YANN ARTHUS-BERTRAND Europa aus der Luft


»Wenn man sie aus einigen hundert Meter Höhe betrachtet, versteht man die Welt gleich besser«, sagt der französische Fotograf Yann Arthus-Bertrand. Für den stern hat er seinen Heimat-Kontinent ins Visier genommen.

Yann Arthus-BertrandMichael Stührenberg

Wann genau sich die Laufbahn des französischen Fotografen Yann Arthus-Bertrand den Sternen genähert hat, ist nicht leicht zu bestimmen. Manchen ist er noch als ein Mann bekannt, der gern Kühe, Hunde, Pferde und deren Besitzer in sehr familiärer Atmosphäre porträtierte. Andere erinnern sich noch weiter zurück: an jenen jungen Abenteurer, der von 1976 bis 1979 das Leben einer Löwenfamilie in Kenias Massai-Mara-Park fotografisch begleitete - an Bord eines Heißluftballons.

Doch all dies hat Arthus-Bertrand nicht zu Weltruhm verholfen. Immer häufiger und dabei auch lauter hört man seinen Namen hingegen, seit er sich nur noch einem einzigen, wenngleich sehr weitläufigen Thema widmet: unserem Planeten. 1991 begann Arthus-Bertrand, die Erde ausschließlich von oben zu betrachten. Systematisch. Rund 80 Länder hat er in grandiosen Szenerien festgehalten, fotografiert aus 30 bis 3000 Meter Höhe. Das Ergebnis war im Spätsommer 2000 in Paris am schmiedeeisernen Gitterzaun des Jardin du Luxembourg zu bewundern. 120 riesige Aufnahmen von Erdansichten hingen dort als weltumspannende Bilderschau; 2,5 Millionen Betrachter defilierten fasziniert an ihnen vorüber.

Spätestens seit diesem Augenblick zählt Yann Arthus-Bertrand, inzwischen 56 und noch immer von jugendlicher Erscheinung, zu den Legenden der Fotogeschichte. Von der Seine zog sein Monumentalwerk rund um den Globus. Eine Million Besucher sahen »La Terre vue du ciel« in Kopenhagen, ebenso viele waren es in Hamburg. Gegenwärtig läuft die Ausstellung in Caracas, Mexico City, Lanzarote, bevor sie nach Chicago, London, Warschau, Sao Paulo, Montreal und Berlin kommt. Viele weitere Städte sollen noch folgen. Auch das Fotobuch - deutscher Titel: »Die Erde von oben« - hat sich schon längst als ein für diese Branche einmaliger Bestseller erwiesen. Über 1,5 Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft.

In seiner Heimat ist der Name Yann Arthus-Bertrand zum Gütezeichen »schicker« Naturliebe avanciert. Die französische Post hat das »Herz von Voh« - jene Mangrovenlandschaft, die das Cover des Buches schmückt - zum Briefmarkenmotiv erhoben. Auf Vorschlag der Ministerin für Umwelt ist Arthus-Bertrand in die Ehrenlegion aufgenommen worden. Und das ganze Land ist auf dem Laufenden, was die freizügige, etwas abgehobene Lebensweise dieses Mannes anbetrifft. Im Pariser Großraum, dem Herzen der Nation, scheint er über unbegrenzte Start-, Lande- und Überflugerlaubnis zu verfügen. Ein Wunder für jeden, der die französische Bürokratie kennt.

Fliegt der Star nicht gerade unter fernen Wolken, zieht er sich am liebsten zurück auf sein Anwesen im exklusiv-eleganten Montfort-l'Amaury, einem Vorstädtchen westlich der Hauptstadt, nicht allzu weit vom Versailler Schloss entfernt. In der hintersten Ecke seines Gartens hat sich Arthus-Bertrand ein Baumhaus eingerichtet, auf einer Eiche. Auch im Privatleben muss er offenbar ein wenig Distanz zum Boden wahren.

Während der Chef im Gipfelhaus ruht, sind in seiner Pariser Agentur mehrere Angestellte damit beschäftigt, alle amtlichen Hindernisse für die nächste Bilder-Reise aus dem Weg zu schaffen. Das Büro, so ein Freund des Hauses, sei »eine Art Zentrale zur friedlichen Eroberung von Lufträumen«. Kein anderer Fotograf gilt heute derart als »tendance«, so nennt man in Paris, was unheimlich in Mode gerät.

Nun scheint der Drang zum geografisch-philosophischen Überblick in der Tradition der Franzosen zu liegen. Auch Jules Vernes beschrieb die Welt ja gern aus dem Ballonkorb heraus. Saint-Exupéry fand seine Erfüllung in aeronautischen Eskapaden, die ihn in den Himmel über der Sahara, dem Atlantischen Ozean und den Kordilleren führten und schließlich in ein Meeresgrab vor der Küste von Marseilles.

