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Frauenkirche: Das Wunder von Dresden

Nach dem Bombenangriff der Alliierten im Februar 1945 ragen aus den Trümmern die Stümpfe der Frauenkirche. 60 Jahre danach steht sie wieder in alter Pracht. Menschen aus aller Welt haben es mit ihren Spenden möglich gemacht.

In diesen Tagen, sagt Karl-Ludwig Hoch, wird ein Traum wahr, den viele nicht mehr zu träumen wagten. Der Pfarrer steht vor seinem Haus am Elbhang und staunt immer wieder über den Blick, der sich ihm von seiner Terrasse aus bietet. Der Blick geht über den Fluss auf die Frauenkirche. Fast 60 Jahre war eine Lücke dort, wo sich jetzt die Kuppel über den Neumarkt erhebt. Ein Wunder erlebt nicht jede Generation, sagt der 75-jährige Gottesmann. Karl-Ludwig Hoch zählt zu den Männern, die dieses Wunder möglich gemacht haben. In einem Anflug von Größenwahn in den Zeiten der Wende, als alles machbar schien in Deutschland und Jammern noch keine Konjunktur hatte, beschlossen ein paar Architekten, Ärzte, Denkmalschützer und Künstler gemeinsam mit Hoch, etwas Gewaltiges zu versuchen: viele Millionen Mark für eine Kirche zu sammeln, die, nüchtern betrachtet, niemand brauchte.

Es gibt genug Kirchen in Dresden, und genug stehen leer. Den Männern ging es darum, eine Wunde zu schließen. Der "Ruf aus Dresden", den Karl-Ludwig Hoch in einer Nacht, die Worte wohlabwägend, schrieb, wurde erhört. 600 000 Menschen spendeten bis heute fast 100 Millionen Euro für die Vision eines "christlichen Weltfriedenszentrums im neuen Europa". Kinder plünderten Sparschweine, Witwen überwiesen ihr Erbe. Unternehmer arbeiteten kostenlos, Bäcker verkauften im Kirchengrundriss gebackene Roggenmischbrote. Der Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel stiftete sein Preisgeld: 1,8 Millionen Mark. Die "Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche" zählt weltweit 13 000 Unterstützer in 23 Ländern. Es gibt Initiativen in New York und Paris. Spenden kamen selbst aus dem polnischen Gostyn, wo deutsche Soldaten im Oktober 1939 auf dem Marktplatz 30 Menschen erschossen hatten. Der britische "Dresden Trust" sammelte mehr als 700 000 Pfund. Der Gründer, Ex-Diplomat Alan Russell, sieht das "Abenteuer Frauenkirche" als seinen "Beitrag zu einem Friedensprozess".

Er erlebte als Kind, wie deutsche Sturzkampfbomber London attackierten. Auch Bürger aus Coventry, das die Deutschen 1940 zerstörten, gaben Geld. Steinmetze aus ganz Europa arbeiteten am Sandstein, Silberschmied Alan Smith, Sohn eines englischen Bomberpiloten, am Turmkreuz: "Für mich und meine Familie bedeutet das, Entschuldigung zu sagen. Mein Vater hat die Zerstörung nie verwunden." Wer verstehen möchte, welche Bedeutung die Frauenkirche für die Dresdner hat, muss auf einen der Türme der Stadt steigen und sich die Narben von oben anschauen. Dresden verbrannte in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1945. 25 000, vielleicht auch 40 000 Menschen, die genaue Zahl kennt niemand, wurden getötet. Karl-Ludwig Hoch erkannte seine Tante nicht mehr wieder, als sie plötzlich vor ihm stand, Haare und Augenbrauen versengt. Zwar hatten andere Städte wie Köln, Aachen oder Kassel ähnliche Verluste erlitten: In Hamburg waren die Bombenschäden 1943 noch größer als die in Dresden zwei Jahre später. Aber keine Stadt wurde nach dem Krieg rücksichtsloser planiert.

