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TEIL 1: Gut angekommen

Liebe Leute, eine Mail mit den ersten Praha-Erfahrungen. Ich starte am besten mit meinem wunderschönen Studentenwohnheim...

Liebe Leute, eine Mail mit den ersten Praha-Erfahrungen. Ich starte am besten mit meinem wunderschönen Studentenwohnheim Kajetánka - ein Sechziger-Jahre-Plattenbau, die Tapeten sehen dementsprechend aus, leichter Schimmel ist auch an der Fensterwand zu entdecken, aber ich will hier nicht rummosern :-). Denn der Service ist eins a: Jeden Tag kommt ein altes Mütterchen in unsere Zimmer gewackelt und schaut nach, ob wir eine Rolle Toilettenpapier benötigen. Viel Luxus für wenig Geld: Rund 84 Euro bezahle ich im Monat fürs Mehrbettzimmer.

Die Karls-Universität selbst ist verstreut über die ganze Stadt, meine Sozialwissenschaftliche Fakultät protzt mit einem neuen Gebäude draußen auf der grünen Wiese. Dort ist man bestens ausgestattet, für die 2.500 Studenten gibt es genug Computerräume. Die Vorlesungen sind natürlich normalerweise auf Tschechisch, aber für Austauschstudenten und so manchen engagierten Tschechen gibt es rund 50 Kurse auf Deutsch, Englisch oder Französisch, angefangen von »Corporate Finance« bis zu »Jazz in Czech Culture«. Die Profs sind arg locker drauf, viele Gastdozenten aus dem Ausland. Ein kanadischer Prof mit Goldkettchen und wallendem Brusthaar versuchte gestern sogar, mich von einer VWL-Vorlesung abzuwerben: Seine Vorlesung über internationale Finanzmärkte sei weitaus interessanter...

Na, und Prag? Bingo, ich habe mich richtig entschieden: Mein Politik-Lehrstuhl in Köln hatte ja verschiedene Universitäten in Europa für ein Erasmus-Stipendium zur Auswahl (die meisten Studenten sind mit einem Erasmus- oder DAAD-Stipendium hier). Ich wollte genau aus vier Gründen nach Prag: 1. Ich hatte keine Lust auf Regenwetter in Dublin. 2. Für ein Studium in Spanien habe ich den falschen Charakter; da bin ich als Ostfriesin nicht feurig genug. 3. Einer der wichtigsten Gründe: Ich finde es spannend und reizvoll, für eine längere Zeit in einem nicht englischsprachigen »Transformationsland« zu leben, das jetzt - gut zehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus - vor dem Beitritt in die EU steht. 4. Jeder erzählt, dass Prag eine wunderschöne Stadt sein soll - und die wollte ich kennen lernen. Und so langsam entdecke ich auch die Cafés, die nicht in Touri-Führern aufgelistet sind.

Dann erst einmal »na shledanou« (Tschechisch wird mich sicher noch einige Nerven kosten, diese Sprache hat sieben Fälle und eine der schwersten Grammatiken. Mein Institut bietet zum Glück allen Erasmus-Studenten Tschechisch-Kurse an. Na shledanou heißt »Auf Wiedersehen« und wird ganz lässig »na shle« abgekürzt).

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