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Überschuldung: Wenn das Geld nicht mehr reicht...

Mehr als eine Million Deutsche sind völlig verschuldet, Tendenz steigend. Oft bleibt als letzter Ausweg nur noch die Privatinsolvenz. Dabei ist der Einstieg in die Schuldnerkarriere meist ziemlich banal - und könnte vermieden werden.

Von Karin Spitra

Wenig Geld und trotzdem konsumieren? Die Lösung scheint einfach: Kaufen auf Pump. Für den Urlaub wird ein Kredit aufgenommen, die Waschmaschine auf Raten gekauft - und das Auto gleich geleast. Die Kehrseite des Konsumrauschs: unbezahlte Rechnungen, Mahnungen und Privatinsolvenzen. Meist führt fehlende Übersicht zum ersten finanziellen Schlingern. Arbeitslosigkeit und Scheidung sorgen dann für das endgültige Kippen in die hoffnungslose Überschuldung.

Zu diesem Ergebnis kommt die Bremer Firma Seghorn Inkasso, die in fast jedem vierten Verbraucher-Insolvenz-Verfahren als Gläubigervertreter auftritt, in ihrer Studie "Überschuldung: Ursachen und Prävention". Demnach rollte die Zahl der Insolvenzverfahren gegen Privatleute ungebremst weiter - und auch für 2007 gibt es keine Entwarnung.

Allein im ersten Quartal 2006 meldete das Statistische Zentralamt einen Anstieg gegenüber dem Vorjahresquartal um 50,2 Prozent. Auch für die ersten drei Quartale des Jahres 2006 zusammen sehen die Zahlen nicht besser aus. In diesem Zeitraum wurden mit 98.591 Fällen bereits 29,6 Prozent mehr Verfahren eröffnet, als im Jahr davor. "Das bedeutet, dass wir in diesem Jahr wohl mehr als 138.000 derartige Verfahren bekommen und 2007 sogar mit mehr als 180.000 Insolvenzen natürlicher Personen rechnen müssen," befürchtet Stephan Jender, Geschäftsführer von Seghorn Inkasso.

Die vorgestellte Studie, für die Seghorn Inkasso 1996 Personen mit akuten Zahlungsschwierigkeiten befragt hat, nennt nun die Gründe, warum immer mehr Verbraucher in die Überschuldung geraten - aus Sicht der Betroffenen. Bei der am häufigsten vertretenen Altersgruppe zwischen 31 und 40 Jahren wurde von knapp der Hälfte die eigene Arbeitslosigkeit als entscheidender Auslöser genant. Schon auf Platz zwei folgte als Ursache "unwirtschaftliche Haushaltsführung/Erfahrungsmangel im Umgang mit Geld". Bei über einem Viertel der Befragten war zudem Trennung oder Scheidung mit ausschlaggebend für die Geldprobleme.

Der Überschuldungsgrund Trennung oder Scheidung ist laut der Studie vor allem ein Problem von Schuldnern im Alter von bis zu 50 Jahren. Bei den älteren Befragten ist die gescheiterte Selbstständigkeit ein wichtiger Grund für die Überschuldung. Ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass es offenbar nicht unbedingt die ganz großen Kredite sind, wie sie zum Beispiel für den Bau oder den Kauf eines Eigenheimes aufgenommen werden, die für einen finanziellen Absturz sorgen. Nur 1,7 Prozent der Befragten nannten eine gescheiterte Immobilienfinanzierung als Hauptgrund für ihre Überschuldung. "Dies mag daran liegen, dass die Finanzierung einer Immobilie sehr intensiv bedacht wird, und auch die Beratung durch die Banken sehr ausführlich ist," sagt Jender.

Schlingern durch Unvernunft

Diese ausführliche Beratung schützt vor allem Verbraucher, deren Finanzkompetenz nicht so ausgeprägt ist. Anders als bei vielen Käufen des täglichen Lebens wird beim Bankkredit sehr wohl Wert auf fremden Rat gelegt. So erklärten denn auch "nur" etwas mehr als die Hälfte (53 Prozent) der von einer Insolvenz bedrohten Verbraucher, dass ihre Schulden aus einem Bankkredit stammen. Der Rest gab an, dass sich ihr Schuldenberg aus offenen Rechnungen aller Art mit vielen kleinen Summen bei vielen verschiedenen Gläubigern zusammensetzt.

Gerade der Umstand, dass nicht die großen Schulden, sondern die kleinen Rechnungen für aktue Zahlungsprobleme sorgen, deutet bei den jeweiligen Betroffenen auf einen mangelnden Überblick der eigenen finanziellen Lage hin. 30,6 Prozent der Männer und 31,9 Prozent der Frauen bekannten, dass eine unwirtschaftliche Haushaltsführung wesentlich zu ihrer Misere beigetragen hat. Mit ungeplanten Ausgaben und Verpflichtungen - also nur durch eigene Unvernunft - wurde demnach ein wachsender Berg an Schulden angehäuft.

Absturz durch Krise

In die finanzielle Ausweglosigkeit führten schließlich unerwartete und nicht geplante Ereignisse wie Arbeitslosigkeit (48,8 Prozent der Männer) und Scheidung. Wobei die Auflösung der partnerschaftlichen Finanzgemeinschaft vor allem die Frauen hart trifft: Während nur 17,9 Prozent der Männer (Platz vier der Häufigkeit) hier die Ursache für ihre Überschuldung sehen, ist dies bei Frauen mit 34 Prozent der zweithäufigste Grund.

"Aus diesem Blickwinkel betrachtet, könnte eine bessere Finanzkompetenz wie eine vorbeugende Abhärtung gegen das Risiko der Überschuldung wirken," fasst Jender die Ergebnisse zusammen. Dazu gehöre dann auch, dass der Umgang mit Geld so früh wie möglich geübt werden solle, im Idealfall schon in der Schule. Diese "finanzielle Allgemeinbildung" will denn auch ein Großteil der Befragten für die eigene Zukunft beherzigen. 41,8 Prozent gaben an, in ihrem weiteren Leben ganz ohne Schulden auskommen zu wollen - und dass dazu Dinge wie "erst sparen, dann kaufen", "nicht über die eigenen Verhältnisse leben" und "genauer überlegen, wofür man sein Geld ausgibt" gehören.

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