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G8-Reform: Wir brauchen echte Ganztagsschulen

Das Kürzel "G8" steht nicht nur für Proteste am Zaun, sondern auch für eine völlig verfehlte Schulpolitik, die Schüler in verkürzter Zeit unter Hochdruck zum Abitur prügelt. Das G8-Abitur ist vielleicht das Beste für die Wirtschaft, für Schüler und Eltern aber sicher nicht.

Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

G8 - bei dem Kürzel denken Schüler, Eltern und Lehrer nicht an Proteste am Zaun. Sie denken bei G8 an Schulstress und Leistungsterror. Und sie sind mindestens so wütend auf die Politiker wie die Demonstranten. Denn Schüler, Eltern und Lehrer leiden unter der Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur. Deshalb sprach TV-Talkmaster Reinhold Beckmann mit seinem Aufschrei: "Unsere Kinder sind völlig überfordert und total k.o.", so vielen aus der Seele.

35 Schulstunden, dazu täglich ein bis zwei Stunden Hausaufgaben plus Nachhilfe: Schüler am Gymnasium kommen locker auf eine 50-Stunden-Woche. Ein Erwachsener darf nicht länger als 40 Stunden arbeiten, sonst schreitet der Betriebsrat ein. Für Kinder gelten solche Schutzbestimmungen nicht.

Der Stoff wird zusammengepresst

Weil die Wirtschaft dringend Nachwuchs braucht, muss die junge Elite nach acht Jahren Abitur machen. Ihr wird ein Jahr geklaut. Der Stoff wird zusammengepresst. Denn die Zahl der Schulstunden bis zum Abitur bleibt gleich: 265 Jahreswochenstunden muss ein Schüler bis zum Abitur haben, so wollen es die Kultusminister. Deshalb haben die Klassen fünf bis zehn mehr Stunden als in der Oberstufe. Dann, wenn die Kinder bereits mit der neuen Schule, der neuen Klasse und der Pubertät kämpfen.

Gitarre spielen, Fußball-Verein, Theater AG - alles gestrichen. Keine Zeit mehr. Die Kinder leben nur noch für die Schule. Viele Gymnasiasten sehen ihre Freunde nur noch am Wochenende, weil sie ganzen Tag in der Schule hocken. Denn der Unterricht dauert nun bis in den Nachmittag.

Kantinen lösen das Problem nicht

Die Bildungsanstalten sind jedoch überhaupt nicht darauf eingestellt. An vielen Schulen gibt es auch vier Jahre nach Einführung der G8-Reform immer noch keine Schulkantine. Statt erst die Schulgebäude auszubauen und dann die Zeit bis zum Abi zu verkürzen, bauen sie jetzt erst um. Aber wenn die Kantine mal fertig ist, ist das Problem nicht gelöst.

Sicher müssen auch die Lehrpläne entrümpelt werden. Aber das allein reicht nicht. Wir brauchen endlich echte Ganztagsschulen. Schulen, an denen der Unterricht sinnvoll über den Tag verteilt wird. Mit Doppelstunden, damit Schüler und Lehrer Zeit gewinnen und nicht alle 45 Minuten unterbrochen werden. Dazwischen brauchen sie Pausen für Bewegung und gesundes Essen. Und selbstverständlich gibt es Zeit für Fußball und Flöten. So würde Schule endlich wieder Spaß machen.

15 Milliarden Euro für Bildunsgpersonal

Jede sechste Schule in Deutschland nennt sich Ganztagsschule. Doch nur 2000 davon sind echte, "gebundene" Ganztagsschulen - das heißt der Unterricht dauert für alle bis in den Nachmittag. Doch mehr Lehrer, mehr Personal und mehr Kantinen kosten Geld: mindestens 15 Milliarden Euro, schätzen Bildungsexperten.

Das Geld wäre gut angelegt. Wenn die Schule den ganzen Tag dauert, hängen die Zukunftschancen eines Kindes nicht mehr davon ab, ob mittags Mama zu Hause wartet, um Vokabeln für die Lateinarbeit abzufragen. Stattdessen würden die Arbeiten in der Schule gemacht – dort, wo sie hingehören. Laut einer neue Studie des Instituts für Berufliche Fachrichtungen von der TU Dresden haben Hausaufgaben keinen Einfluss auf die Noten. Sie sind ein pädagogisches Ritual. Aber das ist ein anderes Thema.

Frauen fallen als Hilfslehrer der Nation aus

Zurück zu den Vorteilen der Ganztagsschule. Immer mehr Frauen wollen arbeiten und sie müssen es auch. Denn nach dem neuen Scheidungsrecht bekommen Mütter mit schulpflichtigen Kindern in Zukunft keinen Cent mehr vom Ex. Das wird die Gesellschaft gründlicher verändern als die Pampersprämie für Väter. In Zukunft fallen die Frauen als Hilfslehrer der Nation aus, weil sie sich um ihre Jobs kümmern müssen. Auch deshalb müssen die Schulen bis in den Nachmittag dauern.

Wenn meine Tochter, die in die erste Klasse geht, in drei Jahren eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommt, dann werde ich sie nicht aufs Gymnasium schicken. Den Stress will ich ihr und unserer Familie nicht antun. Ich werde mit ihr eine Gesamtschule suchen. Dort bekommt sie ein Jahr länger Zeit fürs Abi. Und die meisten Gesamtschulen sind schon jetzt Ganztagsschulen. Hoffentlich kriegen wir einen Platz.