Projektarbeit Eine Woche im Rollstuhl


Sich an einen Rollstuhl und die damit verbundenen Alltagsprobleme zu gewöhnen ist nicht leicht. Das haben Schüler einer 8. Klasse festgestellt, die eine Woche lang im Rollstuhl unterwegs waren.

Der Busfahrer reagiert verwundert: Zuerst hilft er dem etwa 14-jährigen Schüler im Rollstuhl in den Bus, weil er sich nicht über die Stufen traut, und dann steht der Rollstuhlfahrer auf, um sich zu bedanken.

Sich an einen Rollstuhl und die damit verbundenen Probleme im Alltag zu gewöhnen ist nicht leicht - das haben einige Schüler der 8. Klasse der Ehestorfer Schule festgestellt. Gemeinsam mit Rollstuhlfahrern der Hamburger Behindertenarbeitsgemeinschaft machen sie sich eine Woche lang im Rollstuhl auf den Weg durch Hamburg, um die Stadt mit den Augen Behinderter zu sehen.

"Mit dem Rollstuhl zurechtzukommen, ist viel schwerer als es aussieht, und die meisten Menschen helfen auch nicht", sagt Tim Pegelow nach seinen ersten Erfahrungen mit dem Rollstuhl. Wenn man ein ganz normales Leben führt, nimmt man Menschen mit Behinderungen gar nicht wahr. "Man ist nur genervt, wenn der Typ im Rollstuhl so lange braucht, um in den Bus zu steigen."

Für Pegelow ist das Leben im Rollstuhl schwieriger als erwartet: "Beim S-Bahn-Fahren muss man erstmal den Aufzug finden, der ist oft nicht angeschrieben und die Rampen sind meist zu steil." Um in die Bahn zu steigen, muss der Rollstuhl wegen der erhöhten Bahnsteigkante nach hinten gekippt werden. "Das hab ich mich zuerst gar nicht getraut", schildert Pegelow. Beim Busfahren gibt es ähnliche Probleme. "Man muss oft den Fahrer um Hilfe bitten und kann nie eine Zeit für ein Treffen ausmachen, das dauert nämlich ewig", sagt der Schüler.

"Es mangelt vor allem an Rücksichtnahme"

Das Projekt steht seit 2002 einmal im Jahr für eine 8. Klasse der Ehestorfer Schule auf dem Stundenplan. "Wer etwas für Behinderte erreichen will, muss bei Kindern und Jugendlichen anfangen. Mit dem Projekt werden den Kindern die Schwellenängste vor Behinderten genommen, und gleichzeitig wird die Öffentlichkeit auf die Probleme von Behinderten gestoßen", erklärt Initiatorin Ute Feucht von der Behindertenarbeitsgemeinschaft, die selbst im Rollstuhl sitzt.

Andere Schüler der Klasse machen sich mit dem Rollstuhl auf den Weg zum Einkaufen, was sich häufig als kompliziert herausstellt: "Du bist immer auf andere Menschen angewiesen, die einem Sachen von den oberen Regalen reichen und die Nicht-Automatik-Türen öffnen", sagt Thorten Krone. Alles in allem sei Hamburg nur bedingt Rollstuhl-freundlich: "Ich glaube, es mangelt vor allem an Rücksichtnahme."

"Die Leute denken einfach nicht an die Konsequenzen"

Die übrigen Schüler besuchen für einige Tage eine integrative Grundschule, in der behinderte und nichtbehinderte Schüler gemeinsam unterrichtet werden, helfen Behinderten der Arbeitsgemeinschaft bei ihrer Arbeit in den Elbwerkstätten oder verteilen mit der Hamburger Polizei Strafzettel an Falschparker auf Behindertenparkplätzen. "Eine Frau, die dort geparkt hatte, kam angelaufen und hat zehn Minuten lang versucht sich 'rauszureden. Die Leute denken einfach nicht an die Konsequenzen", sage Schüler Robert Gessing.

Maria Bondes, dpa


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