Dresdner Frauenkirche Ein einzigartiges Versöhnungswerk


Die wiedererstandene Frauenkirche ist mehr als die Erfüllung des Jahrzehnte langen Traums vieler Dresdner: 60 Jahre nach Einsturz des Originalbaus wird am 30. Oktober ein einzigartiges Versöhnungswerk geweiht.

"Aus einer kleinen Schneeflocke ist eine Lawine geworden, die um den ganzen Globus rollte", sagt der Pfarrer Karl-Ludwig Hoch. Der Theologe hatte mit dem Trompeter Ludwig Güttler und anderen den "Ruf aus Dresden" vom 12. Februar 1990 verfasst. Dieser zielte auf einen Wiederaufbau des protestantischen Gotteshauses "zu einem christlichen Weltfriedenszentrum im neuen Europa". Bürgerinitiative und Stiftung wollten mindestens ein Drittel der auf 250 Millionen D-Mark geschätzten Baukosten aus Spenden aufbringen. Am Ende sind es rund 100 Millionen Euro - reichlich die Hälfte der Gesamtkosten von 179 Millionen Euro und drei Viertel der reinen Baukosten von 132 Millionen Euro.

Nach zähem Start flossen Großspenden von Unternehmen, schickten Menschen kleine und große Geldbeträge, erwarben Stifterbriefe und adoptierten Steine und Sitzplätze. Dazu kamen Sachleistungen wie die von Steinmetzen in ganz Deutschland. Fördervereine und -kreise bundesweit sammelten Geld und investierten es in ganze Bauteile, ehemalige Dresdner im westlichen Ausland warben für das Projekt. "Sie machten aus dem Anliegen von wenigen Enthusiasten eine Weltangelegenheit", sagt Hoch.

Der in den USA lebende Nobelpreisträger Günter Blobel gründete 1995 die "Friends of Dresden" und stellte 800.000 Euro seines Nobelpreis-Geldes zur Verfügung. Königin Elizabeth II. gab einen größeren Beitrag aus ihrer Privatschatulle und sammelte bei einem Benefizkonzert in Berlin rund 350.000 Euro.

Große Gesten

Nach ihrem Staatsbesuch 1992 bildete sich in England der "Dresden Trust". "Nach einer Kreuzigung kommt immer eine Neugeburt", sagt dessen Vorsitzender Alan Keith Russel. Er ließ nach Originalunterlagen das Turmkreuz fertigen - von dem britischen Kunstschmied Alan Smith, dessen Vater als Pilot an der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 beteiligt war. Die polnische Kleinstadt Gostyn, die im Krieg unter der deutschen Besatzung litt, stiftete eine Flammenschale. Dafür spendeten auch Hinterbliebene von 1942 in Dresden erschossenen Mitgliedern einer Widerstandsgruppe.

Die niederländische Königin Beatrix erwarb beim Privatbesuch im Juni 1998 einen Goldenen Stifterbrief und übernahm damit die Patenschaft über den Schlussstein des inneren Portals D. Für das größte Denkmalschutzprojekt der Bundesrepublik wurde gar das Privileg des staatlichen Münzregals durchbrochen. Nach Bemühungen von Ost- und West-Politikern beschloss der Bundestag 1994 die Auflage einer Sondermünze, deren Erlös von 45 Millionen D-Mark ins "Kulturdenkmal ersten Ranges" floss.

Moderne Orgel statt originalgetreuem Nachbau

Überschattet wurden die Erfolge vom Orgelstreit. Mehrere Jahre stritten Gegner und Befürworter einer möglichst originalgetreuen Rekonstruktion des Instruments von Gottfried Silbermann aus dem Jahre 1736. Die Entscheidung der Stiftung fiel für eine moderne Orgel im barocken Gehäuse. Die Erweiterung sei notwendig, um auch Musikwerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert spielen zu können. Die fertige Orgel sei "ein großartiges Instrument", urteilt Landesbischof Jochen Bohl.

Ein Jahr früher als geplant wird sie nun erstmals öffentlich erklingen. Die Pläne für weitere Konzerte nicht nur mit diesem Instrument sind gemacht, Orchester und Solisten gebucht, die Tickets zum Teil ausverkauft. Auch die Gottesdienste für die ersten Wochen sind terminiert. Galt die 1726 bis 1743 errichtete Kirche George Bährs bereits als "architektonisches Meisterwerk von Weltrang" und "ingenieurmäßige Glanzleistung des 18. Jahrhunderts", so ist der größte Kuppelbau nördlich der Alpen nun auch Stein gewordene Versöhnung, Solidarität, Einheit und ein Zeichen neuer Hoffnung - geweiht "Soli Deo Gloria" (Gott allein sei Ehre).

Simona Block/DPA


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