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Tagesmutter: "Piep, piep, piep, wir ham uns alle lieb"

Häufig stehen Berufstätige vor der Entscheidung: Tagesmutter oder Kita? Individueller und familiärer geht's häufig bei den "Ersatzmuttis" zu.

Als die drei kleinen Rotznasen Simon, Luca und Jonas um die Ecke biegen, springt Ingeborg Wille auf und greift blitzschnell zum Taschentuch. Aniki trottet hinterher und drückt sich verschämt in die Ecke. Die Windel muss gewechselt werden. Marit lässt nicht lange auf sich warten: "Inge..., darf ich Tina bürsten?" "Ja, gleich, wenn ich Tina gewickelt habe, dann könnt ihr Frisör spielen", antwortet die Tagesmutter. Zehn Hände müsste man haben.

Routiniert erledigt sie eine Aufgabe nach der anderen. Fast fünfzehn Jahre Erfahrung sprechen für sich. Die Kinder nennen sie "Inge". Das ist leicht zu merken und nicht so förmlich.

Zu Hause bei den sieben Zwergen

In der rustikal eingerichteten Küche sieht es ein bisschen aus, wie bei den sieben Zwergen. Die kleingeschnittenen Äpfel auf dem Tisch sind noch vom zweiten Frühstück und schon leicht braun. Durch das Fenster blickt man in den großen Garten. An einem Strauch baumeln schon Ostereier. Dahinter steht eine große Lokomotive aus Holz. Ehemann Volker hat das bekletterbare Spielzeug vor einigen Jahren mit viel Liebe selbst geschreinert. Gleich daneben platzierte er die Sandkiste. Für die fünf Tageskinder seiner Frau ist die Lok eine große Attraktion. Noch spannender finden sie allerdings die zwei Hasen, die in einem großen Käfig im Garten wohnen. Regelmäßig dürfen die Kleinen dabei sein, wenn Tagesmutter Inge die beiden füttert und manchmal dürfen sie auch selbst ein Salatblatt durch das Gatter schieben.

Die Tageskinder erzieht Ingeborg Wille wie ihre drei eigenen Töchter. Ein geregelter Tagesablauf ist dabei für sie ganz wichtig: Feste Zeiten für essen, spielen und abholen. "Das Essen ist für mich das wichtigste Ritual, das die Kinder zusammenbringt." Morgens gibt es erstmal ein zweites Frühstück, die Kleinen erzählen zum Beispiel wie ihr Wochenende war. "Das Angenehme ist, dass die Kinder in der Gruppe unheimlich gerne essen. Dieser Zusammenhalt ist auch eine Art von Gemütlichkeit." Wenn die Kinder ihren Platz gefunden haben, werden die Lätzchen verteilt. Am Anfang jeder Woche dürfen sie sich ein Neues aussuchen. Heute ist Lätzchentag und das Kleckertuch mit dem aufgedruckten Hasen ist wieder das Beliebteste. "Gerade am Anfang, wenn die Kleinen noch jede Minute auf ihre Mama warten, ist das Essen eine wichtige ‚Station‘ am Tag. Das verkürzt die Zeit des Wartens." Nach der Zwischenmahlzeit trippeln die Kleinen zum Spielen nach nebenan, in das Zimmer der zehnjährigen Tochter Elisabeth. Wenn die eigenen Kinder mal zu Hause sind, beobachtet ihre Mutter Spannendes. "Die Tageskinder wahren eine gewisse Distanz. Die schließen sich zu einer kleinen Gruppe zusammen und verteidigen 'ihr Zimmer'. Sie wundern sich regelrecht, dass Elisabeth da überhaupt noch reingeht."

Mit Musik geht alles besser

Ingeborg Wille folgt den Kleinen nach nebenan und stellt den Kassettenrecorder an. "Mit Musik kriegen die Morgenmuffel unter ihnen den Schwung besser. Das ist gleich ein ganz anderer Frohsinn." Manchmal singt Ingeborg Wille auch selbst mit den Kindern. Das Repertoire ist das Gleiche wie schon bei den Eigenen.

