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Ganztagsschule: "Keine Halbtagsschule mit Suppenausgabe"

Bayern und das Saarland sind Schlusslichter - Nordrhein-Westfalen und Thüringen dagegen Spitzenreiter. Wenn es um die Förderung von Ganztagsschulen geht, verschieben sich Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle.

Bayern und das Saarland sind Schlusslichter - Nordrhein-Westfalen und Thüringen dagegen Spitzenreiter. Wenn es um die Förderung von Ganztagsschulen geht, verschieben sich Nord-Süd- und Ost-West-Gefälle. Rund 8,6 Prozent aller Schüler in Deutschland besuchen derzeit eine so genannte Ganztagsschule - nach dem Willen der Bundesregierung sollen es bald mehr werden. Für den Vorsitzenden des Ganztagsschulverbandes, Stefan Appel, geht es jedoch um mehr als eine bloße Halbtagsschule mit Suppenausgabe. Doch genau in der Definition liegt das Problem.

Im März fasste die Kultusministerkonferenz (KMK) den Begriff der Ganztagsschulen neu: Jetzt wird von Schulen gesprochen, die an mindestens drei Tagen in der Woche bis mindestens 15.30 Uhr ein Angebot für ihre Schüler bereitstellen. An allen Schulen muss zudem ein Mittagessen angeboten werden.

Bund fördert Ganztagsschulen mit vier Milliarden Euro

Für Appel ist diese Definition der kleinste gemeinsame Nenner, der einiges offen lässt. "Wir dürfen nicht den Anspruch haben, Kindern die Jugend wegzunehmen", gibt er zu Bedenken. Es geht ihm nicht um eine Verlängerung des Vormittagsunterrichts, sondern um neue Möglichkeiten für die Kinder, ihre Freizeit zu gestalten.

Für die meisten Schulen ist der Schritt hin zu einem Ganztagsangebot deshalb mit Umbau verbunden. So muss ein offener Freizeitbereich geschaffen werden, daneben sind eine Cafeteria, Bibliothek, Extra-Räume zum Spielen und Hausaufgaben machen notwendig.

In seiner Regierungserklärung machte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Schaffung von mehr ganztäglichen Schulangeboten zur Chefsache. Ein erster Schritt: Bis 2007 stellt der Bund insgesamt vier Milliarden Euro für die Förderung des Ganztagsschulangebotes bereit. Weil Bildung Ländersache ist, dürfen die Bundesmittel nicht für Personalkosten, sondern nur für notwendige Renovierungs- und Umbauarbeiten verbraucht werden. Die Mittel werden auf Antrag der Schulen entsprechend den Schülerzahlen vergeben.

Appel hält Öffnungszeiten bis 16.00 Uhr für ein Minimum. Auch brächten drei Tage Ganztagsangebot, wie die KMK es festlegte, für viele berufstätige Eltern nicht die gewünschte Entlastung, kritisiert er. Als Vorteil einer Ganztagsschule führt Appel, der selbst Rektor einer Ganztagsschule ist, an, dass dort viel unkomplizierter auch das fachübergreifende Lernen möglich sei. Kinder mit Lernschwierigkeiten könnten unproblematisch unterstützt werden, und auch der Zusammenhalt der Schüler wachse bei den nachmittäglichen Freizeitangeboten. „Der Fokus muss immer bei den Kindern liegen“, betont er.

In Ostdeutschland mehr Angebote bei Hortbetreuung

Von einem flächendeckenden Angebot an Ganztagschulen ist Deutschland noch weit entfernt. Beim genauen Hinsehen ist die Situation in den einzelnen Bundesländern höchst unterschiedlich. In Ostdeutschland haben viele Schulen durch den zu DDR-Zeiten obligatorischen Hort räumlich bessere Möglichkeiten, sich auf ein Ganztagsschulangebot umzustellen.

So gibt es in Thüringen 619 Ganztagsschulen, das ist mehr als die Hälfte aller Schulen. Dieser hohe Anteil sei quasi noch ein DDR-Relikt, heißt es dazu aus dem Kultusministerium. Deshalb hat jede Grundschule eine Hortbetreuung. Rund 6,5 Millionen Euro hat das Land bislang aus dem Bundestopf für Renovierungs- und Umbaumaßnahmen abgerufen.

In Brandenburg gibt es derzeit 85 Ganztagsschulen, weitere sind geplant. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 87, davon sind 32 in diesem Schuljahr neu entstanden. Schleppend läuft jedoch die Verteilung der Fördermittel: Von 93 Millionen Euro, die dem Land bis 2007 zur Verfügung stehen, sind derzeit nur knapp 1,6 Millionen Euro abgerufen worden.

Unterschiedliche Angebote in den Bundesländern

In Baden-Württemberg gibt es nach Angaben des Kultusministeriums derzeit 440 Ganztagsschulen. Rund 27 Millionen Euro hat die Landesregierung deshalb beim Bund abgerufen. Vor allem so genannte Brennpunktschulen sind auf ein Ganztagsangebot umgestellt worden.

In Nordrhein-Westfalen sollen bis 2007 200.000 Ganztagsschulplätze geschaffen werden. Derzeit gibt es 235 Ganztagsschulen. Das Land unterstützt diese Schulform mit zusätzlichen Personalkosten von 160 Millionen Euro pro Jahr.

Rheinland-Pfalz hat sich eine flächendeckende Versorgung mit Ganztagsangeboten zum Ziel gesetzt. Bis 2006 sollen 300 neue Ganztagsschulen entstehen. Das könnte Signalwirkung haben: Denn Bildungsministerin Doris Ahnen übernimmt Mitte Januar die KMK-Präsidentschaft.

Susann Kreutzmann, AP

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