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Kritik einer Lehrerin Covid-Test im Klassenraum: "Ich habe noch nie so viel Widerstand bei Lehrkräften gespürt"

Klassenzimmer mit Schülern mit Masken
Zum Testen vor der ersten Unterrichtsstunde werden die Masken abgesetzt, eine prekäre Situation (Symbolbild)
© SrdjanPav / Getty Images
Eine Berliner Lehrerin übt scharfe Kritik an ihrem Arbeitgeber, dem Senat. "Brisant finde ich vor allem die sogenannte Teststrategie, die vielmehr eine kurzfristige, wenig durchdachte Maßnahme ist", sagt sie. Darin liege nicht nur eine große Ansteckungsgefahr, sondern auch eine starke psychische Belastung.

"Wenn sich 16 Kinder gleichzeitig in der Nase herumrühren und das Stäbchen mit infektiösem Material herausziehen, was enorm zum Niesen reizt, dann sind das 16 Schüler:innen im Innenraum plus Lehrer:in, die einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt werden." Frau X, die als Lehrerin keine öffentliche Kritik äußern darf, ohne disziplinarische Maßnahmen befürchten zu müssen, ist schwer genervt. Sie arbeitet als Gymnasiallehrerin, ihr Arbeitgeber ist das Bundesland Berlin. An ihrer Schule werden Kinder zwischen der siebten und zwölften Klasse unterrichtet. Seitdem die Schnelltests für den Präsenzunterricht nicht mehr zu Hause durchgeführt werden dürfen, sieht sie Lehrerkollegien und Schülerschaften unnötigen Gefahren ausgesetzt. "Ich möchte gar nicht wissen, wie das an Grundschulen abläuft", kritisiert sie das Verfahren. "Es wurden keine Bedingungen hergestellt, bei denen für alle Beteiligten ein Gefühl von Sicherheit entsteht", sagt sie.

Am 18. April noch habe Michael Müller, Regierender Bürgermeister der Stadt, bei "Anne Will" behauptet, den Lehrer:innen sei ein Impfangebot gemacht worden. "Wenn sich solche Falschinformationen in der Öffentlichkeit halten, bringt das angesichts der fahrlässigen Teststrategie das Fass zum Überlaufen", sagt Frau X. Die Realität sehe an weiterführenden Schulen ganz anders aus: "Wenn man jetzt einen Impftermin in Berlin vereinbaren möchte, muss man neben den anderen Angaben bestätigen, dass man keine Lehrkraft einer weiterführenden Schule ist." Das sei respektlos und spiegele "das implizite Misstrauen, einen Generalverdacht, sich Impftermine zu erschleichen" wider. Das Angebot für Lehrer weiterführender Schulen in Berlin, sich in der Osterferien impfen zu lassen, war nach dem Astrazeneca-Chaos Anfang April zurückgezogen worden.

 

Für Schulen gilt weder die FFP2-Maskenpflicht noch ein Inzidenzwert unter 100

An der Schule von Frau X findet Wechselunterricht statt, das heißt, die Klassenstärke wird von durchschnittlich 32 Kindern auf die Hälfte reduziert. "Wechselunterricht halbiert zwar die Klassenstärke, sorgt aber für ein komplett volles Kollegium", sagt Frau X. "Selbst im Lehrerzimmer, wo alle FFP2-Masken tragen, sind Abstände nicht konsequent einhaltbar – und wir sind diejenigen, die zwischen den Klassen wechseln. Bei einer vollen Stelle hat jede Lehrkraft Kontakt zu etwa 50 Schüler:innen pro Tag."

An vielen Schulen tragen die Kinder noch medizinische Masken, weil keine FFP2-Maskenpflicht gilt. "Ich glaube, das liegt am erschwerten Atmen durch die FFP2-Maske, die den Schüler:innen nicht zugemutet werden soll", sagt Frau X. Doch sie sieht darin auch eine Gefahr: "Der Präsenzunterricht suggeriert den Schüler:innen, dass es okay ist, sich mit 15 anderen Menschen plus Lehrkraft in einem Raum aufzuhalten. Entsprechend locker handhaben die Kinder das dann, sobald sie das Schulgelände verlassen: Da gehen Schülergruppen zum Bus, ohne Abstand einzuhalten, nachdem sie sich voller Erleichterung die Maske abgenommen haben."

