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Schul-Reform: "Deutschland braucht die Ganztagsschule"

Hochqualifizierte sind immer schwerer zu finden - und Schüler werden nicht allein nach Leistung, sondern auch nach Herkunft beurteilt. Im stern.de-Interview kritisiert Bildungsforscher Klaus Klemm das deutsche Schulsystem und zeigt einen Lösungsweg aus der Misere.

Herr Professor Klemm, wie viel Zeit sollen Schüler in der Schule verbringen?
In den letzten zweihundert Jahren wurde die Schulzeit immer weiter ausgedehnt. Dieser Zeitverbrauch durch Bildung wurde als Fortschritt, als Emanzipation begriffen.

Warum gilt es dann heute als Nachteil, 13 Jahre lang zur Schule zu gehen?


Erstens: Durch die Beschleunigung des Wissens veraltet Gelerntes schnell. Keiner kann heute mehr alles in der Schule lernen, in Zukunft muss jeder ein Leben lang lernen. Zweitens steigt die Nachfrage nach Hochqualifizierten und drittens haben wir zu wenig Nachwuchs. Die Gruppe der 20 bis 60-Jährigen schrumpft: von derzeit 45 Millionen in 25 Jahren auf 36 Millionen.

Also geht es bei der Verkürzung der Schulzeit vor allem um den Arbeitsmarkt und nicht so sehr um Pädagogik.
Mit Pädagogik hat das nicht viel zu tun. Weil wir immer weniger hoch qualifizierte Leute haben, werden die Bildungszeiten gekürzt, die jungen Leute sollen dem Arbeitsmarkt rund drei Jahre früher zur Verfügung stehen. Deshalb werden gerade die heiligen Kühe des deutschen Bildungswesen geschlachtet: späte Einschulung, lange Zeit im Gymnasium und an der Uni.

Gilt diese Verdichtung für alle Bereiche in der Bildung?


Nein, nur die Ausbildungszeit für Hochqualifizierte zieht an. Die Kellerkinder, die Hauptschüler, lernen ihre Zeit tot zu schlagen. Sie werden in endlosen Warteschleifen geparkt. Pisa zeigt, dass der Leistungsabstand zwischen schwachen und starken Jugendlichen wächst, die Auswirkung von Bildungszeit wird bei Haupt- und Sonderschülern gar nicht weiter verfolgt.

Wie wichtig ist das Elternhaus für den Verlauf der Schulkarriere?
Studien zeigen, dass nach Klasse vier die Schüler nicht ausschließlich nach ihrer Leistungsfähigkeit verteilt werden, sondern nach ihrer Herkunft. Akademikerkinder haben eine 2,7-fach höhere Chance eine Gymnasialempfehlung zu bekommen als Arbeiterkinder – bei gleicher Leistungsfähigkeit. Generell gilt: Viele Politiker und leider zum Teil auch die Erziehungswissenschaftler sind dabei, die Risikogruppe abzuschreiben. Da verschleudern wir durch unser Schulsystem unglaubliche Potentiale.

Was kann die Schule dagegen tun?


Wir sehen, dass viele Länder z.B. Finnland, die gute Schulleistungen auch in der Gruppe der schwächeren Lerner erzielen, die Kinder lange zusammen lernen lassen. Das deutsche Bildungssystem baut auf Aussortieren.

Also sollte das dreigliedrige Schulsystem abgeschafft werden?


Ja. Die Politik muss handeln. Aber sie wird es nicht tun, weil die Eltern, die ihre Kinder am Gymnasium haben bzw. die, die diesen Schulweg für ihre Kinder erwarten, das nicht wollen. Diese Eltern wollen mehrheitlich weiterhin das Gymnasium. Die Strukturfrage wird in Deutschland tabuisiert.

Wie steht es um die Leistung am Gymnasium?


Bisher gibt es keine Antwort aus der empirischen Erziehungswissenschaft, wie sich die Schulzeitverkürzung auf die Leistungsentwicklung auswirken wird. Ich bin allerdings sehr skeptisch bei der Reform am Gymnasium. Die Schüler sitzen jetzt täglich länger im Unterricht. Dabei weiß jeder im Schulwesen, dass in der siebten Stunde nichts mehr passiert. Deshalb brauchen wir die Ganztagsschule. Ohne echte Ganztagsschule wird es vermutlich Qualitätsverluste geben.

So wie Sie denken viele Experten und Eltern. Warum wird die Ganztagsschule nicht endlich eingeführt?


Die Ganztagsschule kostet ca. 30 Prozent mehr – für Lehrer, Erzieher und Kantinen. Derzeit werden jährlich rund 50 Milliarden Euro für allgemein bildende Schulen ausgegeben, das wären ca. 15 Milliarden Euro mehr. Aber es sind nicht nur die Kosten. Wenn wir in Deutschland auf Ganztagsschulen umstellen, ist das eine tief greifende kulturelle Veränderung: Flöten-Unterricht, Sport in Vereinen usw. – das würde alles in der Schule stattfinden. Dann ginge vieles der Jugendkultur baden.

Aber die Sportvereine und Musikschulen könnten doch mit den Schulen kooperieren.


Ja, es wird ihnen gar nichts anderes übrig bleiben. Um wirklich einen Sprung nach vorn zu machen, brauchen wir die gebundene Ganztagsschule, also die Variante, bei der wirklich alle Schülerinnen und Schüler ganztägig zur Schule gehen. Das muss schnell passieren. Dafür brauchen wir mehr Geld im System. Wenn alles so bleibt, besteht die Gefahr, dass noch mehr Schüler aus dem System kippen als bisher. Durch die Zeitverdichtung, wird die Selektivität noch größer.

Interview: Catrin Boldebuck