Aber jene einzigartige Perspektive, in der sich der Überblick mit einem seelischen Einblick zu verbinden scheint, hat ihn zu einem fantastischen Höhenflug beflügelt. »Terre des Hommes«, Erde der Menschen, nannte Saint-Exupéry sein literarisches Hauptwerk, und das hört sich schon fast nach Arthus-Bertrand an.

Der möchte nun die Luftaufnahme zum Instrument einer planetaren Bestandsaufnahme machen. Dabei sind seine Motive extrem unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen nur der sie erfassende Blick, dieses Zeigen durch Übersicht. »Die spannendste Höhe«, so Arthus-Bertrand, »liegt zwischen 100 und 1000 Metern. Weil man aus dieser Distanz sofort begreift, wie die Erde lebt.« Keine Frage, dieser Fotograf versteht sich nicht als Künstler: Eine »pädagogische Funktion« will er erfüllen. Jedes seiner Fotos soll »eine Geschichte erzählen«. Und wird deshalb auch noch mit umfangreicher, ja fast schulbuchhafter Bildunterschrift versehen.

Was also will uns Yann Arthus-Bertrand lehren? Dass sich die Erde zum globalen Weltdorf banalisiert, gehört nicht zu seinen Bilder-Botschaften. Im Gegenteil: Sein Planet präsentiert sich jedem zur Landung ansetzenden Ufo in einer ungeheuren Vielfalt von Landschaften und Zivilisationen. Das reicht von der reinen Natur in Form von Gletschern, Bergschluchten, Wäldern, Flussmündungen oder Wüstendünen bis zu den von Menschenhand gestalteten Landschaften wie etwa den Plantagen in Malaysia, wo Ölpalmen in konzentrischen Kreisen angebaut werden, oder den geometrisch angelegten Reisfeldern Madagaskars oder den wie eine Grafik an die Moselufer modellierten Weinbergen Luxemburgs.

Die Bilder offenbaren auch menschlichen Wahnsinn: die Restbestände militärischer Ambition - hier ein irakischer Panzerfriedhof, dort ein Rangierplatz für ausgemusterte US-Kampfbomber. Sie enthüllen Ergebnis und Ausmaß technischer Fehlkalkulation wie etwa die Geisterstadt Tschernobyl.

Doch immer überwiegt bei Arthus-Bertrand das in seiner Harmonie atemberaubende Schauspiel des Lebens: Zehntausende von Flamingos auf dem Nakuru-See in Kenia; tausend parallele Ackerfurchen, die ein griechischer Bauer und sein Esel ziehen; die Eleganz eines schwarzen Erntehelfers, hingestreckt, inmitten Dutzender prallweißer Baumwollballen.

Und immer sind diese Fotos Ausdruck von Farben und Formen, die dem neidischen Marsmenschen sofort klar machen, wieso sich auf der Erde Ästhetik oft mit Erotik reimt und Natur nicht nur mit Biologie, sondern auch mit Sehnsucht.

Arthus-Bertrands Bilder sind schön. Was wiederum zu bissiger Kritik an ihnen verführt. Denn der aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Franzose, der sich selbst als engagierter Grüner versteht, dokumentiert ja nicht den problematischen Realzustand der Weltökologie. Dazu orientiert sich die Auswahl seiner Motive zu sehr an der reinen Lust aufs Schöne. Vielmehr erfüllt er uns mit Angst davor, was wir durch den kriminellen Umgang mit der Natur verlieren könnten.

»Ab und zu ästhetisiere ich das Leiden unseres Planeten, so wie andere den Schmerz von Menschen ästhetisieren«, gesteht Arthus-Bertrand. »Ich liebe es, das Schöne zu zeigen. Manche werfen mir daher «Öko-Business» vor, so wie sie meinem Kollegen Sebastiao Salgado eines «humanitarian business» bezichtigen.« Solche Vorwürfe scheinen ihm indes kaum den Schlaf zu rauben. Unbeirrt träumt Arthus-Bertrand weiter seine Liebesaffäre zwischen der verwundbaren Erde und einem über ihr schwebenden Fotografen. Wobei jede Folge dieser Romanze nicht unbedingt der vorangegangenen gleicht.

Für den stern hat sich Arthus-Bertrand in den vergangenen Monaten von seinen sonst eher exotischen Motiven entfernt, um sich mehr dem eigenen Kontinent zuzuwenden. Die Arbeit hat ihn um eine weitere Weisheit bereichert: »Europa, das wurde mir nun besonders klar, ist unsere wahre Heimat. Mehr als die einzelnen Staaten. Die übrigen Menschen auf dieser Welt haben sich früher an diese Idee gewöhnt als wir selbst. Ob wir nun aus Frankreich stammen, aus Deutschland oder aus welchem EU-Land auch immer, sie nennen uns nur noch «les Européens» - die Europäer.


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