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TEIL 15: Kein schönes Viertel, aber dennoch interessant

Heute gibt's ein paar Zeilen zu meinem Stadtviertel Zizkov - »Schischkoff« ausgesprochen. Ein Arbeiter- und Romaviertel mit breiten Kopfsteinpflasterstraßen und einer kaum zu schlagenden Kneipendichte.

Heute gibt's ein paar Zeilen zu meinem Stadtviertel Zizkov - »Schischkoff« ausgesprochen. Also, Zizkov liegt im Osten von Prag und war früher das Sex and Crime-Viertel, ein Arbeiter- und Romaviertel mit breiten Kopfsteinpflasterstraßen. Alles ist ein wenig verkommen: an den Jugendstilfassaden blättert die Farbe ab, graue Panelaky (die Plattenbauten) machen sich breit. Kein schönes Viertel, aber dennoch interessant.

Zizkov ist eine touristenfreie Zone ist, denn hier gibt es nicht viel zu sehen. Außer einen wirklich spacigen Fernsehturm, eine Art weiße, dreibeinige Rakete, 216 Meter hoch, an der schwarze Babys herumkrabbeln (Siehe E-Mail vom 26. Juni). Und den Olsanka-Friedhof, auf dem der Herr Kafka beerdigt wurde. Und natürlich das weltweit größte Reiterdenkmal.

Ein absoluter Pluspunkt des Viertels ist die kaum zu schlagende Kneipendichte. Kneipen, das sind hier vor allem die »Hospodas«. Urig-dunkle Räume, in denen ein schlecht gelaunter bierbäuchiger Wirt den halben Liter Bier für 13 Kronen (noch nicht einmal fünfzig Cent) auf den Tisch knallt. Diese Hospodas sind eine Mischung aus traditionellen kölschen Gaststätten und leicht versifften St.-Pauli-Spelunken. Hier bekommt man nicht nur ein »ehrliches Gulasch mit Knödeln«, sondern auch gleich neue Kneipenbekannte und sei es nur für einen Abend.

Ich hab' mich in den letzten Wochen ein wenig hier herumgetrieben und unter anderem den »Gentlemanu Club Zizkov« kennen gelernt. Das ist eine Art elitäre Tischgesellschaft von 25 Herren im besten Mannesalter, die meiner Meinung nach vor allem einen Grund zum Biertrinken suchen. Also gründeten sie den Verein, der einmal im Jahr die beste Zizkover Kneipe kürt - und dabei ein wenig an die legendären Monty-Python's.

Was habe ich noch erlebt? Ach ja, vor einigen Tagen war ich auf einer Vernissage - in der »Post-Minigalerie«. In einer kleinen Postfiliale wurde vor 15 Zizkovern feierlich eine Fotoausstellung eröffnet, Kammermusik inklusive. Zehn Fotos im Wechselrahmen, frei nach dem Motto: Wenn die Menschen nicht zur Kultur kommen, dann muss die Kultur zu den Menschen kommen; also in die Postfiliale. Eine wirklich skurrile Veranstaltung, die noch skurriler wurde, je ernsthafter sie durchgezogen wurde: Feierliches Redenschwingen vom Bürgermeister und manchen Ehrenbürgern, Rotwein in Ikea-Wassergläsern, im Hintergrund dazu Händel-Live-Musik - und das alles zwischen Briefmarkenpostern und Infomaterial über Päckchengrößen. Natürlich gab es auch gleich die Einladung vom »Postmeister«, später mit in eine Hospoda zu kommen. Nächstes Mal werde ich sicherlich annehmen!

Mein Tschechischkurs ist inzwischen beendet, deswegen nur ein schnelles »Na shledanou« aus Prag

Marlies

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