern damit eine soziale Verarmung und gesundheitliche Schäden wegen mangelnder Bewegung.

Angelika Bruder/AP / AP

Wissenscommunity