Sind die Anweisungen der Stadt also reine Makulatur?

"Die Situation übertrifft sich ständig selbst an Absurdität. Im Kontext Schule ist der Frust inzwischen sehr, sehr hoch. Wir haben schon ein ganzes Jahr voller Unsicherheit, Intransparenz und Planlosigkeit hinter uns, in dem der Senat uns permanent mit wahnsinnig kurzfristigen Informationen alleingelassen hat", beschwert sich Frau X. Während sich die Lehrerin einerseits freut, ihre Klassen mal wieder vor Ort zu sehen und nicht nur am Bildschirm, geht sie mit gemischten Gefühlen zur Schule. Der Abstand zum Beispiel ließe sich nur einhalten, wenn jedes Kind auf seinem Platz sitzt. Sobald es aber zur Pause klingele, sei das utopisch, trotz halbierter Schülerschaft von 400 Kindern gleichzeitig.

Parallel werden von den Unterrichtenden penible Protokolle erwartet. "Ich muss für jede Stunde Sitzpläne erstellen, markiere, wie groß die Abstände sind, protokolliere, wenn die Schüler für Gruppenarbeiten den Platz wechseln und ob sie permanent Maske getragen haben", sagt Frau X. "Eine Kollegin erzählte bei einem Corona-Fall, dass das Gesundheitsamt sie gefragt habe, wie viele der Schüler im Unterricht etwa gesprochen haben." 

"Wir sind kein medizinisch geschultes Personal"

Statt die Testverantwortung auf die Lehrer:innen abzuwälzen, kann sich Frau X eine andere Lösung vorstellen. "Es gäbe ja die Möglichkeit, Externe damit zu beauftragen, mit den Schüler:innen auf dem Schulhof die Tests durchzuführen. Medizinstudent:innen oder sonstiges geschultes Personal, deren Nebenjobs ohnehin aktuell weggebrochen sind. Dann gäbe es einen professionellen, für alle Beteiligten sicheren Rahmen." Schließlich seien Lehrer:innen kein medizinisch geschultes Personal.

Neben der Entlastung der Lehrer:innen, diese Verantwortung zu übernehmen, hält Frau X einen neutraleren Ort als das Klassenzimmer auch für die Kinder und Jugendlichen für angemessen. "Das würde die psychische Belastung der Schüler:innen reduzieren. Sich vor seinen Mitschüler:innen in der Nase zu bohren, ist schon ziemlich unangenehm, weil dabei ja auch sonstige Körperflüssigkeiten rausschießen. Wenn dann noch vor Publikum die Schmach einer positiven Testung hinzukommt, ist das extrem belastend."

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Was wünschen sich die Lehrer:innen vom Senat?

"In allererster Linie ein Impfangebot für alle Lehrkräfte. Ferner besteht der Wunsch nach einer langfristigeren Kommunikation oder nach einer, die den Schulen mehr Freiraum gewährt. Wenn es schon kein adäquates Konzept gibt, muss der Senat der Schule die Autonomie zurückgeben und sagen: 'Ihr kennt eure Klientel am besten und könnt abschätzen, in welcher Form sich die Maßnahmen am sichersten durchführen lassen.' Ich habe noch nie so viel Widerstand bei Lehrkräften gespürt, es werden ständig neue Petitionen eingereicht. Wenn die Kritik aber nicht gehört wird, sondern die Antwort lautet: 'Das ist eine Dienstanweisung', fehlt ein großes Maß an Wertschätzung und Respekt gegenüber diesem Berufsfeld. Und wenn die Testungen weiterhin in den Schulen stattfinden sollen, besteht der Wunsch, die Verantwortung dafür an Externe zu geben. Unser Auftrag ist die Ausbildung der Kinder, wir übernehmen aber immer mehr Aufgaben, die weit außerhalb dessen liegen."


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