In dem Zimmer können sich die Kinder so richtig ausbreiten. Das ist wichtig, denn sowohl Jugendamt, als auch der Tagesmütter-Bundesverband verlangen ausreichend Platz für die Kleinen. Ein Garten ist nicht verpflichtend. Doch passende Räumlichkeiten machen nicht gleich eine gute Tagesmutter. Heidemarie Ritter vom Bundesverband für Kinderbetreuung in Tagespflege e.V. erläutert, welche Kritierien eine gute Tagesmutter ausmachen: "Vor allem sollte sie einen sehr langen Geduldsfaden haben. Sie sollte spontan, flexibel, offen und liebevoll im Umgang mit den Kindern sein." Auch Selbstbewusstsein spielt eine wichtige Rolle. "Wer sich nicht durchsetzen kann, verliert schnell den Überblick und die Kinder kochen ihr eigenes Süppchen", sagt Ingeborg Wille. Stünde sie heute vor der Frage, zu welcher Tagesmutter sie ihr Kind gibt, würde sie aber vor allem darauf achten, dass die Chemie stimmt. Nicht nur zwischen den Schützlingen und ihrer Betreuerin muss es harmonieren, auch die Beziehung zu den Eltern muss stimmen. Mit ihnen muss die Tagesmutter schließlich genauso die erste Phase überstehen. Ist die Distanz zu groß, funktioniert es nicht. Die Kinder spüren fehlende Harmonie sofort.

Grunqualifikation wird gewünscht

Tagesmutter – kein Job, um sich zwischendurch auf die Schnelle etwas Geld zu verdienen. "Wir müssen weg vom Sandkasten-Denken, weg von der Einstellung: Tagesmütter – was machen die schon", sagt Heidemarie Ritter. Dafür setzt sie sich als 3. Vorsitzende des Bundesverbandes ein. Zu ihrer Arbeit gehört es auch für eine gute Ausbildung der Betreuungskräfte zu sorgen. Zwar kann grundsätzlich jeder Tagesmutter oder -vater werden, doch anders als noch vor einigen Jahren, wird immer mehr Wert auf eine Grundqualifikation gelegt. In Seminaren erwerben die Anwärter die nötigen Kenntnisse über Pädagogik, Entwicklungspsychologie und Erste Hilfe am Kind. Mindestens hundert Unterrichtsstunden sollen die Tagesmütter und -väter belegen. Das ist zumindest die Wunschvorstellung des Bundesverbandes. Noch gibt es keine bundesweite gesetzliche Regelung, die eindeutige Vorgaben macht.

In Hamburg bekommt man jedoch ohne die Grundqualifikation schon heute keine Kinder mehr vermittelt. Danach dürfen Tagesmütter drei Kinder ohne Pflegeerlaubnis vom Jugendamt betreuen, für das vierte und fünfte Kind benötigen sie eine Erlaubnis und ab acht Kindern sogar eine Sondergenehmigung für eine Großpflegestelle und einen zusätzlichen Erzieher. Ingeborg Wille hat ihre komplette Qualifikation in weiser Voraussicht schon vor etlichen Jahren gemacht. Heidemarie Ritter ist selbst Tagesmutter. In ihrer Arbeit für den Bundesverband setzt sie sich vor allem dafür ein, dass das Berufsbild der Tagesmutter weitergebracht wird. "Wir wollen die Tagesmutter auf politischer Ebene etablieren und beim Familienministerium ein offenes Ohr erreichen."

Kein leicht verdientes Geld

Gesellschaftlich akzeptiert fühlt sich Ingeborg Wille auf jeden Fall. Viel mehr sogar als vorher, als sie noch als Bürokauffrau arbeitete. "Jetzt bin ich mein eigener Chef. Ich stelle die Regeln auf." Und ihre Mitarbeiter, die Eltern der Kinder, sind immer nett. "Sie vertrauen mir schließlich das Liebste an, was sie haben." Trotzdem weiß auch sie, wie schwierig die Arbeit sein kann. "Wenn man nicht die Liebe zur Sache hat, ist es wirklich ein harter Job. Das ist kein leicht und schnell verdientes Geld. Dazu hängt viel zu viel dran. Man muss sich schon in die Seele der Kinder einleben." In den meisten Fällen gelingt der erfahrenen Tagesmutter das auch ganz problemlos. Die heute knapp zweijährige Tina kam vor über einem Jahr zu ihr. Eigentlich viel zu früh, wie sie fand. Die Mutter wollte mal wieder ein, zwei freie Tage ohne Kind zum Shoppen oder Sport treiben nutzen. In solchen Fällen ist eine Tagesmutter die ideale Lösung. Doch trotz anfänglicher Bedenken, dass die Abnabelung für die Kleine viel zu früh käme, lebte sie sich schnell ein.

