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Ein Bild und seine Geschichte: Stacheldraht und Spuren

Er hat schon ein langes Fotografenleben hinter sich, da unternimmt Erich Hartmann im Winter 1993/94 eine achtwöchige Reise. Kurz vor dem 50. Jahrestag der Befreiung der letzten Konzentrations- und Vernichtungslager im Frühjahr 1945 erforscht er die verbliebenen Lager und Gedenkstätten.

Stacheldraht, getragen von einem Betonpfahl mit Isolatoren, siebt den Blick zum Horizont. Zwischen Zaun, dürrem Gras und wolkenverhangenem Winterhimmel erstrecken sich Ruinen. Schornsteine recken sich empor, lassen ahnen wo einst Baracken standen - Reihe an Reihe. Die querformatige Schwarzweißaufnahme zeigt die Überreste von Auschwitz Birkenau; einem jener Lager, in denen Millionen den Tod fanden. Wer nicht durch Hunger oder Arbeit starb, wurde ins Gas geschickt. Erich Hartmann fasst den Holocaust in schlichte, stille und gerade deswegen beklemmende Bilder - keine Menschen, nur Spuren.

"Im Verlauf früherer Europareisen hatte ich mehrmals in Lagern fotographiert, doch dieses Mal sollte es eine Reise nur zu diesem Zweck sein. Ich hatte keine Illusionen; ich wusste, dass ich keine Fakten zu der schon bestehenden ausführlichen Dokumentation über die Lager hinzufügen konnte und dass meine Fotografien keinen einzigen Menschen vom Totenreich zurückbringen oder das oft noch andauernde körperliche oder seelische Leiden keines einzigen Überlebenden lindern würden. Ich musste einfach zu den Lagern, um eine Pflicht zu erfüllen, die ich nicht in Worte fassen konnte, und um mit den Mitteln meines Berufs einen verspäteten Liebesdienst zu erweisen" erzählt Fotograf Erich Hartmann über sei letztes großes Essay-Projekt.

Von Spurensuche und persönlichen Motiven

Hartmann macht "eine ganz persönliche Aussage mit strengen fotografischen Mitteln, damit sie auch anderen Leuten zugänglich ist. Ich behaupte nicht, dies ist jetzt das Gerüst der Gefühle, die du haben musst, wenn du dich mit diesem Thema beschäftigst. Ich behaupte mit diesen Bildern nur: Das habe ich gefühlt. Sonst gar nichts. Entsprechend ist auch die Resonanz. Die Betrachter spüren: Das ist ein Hauch, ein noch übrig gebliebener Hauch aus dieser Welt der Tötungswut". Die ehemaligen Konzentrationslager sind für Hartmann kein neues Thema, schon oft hat er dort fotografiert, aber doch ist es diesmal anders. Acht Wochen reist der Fotograf umher und macht in den Lagern seine Bilder. In Dachau, Mauthausen, Theresienstadt, Treblinka und weiteren Epizentren des Holocausts geht er mit der Kamera auf Spurensuche. Stacheldraht, Nebel und Ruinen erzählen vom Unaussprechlichen.

Ein Blick in die eigene Geschichte

Als die Nazis in Deutschland wüten und die Familie flieht, ist Erich Hartmann 16. In Albany, New York, arbeitet er in einer Textilfabrik und macht abends seinen High School Abschluss, er spricht als einziger in der Familie Englisch. In der US-Armee kämpft Hartmann in Belgien, Frankreich und Deutschland gegen das Regime, das ihm und seiner Familie die Heimat nahm.

Nach dem Krieg assistiert er einem New Yorker Porträtfotografen und arbeitet kurze Zeit später selbst als Freelancer. 1952 tritt er der Fotografenagetur MAGNUM bei, fotografiert zahlreiche Essays für Fortune, Geo und andere Magazine. Hartmanns Bilder haben meist eine dichterische Qualität. Er sucht Zusammenhänge, historische Bezüge, kulturelle Querverweise und erzählt mit ihnen seine Geschichten. Gegen Ende seiner langen Karriere zieht es ihn noch mal nach Europa, denn die Geschichte des Holocaust will er noch erzählen. Hartmann ist selbst ein Flüchtling, einer, der wahrscheinlich in den Lagern den Tod gefunden hätte, bereist Hartmann Europa auf den Spuren des organisierten Massenmordes und schafft so eine dichterisch-düstere Topographie des Terrors. Es ist eines der vielen Langzeitprojekte, für die er sich immer wieder Zeit nimmt, sein letztes - 1999 stirbt Erich Hartmann in New York. Seine Spurensuche in den Konzetrationslagern ist unter dem deutschen Titel "Stumme Zeugen: Photograhien aus den Konzentrationslagern" 1995 im Heidelberger Verlag Lambert Schneider erschienen.

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