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Susan Sontag: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Die in Amerika oft umstrittene Schriftstellerin Susan Sontag wird in Deutschland für ihr Engagement für das "freie Denken" geehrt.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an die US-amerikanische Schriftstellerin und Kulturtheoretikerin Susan Sontag. Das gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Dienstag in Frankfurt bekannt. In einer Welt der gefälschten Bilder und der verstümmelten Wahrheiten sei Sontag (70) für die Würde des freien Denkens eingetreten, hieß es zur Begründung. Der Friedenspreis wird während der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober in der Paulskirche verliehen. Sontag ist die 54. Trägerin der mit 15 000 Euro dotierten Auszeichnung.

Susan Sontag, 1933 in New York geboren, zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen US-Autorinnen. Internationale Anerkennung erwarb sie sich vor allem mit ihren kunst-, kultur- und zeitkritischen Essays. Sie veröffentlichte aber auch Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke. In einigen Filmen führte sie Regie. Ihre Werke wurden in 23 Sprachen übersetzt.

Mit ihrer Arbeit, die nie das europäische Erbe aus dem Blick verloren habe, sei Sontag zur "prominentesten intellektuellen Botschafterin zwischen beiden Kontinenten" geworden, lautete die Begründung des Stiftungsrates weiter. "Mit großer analytischer Schärfe hat sie seit den sechziger Jahren die Ausprägungen der dynamischen Alltagskultur und ihre Bedeutung für unsere Vorstellung von Modernität und Freiheit beschrieben."

Große Verdienste habe sich Sontag zudem als Vermittlerin der europäischen, insbesondere der deutschen Literatur erworben. Im laufenden Sommersemester übernimmt die 70-Jährige eine Poetik-Dozentur in Tübingen. Für ihren historischen Roman "In America" erhielt Sontag 2000 den National Book Award. In ihrem neuen Buch "Das Leiden anderer betrachten" (August 2003) beschäftigt sie sich mit Kriegsfotografie. Auch darin sei sie ihrem "unverrückbaren Ethos" treu geblieben, "als Zeugin einer immer noch von Kriegen heimgesuchten Epoche mutig und verantwortungsvoll auf dem Recht der Opfer zu beharren."

In den USA oft umstritten

Im eigenen Land war Sontag vor allem in konservativen Kreisen oft umstritten. So stand sie nach dem 11. September 2001 im Zentrum amerikanischer Kritik, weil sie die Kommentierung des Attentats auf das World Trade Center in New York provozierend als eine Kampagne von Politikern und Medien bezeichnete, die das Ziel habe, die Öffentlichkeit zu verdummen. In Interviews machte sie sich Gedanken über die Opfer der amerikanischen Vergeltungspolitik. Ihr Essay, in dem sie gegen die US-Regierung polemisierte, erschien unter anderem im renommierten "New Yorker" und brachte ihr den Vorwurf des Landesverrats ein.

Sontag studierte Philosophie, Englisch und Französisch unter anderem in Paris und Harvard. Später lehrte sie an verschiedenen Universitäten, unter anderem an der Columbia-Universität in New York. 1993 hielt sie sich im belagerten Sarajewo auf und inszenierte am dortigen Theater Samuel Becketts "Warten auf Godot". Im März vergangenen Jahres kündigte sie an, keine Essays mehr schreiben zu wollen. Sie wolle sich stärker auf Romane konzentrieren.