"Großflächenberäumung" nannten die Sozialisten die zweite Beerdigung Dresdens auf einer Fläche von drei mal fünf Kilometern. Von 25 000 Gebäuden des Innenstadtkerns blieben 25 stehen. Das einst barocke Dresden sollte einer sozialistischen Musterstadt weichen, die Ruine der Frauenkirche einem Großparkplatz. Denkmalschützer verteidigten den 13 Meter hohen Schutthaufen Frauenkirche, 22 000 Kubikmeter altes Dresden. Viele Menschen waren anfangs dafür, die Steine liegen zu lassen. Als Mahnmal. Wer aber durch die riesigen Plattenbauviertel der Stadt fährt, dem sind diese bewohnten Ödflächen Mahnmal genug. Noch heute, 15 Jahre nach der Wende, packt den Besucher am Neumarkt das Grauen: Das hässliche Spiegelglas der Polizeidirektion trifft auf monoton-sozialistischen Aufbaueifer. Dazu elendes Musikgeplärre aus Lautsprechern, Panflötenterror in Cafés und Dauerberieselung dort, wo Johann Sebastian Bach einst auf der Silbermann-Orgel zauberte. Um die Frauenkirche herum sollen die alten Quartiere neu entstehen.

Und so wirkt der Bau als Monument

aufstrebender Leichtigkeit noch ein wenig verlassen. Die Frauenkirche als einzigartige architektonische Inszenierung, als Zentralraumkirche, über einer Grundfläche von 40 Metern im Quadrat, an den Ecken von vier Treppentürmen flankiert, welche die Emporen erschließen. Ein Barockbau aus dem 21. Jahrhundert. "Mit jedem Bauabschnitt ist unsere Bewunderung für die Altvorderen gestiegen", sagt der Leitende Architekt Uwe Kind. Die beiden übrig gebliebenen Ruinenstümpfe, nach so langer Zeit auch durch Verwitterung schwarz geworden, gehen über in neuen hellen Sandstein: Fast ein Drittel der Kirche ist aus alten Steinen erbaut, "vom Grund aus bis oben hinauf gleichsam nur ein einziger Stein", wie der barocke Baumeister George Bähr seine Kirche einmal selbst beschrieb.

Der erhabenste Bau der evangelischen Christenheit, jubeln die Dresdner; vergleichbar nur der Hagia Sophia in Istanbul, dem Dom von Florenz, der Peterskirche in Rom. Die Frauenkirche sollte die Residenzstadt Augusts des Starken krönen. Sachsens Märchenkönig wollte Dresden zu einem zweiten Venedig machen: die Elbe ein Canal Grande, die Frauenkirche eine Santa Maria della Salute.

Andächtig stehen die Menschen davor

und staunen. Viele Besucher aus Übersee kommen, alte Dresdner sind auf Spurensuche. Sie haben als Kinder die Leichenberge gesehen in den Straßen und nie verwunden, dass ihre geliebte Barockstadt in einer Nacht ausradiert wurde. Sie sind noch heute verbittert, dass die Bomben nicht auf Kasernen fielen und kaum auf Industrieanlagen oder Brücken, sondern die Menschen in den Häusern trafen und Flüchtlinge in den Straßen. In Dresden, wo die Nazis an der Technischen Universität eine durchschlagsichere Brandschutzdecke entwickeln ließen, hatte man einen solchen Angriff nicht für möglich gehalten. Es gab eine amerikanische Kirche und ein englisches Viertel. "Dresden werden sie schonen, in Dresden wollen sie wohnen", versicherten sich die Sachsen. Vergessen wohl, dass Hitler schon im Dezember 1940 angekündigt hatte, die Städte der Gegner auszuradieren. "Und wir sollten nicht vergessen", sagt Pfarrer Karl-Ludwig Hoch, "die Synagoge brannte lange vor der Frauenkirche." Im Herbst 1945 hatten engagierte Dresdner dann Trümmer in der Hoffnung geborgen, die Frauenkirche eines Tages wieder zu errichten. Die geretteten Steine waren wie Reliquien. Mauerblöcke wurden auf handgeschobene Feldbahnwagen verladen und in den Brandgassen gestapelt.

Denkmalpfleger sicherten barocke Fassadenstücke: Für die herrschenden Sozialisten waren sie "Mumienräte". Heute sind sie Helden. Architekten entwarfen am Bildschirm ein dreidimensionales Modell der Kirche, Computer speicherten bis zu 170 Einzelinformationen pro Stein, von Fallhöhe bis Festigkeit. Ingenieure hatten den Einsturz der Kirche simuliert, um einzuordnen, wohin welche Steine fielen. So kartografierten sie den Trümmerberg. Bauabschnitte wurden an Modellen geübt, Steine im Zeitraffer unter Kälte gesetzt, erwärmt, beregnet.

