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Ein Bild und seine Geschichte: Schmerzen in Disneyland

Dahin gehen, wo es wehtut: Bürgerkrieg, Aufstand, Überlebenskampf. Davor ist Magnum-Fotografin Susan Meiselas nie zurückgeschreckt. Als sie 1995 den New Yorker SM-Club "Pandoras Box" besucht, ahnt sie noch nicht, wie weh es diesmal tun wird.

Von Philipp Gülland

Ein „Disneyland der Unterwerfung“ verspricht Mistress Raven den Gästen ihres Etablissements, der noble New Yorker Club „Pandoras Box“. Die Rabenfrau ist Herrin über vierzehn Dominas und gut 1000 Quadratmeter sadomasochistische Spielwiese mit Folterkammern, Kerker, Klinik - Abenteuerspielplatz nur für Erwachsene und nicht jedermanns Geschmack. Hier erfüllen Raven und ihre Kolleginnen die oft ausgefallenen Wünsche der Kunden. Bankiers, Manager, Anwälte, Frauen und Männer lassen sich hier unterwerfen, demütigen, peitschen, fesseln und bestrafen. Das Spiel mit Schmerz und Erniedrigung bereitet ihnen Lust, für die Herrinnen liegt es zwischen Berufung und lukrativem Geschäft. Pandoras Box, das ist ein Paralleluniversum mitten in Manhattan und ein ganz besonderes Freudenhaus.

"Am äußersten Rand des Voyeurismus"

Siebenundvierzig Jahre alt ist Susan Meiselas, seit fast zwei Jahrzehnten Mitglied der legendären Fotografenagentur Magnum. Eine hartgesottene Reporterin, weitgereist und erfahren: Nicaragua, El Salvador, Kolumbien und die Philippinen - Aufstand, Unruhen, Bürgerkrieg und Überlebenskämpfe sind ihre Themen. "I was hardcore" gibt sie später einmal zu; sie sei eine ganz Harte gewesen. "Es war schwer, mich da wieder wegzukriegen", erzählt sie später von den Bürgerkriegen und Unruhen Südamerikas, die sie über ein Jahrzehnt dokumentierte. Kein Zweifel, die Frau aus Baltimore geht gerne dahin, wo es wehtut. Die Arbeit in der Büchse der Pandora erweist sich aber als absolute Grenzerfahrung.

Zusammen mit dem Dokumentarfilmer Nick Broomfield verbringt sie mehrere Wochen in dem Edelbordell und dokumentiert den Alltag zwischen Streckbank und Gynäkologenstuhl. "Es war der äußerste Rand des Voyeurismus, genau an diesen Rand musste ich gehen", berichtet sie später über die Arbeit an dem Projekt. „Das Foltern und Schmerzen zufügen erinnert mich an die Verhörzellen, die ich aus den Bürgerkriegen kannte. Ich hatte Albträume. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man mit zwei Menschen in einem kleinen Raum ist und weiß: Sie haben vereinbart, dass einer dem anderen Schmerzen zufügt. Überraschend, wie viele Menschen Schmerz suchen, wie viele ihn gern geben oder erfahren - damit musste ich mich auseinandersetzen", so Meiselas.

Lack und Teppich, Schmerz und Luxus

"Pandora's Box, The Kick, The Versailles Room" verrät die Bildunterschrift der querformatigen Aufnahme. Aus ungefähr einem Meter Entfernung mit kurzer bis mittlerer Brennweite aufgenommen zeigt sie, wie direkt Meiselas sich mit den für sie verstörenden Rollenspielen auseinandersetzt. "Ich will es verstehen. Ich muss da sein, um es zu wissen“, erklärt sie ihre Arbeitsweise. Am Boden, oben rechts im Bild, ist der freie Oberkörper eines Mannes zu sehen: haarige Brust, vielleicht zwischen vierzig und fünfzig Jahren, seinen Kopf umschließt eine schwarze Ledermaske mit Reißverschluss über dem Mund, Nasen- und Augenschlitzen, Schnallen an den Seiten und einem Hahnenkamm aus großkalibrigen Patronenhülsen - der Sklave. Den roten Teppich zieren goldene Lilien - eben solche, wie es sie zu Renaissance-Zeiten auch in Versailles gab - und in eine der angrenzenden grünen Fliesen ist ein Metallring eingelassen. Ein Fuß in hochhackigem Lackstiefel steht links neben dem lederverhüllten Sklavenkopf, der zweite ist gerade unterwegs zur Schläfe des Mannes, einen Tritt austeilen. Huscht da ein zufriedenes Lächeln über den Reißverschlussmund? Meiselas zeigt das lustvolle Spiel zwischen Lack und Teppich, Schmerz und Luxus. Ein Disneyland nur für Erwachsene.