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Interview

Umstrittene These: Frühstück soll das neue Rauchen sein? Eine Expertin gibt Entwarnung

Ist Frühstück so ungesund wie Rauchen? Ein Biochemiker sorgt aktuell mit dieser These für Aufsehen. Wir haben mit einer Expertin gesprochen, was an der Behauptung dran ist. Sie sagt, es komme ganz darauf an, was man isst. 

Frühstück

Fakt ist: Frühstück ist nicht wichtiger als das Mittag- und Abendessen

Biochemiker Terence Kealey hat mit seiner steilen These für viel Wirbel gesorgt. Namhafte Medien haben bereits über sein neues Buch "Breakfast is a Dangerous Meal" berichtet. Der Forscher behauptet: Frühstücken sei genauso gefährlich wie rauchen. Der Wissenschaftler begründet seine Theorie damit, dass Frühstücken zu einer Insulinresistenz führen kann und diese wiederum zu Erkrankungen wie Diabetes Typ 2. Reine Panikmache – oder ist an Kealeys Theorie wirklich etwas dran? Wir haben mit der Ernährungswissenschaftlerin Dagmar von Cramm gesprochen.


Was halten Sie von KealeyTheorie – Frühstück sei genauso gefährlich wie Zigarettenqualm?

Es kommt darauf an, was gefrühstückt wird. Studien zeigen: Wer sehr kalorienreich wie ein König isst, der spart das im Tagesverlauf nicht mehr ein und nimmt also zu. In der Folge fördert Übergewicht das metabolische Syndrom mit Insulinresistenz. Das bedeutet, obwohl genug Insulin da ist, schafft es der Zucker nur unvollständig in die Zellen. Die Folge: Der Blutzucker steigt und es wird noch mehr Insulin gebildet. Das stimmt schon.

Terence Kealey verteufelt aber nun insbesondere das Frühstück. Macht es wirklich einen Unterschied, wann man die erste Mahlzeit zu sich nimmt?

Die Expertin:  Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin (Dipl. oec. troph). Sie ist Fachjournalistin und Buchautorin.

Die Expertin:

Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin (Dipl. oec. troph). Sie ist Fachjournalistin und Buchautorin.

Ein ungesüßtes Vollkornmüsli mit Nüssen und frischem Obst oder eine Scheibe Vollkornbrot mit Mozzarella und Tomaten oder ein Glas frisch gemixter Obst-Smoothie oder Milchkaffee haben mit Sicherheit keine negativen Folgen. Ob ich das um 8 Uhr oder erst um 10 Uhr genieße, ist eigentlich egal. Hauptsache, es hält mich bis zur Mittagspause fit.

Das heißt, ich kann eigentlich essen, was und wann ich will?

Nicht ganz. Frühstück mit süßen Cerealien, weißen Marmeladenbrötchen oder Hefezopf lässt den Blutzucker schnell steigen, regt das Insulin an und dadurch sinkt der Blutzucker dann fix – der Mensch ist wieder hungrig. Das ist kontraproduktiv.

Für Sie als Ernährungsexpertin: Wie wichtig ist Frühstück wirklich?

Nicht wichtiger als das Mittag- und Abendessen. Es ist eine Chance, Pluspunkte für den Tag zu sammeln mit Vollkorn, frischem Obst, Nüssen und Kernen. Ich kann es schon abends vorbereiten, zum Beispiel in Form sogenannter "overnight oats". Drei Mahlzeiten pro Tag im Abstand von vier bis fünf Stunden sind sinnvoll - das ergaben circadiane Studien der Max-Planck-Gesellschaft, die den Schlaf-Wach-Rhythmus untersucht haben und wie häufig Menschen Hunger bekommen. Aber es bringt nichts, morgens mehr zu essen. Im Gegenteil.

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Also bringt es doch etwas aufs Frühstück zu verzichten?

Fasten insgesamt wirkt sich zunächst positiv aus. Ob Fasten als Dauerzustand langfristig guttut, das wissen wir nicht. In einer Überflussgesellschaft ist es aber wahrscheinlich, dass man auch genug bekommt, wenn man eine Mahlzeit auslässt – gerade ältere Menschen mit geringerem Kalorienbedarf.

Was würden Sie empfehlen – wie sollte man sich ernähren, um gesund zu bleiben?

Sinnvoll ist in meinen Augen, Maß zu halten. Drei regelmäßige Mahlzeiten zu genießen, die vollwertig sind.

Terence Kealey spricht in seinem Buch auch über den Einfluss der Lebensmittelindustrie auf unser Essverhalten an. Wie beurteilen Sie seine Sicht: Sind wir alle manipuliert?

Natürlich - nicht nur durch Werbung, sondern auch durchs Angebot. Wenn der Backshop am Eingang des Supermarktes duftet, dann hat das natürlich Konsequenzen. Und wenn Süßigkeiten im Kassenbereich stehen, ebenfalls. Klar finanziert die Industrie Studien – im Bereich Zucker hat das in den USA erschreckende Formen angenommen. Aber wenn man das weiß, kann man sie einordnen.

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