An Marit hingegen biss sich die Tagesmutter zunächst die Zähne aus. Die Zweieinhalbjährige wollte nicht mit ihr sprechen. Drei volle Monate schwieg das Mädchen. "Sonst hat sie alles gemacht: gegessen, gespielt, nur nicht gesprochen. Sie hat richtig zugemacht und ihren Eltern gezeigt, dass sie noch nicht trennen möchte." Zu Hause erzählt die Kleine allerdings, wie gut es ihr bei Tagesmutter Inge gefiel. Eines Tages fing sie dann ganz plötzlich an zu sprechen. "Mittlerweile ist sie die, die hier den Laden schmeißt" erzählt Ingeborg Wille nicht ohne Stolz. Haben die Kinder die Eingewöhnung geschafft, ist der erste Schritt in Richtung Abnabelung vollzogen. Das Vertrauen in eine andere Bezugsperson als Mutter oder Vater ist gewonnen.

Kinder fühlen sich fast wie zu Hause

Wer schon länger in der Gruppe ist, übernimmt fast von selbst ein wenig Verantwortung und achtet darauf, dass es den anderen auch gut geht. Marit darf immer die Salzstangen verteilen. Sie passt auf, dass es ganz gerecht zugeht. Wie im Kindergarten lernen die Kinder soziale Bindungen. Der Unterschied ist jedoch, dass sie bei einer Tagesmutter noch das häusliche Umfeld genießen können und sich so fast wie zu Hause fühlen.

Lärm dringt aus dem Kinderzimmer in die Küche. Jemand weint. Jonas, der jüngste von allen hat die anderen gegen sich aufgebracht, weil er das Spiel kaputt gemacht hat. Tagesmutter Inge muss schlichten.

Als sie sich 1989 entschied, Tagesmutter zu werden, war es ihr vor allem wichtig, immer für die eigenen Kinder erreichbar zu sein. "Ich wollte, dass jemand da ist, wenn sie nach Hause kommen." Dieses familiäre Gefühl will sie auch ihren Tageskindern vermitteln. Wenn sie sie mit drei Jahren in den Kindergarten abgibt, sollen sie wissen, dass sie jederzeit zurück kommen können, falls sie sich dort nicht wohlfühlen.

Zuschüsse gibt's beim Jugendamt

Die richtige Tagesmutter zu finden ist nicht leicht. Wer sein Kind in die Obhut einer persönlichen Betreuerin geben will, kann sich bei Jugendämtern, kirchlichen Einrichtungen oder örtlichen Vereinen Informationen holen. Auf der Website des Bundesverbandes kann man Internet-Adressen für ganz Deutschland abrufen. In Hamburg können die Tagesmütter Steckbriefe in der Tagespflegebörse aushängen und so auf sich aufmerksam machen. Die Nachfrage ist jedoch meistens größer als das Angebot. Die Betreuung kostet zwischen 3,50 und 5 Euro pro Stunde. Das klingt wenig, summiert sich aber für die Eltern schnell. Für Geringverdiener gewährt das Jugendamt Zuschüsse. Vor dem Mittagessen fassen sich alle an den Händen. "Piep, piep, piep, wir ham uns alle lieb. Piep, piep, piep, guten Appetit", sprechen sie im Chor. Als Nachtisch gibt es immer eine kleine Süßigkeit. Jeder bekommt fünf Gummibärchen in einem bunten Töpfchen. "Meinen eigenen ging es immer um die Farbe der Gummiteddys, den Tageskindern ist die Farbe des Töpfchens wichtig." Zufrieden lutschen sie ihren Nachtisch. Dass es noch über eine Stunde ist, bis Mami kommt, haben sie längst vergessen.

Maike Dugaro

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.