Susan Sontag Keine Macht den Bildern


Sind wir abgestumpft durch Schreckensszenen? Susan Sontag, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, schreibt in ihrem neuen Buch "Das Leiden anderer betrachten", über Kriegsfotografie und blinde Schaulust.

Frau Sontag, herzlichen Glückwunsch. Sie sind mit einer der höchsten deutschen Literaturauszeichnungen geehrt worden, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Danke. Ich bin schon ganz aufgeregt, wenn ich daran denke, dass ich bei der Feier kommende Woche eine Rede halten muss. Denken Sie nur an den Skandal, den Martin Walser vor fünf Jahren auslöste.
Das wird Ihnen sicher nicht passieren. Wir Europäer hören es gern, wenn eine Amerikanerin die gegenwärtige US-Politik angreift, wie Sie es seit den Anschlägen vom 11. September immer wieder getan haben.

Ich glaube wirklich, dass die Bush-Regierung einen radikalen politischen Wandel herbeigeführt hat, fast einen Staatsstreich. Wenn man heute ein großes Bürogebäude in New York betritt, muss man einen Ausweis vorzeigen. Wie soll das Sicherheit vor Terroristen schaffen? Gar nicht: Es ist nur eine Maßnahme, die ein Klima der Überwachung und des Schreckens schafft. Und weil die Leute Angst haben, akzeptieren sie Einschnitte in ihre Freiheit, die sie sich früher nie hätten bieten lassen.

Mit der Bedrohung durch den Terrorismus begründet die Bush-Regierung auch ihre Außenpolitik, vor allem den Krieg im Irak.
Mich quält die Kriegsverliebtheit meines Landes ungemein, darum versuche ich, Menschen klar zu machen, was Krieg bedeutet. Amerikaner wissen das nicht, in Amerika ist Krieg keine Wirklichkeit.
Gilt das nicht auch für die meisten Europäer?
Nein. Selbst jüngere Europäer, die keinen Krieg kennen, haben eine Vorstellung davon, was er anrichtet. Vielleicht liegt es daran, dass in Städten wie Hamburg oder Dresden die Wunden der Zerstörung aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute spürbar sind. Man muss sich das mal vorstellen: Die USA kritisieren Deutschland dafür, dass es sich dem Krieg verweigert. Die Deutschen! Dabei ist diese Anti-Kriegshaltung eine große gesellschaftliche Errungenschaft.
Ihr Buch "Das Leiden anderer betrachten"* untersucht die Frage, was die Bilder, die wir täglich von den Schlachtfeldern dieser Welt sehen, in uns auslösen. Warum glauben Sie nicht, dass Bilder des Schreckens dem Krieg Einhalt gebieten können?
Bilder illustrieren nur, sie erklären nicht. Sicher, ein Foto kann zeigen, dass Menschen zu ungeheurer Grausamkeit fähig sind. Aber wer das nicht schon weiß, ist unverantwortlich naiv. Ein Bild von einem Kriegsschauplatz sagt nichts darüber aus, warum dieser Krieg geführt wird, ob er gerecht oder ungerecht ist. Dazu braucht man politisches Wissen, auch ein moralisches Wertesystem. Und das vermitteln nur Worte, nicht Bilder.
Denken Sie an das Foto aus dem Vietnamkrieg, auf dem ein Mädchen bei einem Napalm-Angriff schreiend davonrennt. Hat das nicht mehr zur Beendigung des Krieges beigetragen als tausend Worte?

Ich glaube, dass in Vietnam zuerst die amerikanischen Soldaten gegen den Krieg waren. Und das hat die Journalisten beeinflusst, die von dort berichtet haben. Bilder stärken dann eine Opposition, die sich ohnehin schon formiert hat.
Was war der Auslöser für Ihr Buch?
Ich habe die Belagerung von Sarajevo erlebt, und mich hat schockiert, wie wenig die Leute außerhalb von der Lage in der Stadt begriffen, obwohl der Krieg dauernd in den Nachrichten zu sehen war. Von 1993 bis 1995 war ich 14-mal in Sarajevo, und wenn ich zwischendurch nach Hause kam, haben mich Leute gefragt: Haben Sie je um Ihr Leben gefürchtet? Natürlich hatte ich Angst, die Bedrohung war überall, und ich habe erlebt, dass Leute direkt neben mir getötet wurden. Was in Sarajevo wirklich geschah, vermittelten die Bilder nicht.
Sie selbst sagen, dass Aufnahmen aus den KZ, die Sie als Zwölfjährige kurz nach dem Krieg sahen, Ihr Leben verändert haben.
Wer hatte je etwas so Ungeheuerliches gesehen: Berge von Schuhen, von Zahnprothesen? Skelettierte Leichen, die von einem Bulldozer in eine Grube befördert wurden? Das war ein Wendepunkt für mich. Ich begriff, was Menschen anderen Menschen antun können.
1977 haben Sie in Ihrem Essay "Über Fotografie" behauptet, die dauernde Überschwemmung mit Bildern stumpfe uns ab.
Schuld an der Abstumpfung ist nicht die Bilderschwemme, sondern dass wir selbst Angst haben oder demoralisiert sind. Uns wird eingeredet, wir wären hilflos und machtlos, etwas gegen die Schrecken zu unternehmen, die wir auf den Bildern sehen. Aber das ist falsch.

Interview: Susanne Weingarten

Susan Sontag, "Das Leiden anderer betrachten", *Hanser, 152 Seiten, 15,90 Euro


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