Experten überwachten jeden Schritt. Steinversetzer wälzten Bücher, um sich zu orientieren, wie vor 300 Jahren Ziegelgewölbe geformt wurden. Eine Kunsthistorikerin suchte in Archiven nach Quittungen und Belegen, um die verwendeten Materialien zu identifizieren. Verabredet war: so originalgetreu wie möglich, so modern wie nötig zu bauen. Die Engelsköpfe an den Kapitellen sind mit Halbedelstein poliert, Nägel handgeschmiedet, Glas ist mundgeblasen. Das Holz für die Emporen im Chor wurde im Schwarzwald geschlagen und in Chemnitz gebogen. Dresdens Handwerker sind nun Experten für Vergangenes und erhoffen Anschlussaufträge. "Das Beste, was uns passieren könnte", sagt ein Maurer, "wäre, wenn wir die Frauenkirche anderswo noch einmal hochziehen könnten." Besonders gut hat den Bauleuten gefallen, dass sie ihrem Geld nicht hinterherlaufen mussten. Rechnungen wurden prompt beglichen. Weil es ein archäologischer Wiederaufbau werden sollte, verliebten sich die Dresdner in jedes Detail.

Sie wurden nicht müde,

darüber zu streiten, wie viel Zugeständnisse sie erlauben dürften. Sollten millimeterstarke Risse, vor mehr als 250 Jahren durch Konstruktionsfehler entstanden, ebenfalls rekonstruiert werden? Muss man dem Meister Bähr im Nachhinein ins Werk pfuschen, weil er in der falschen Annahme baute, die Last der Kuppel ruhe auf den Außenwänden, nicht auf den Pfeilern? Soll die neue Orgel 71 Register umfassen, obwohl die alte nur 43 hatte? Ist es erlaubt, die Engelsköpfe auf den Kapitellen, früher jedes für sich ein Unikat, nun mehrmals zu kopieren? Wohin mit den Beichtstühlen, die vor Jahrhunderten in der Kirche standen? Was ist von dem Vorschlag des Alt-Pfarrers Hoch zu halten, der gern den Satz "Herr, vergib uns unsere Schuld" im Gotteshaus verewigt haben möchte? Und wie eigentlich sah die Kirche innen aus? War sie weit und hell oder eher, wie sie alte Dresdner nach der Renovierung 1942 in Erinnerung haben, ein bisschen dunkler?

Das älteste verfügbare Foto stammt aus den Jahren vor 1875, die Privataufzeichnungen des Baumeisters sind verschollen. Die Annäherung an die Farbkompositionen des Barock geraten zur Detektivarbeit; die Kirche wurde in 250 Jahren mehrfach renoviert. Archivierte Rechnungsbelege aus den Jahren 1732 bis 1740 lassen auf verwendete Materialien schließen, nicht aber auf Farbtöne und Bindemittelzusammensetzungen. Restaurator Wolfgang Benndorf experimentierte vier Jahre zunächst mit Grün, später mit Blau. Den einzigen Beleg für einen blauen Himmel in der Altarnische zum Beispiel fand er auf einem millimeterkleinen Teilchen, das zu einer Fläche zwischen zwei Bäumen an dem auf den Altar gemalten Ölberg gehört hatte: Nun geht es darum, sich einem optimalen Erscheinungsbild zu nähern. Die Dresdner brauchen keine neue Kirche. Sie wollen ihre alte wiederhaben. Eine Trotzreaktion. Die Frauenkirche ist Projektionsfläche für Trauer und Hoffnung. Es scheint bisweilen, als wollten sie das Geschehene ungeschehen machen. "Wir haben uns natürlich gefragt, ob wir ein Mahnmal wegnehmen dürfen", sagt Karl-Ludwig Hoch. "Hätten wir damals auch nur ein halbes Jahr gezögert, dann wäre unsere Euphorie verflogen." Am Morgen des 15. Februar 1945, als die Stadt in Trümmern lag, stand Karl-Ludwig Hoch wie heute auf der Terrasse seines vom Bombardement verschonten Elternhauses und blickte auf die andere Seite. "Mutti", rief der damals 16-Jährige morgens um acht Uhr, "die Frauenkirche steht noch." Er machte noch ein Foto. Drei Stunden später sackte die ausgeglühte Kuppel nach anfänglich leisem Knistern mit einem ungeheuren Knall ins Kircheninnere.

Ein paar Wochen später, der Krieg war fast vorbei, kamen ein paar hoch dekorierte Nazis auf Hochs Grundstück und baten darum, Parteiabzeichen und Dienstpistolen im tiefen Brunnen auf dem Hof versenken zu dürfen. Die Russen waren vor der Stadt. "Ihr kommt zu spät", hat Karl-Ludwig Hoch da gedacht. "Das hättet ihr euch früher überlegen sollen."

Uli Hauser / print