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Skandal im McDonald's-Schlachthof: Verdeckte Recherche als Tierschützer: "Dafür hat man manchmal auch Blut an den Händen"

Mitarbeiter einer Schlachterei, die auch McDonald's beliefert, quälen eine Kuh mit Elektroschocks. Mit diesen und weiteren Bildern sorgt Friedrich Mülln für Aufsehen. So lebt es sich als Agent für die Lebewesen, die keine Stimme haben.

Von Florian Saul

Skandal im McDonald's-Schlachthof: Verdeckte Recherche als Tierschützer: "Dafür hat man manchmal auch Blut an den Händen"

Mitarbeiter einer Schlachterei, die McDonald's beliefert, quälen eine Kuh mit Elektroschocks. Mit diesen und weiteren Bildern sorgt Friedrich Mülln bei Stern TV für Aufsehen. Nicht die erste Enthüllung des Aktivisten der Soko Tierschutz. So lebt es sich als Agent für die Lebewesen, die keine Stimme haben.

Ich bin mit 13 Jahren Tierschützer geworden. Mein Vater kam aus einem anderen Hintergrund – Fleischhandel, Großhandel. Ich habe einfach Fernsehbeiträge gesehen. Die gab es damals ja auch schon – wenn auch nicht so häufig. Ich habe mich auf mein Fahrrad gesetzt, hab mir die örtliche Putenfarm angesehen und dann wusste ich: Das kann man nicht so stehen lassen. Meine Mutter macht sich bis heute große Sorgen, dass ich irgendwann umgebracht werde und hat immer Angst. Und das ist nicht ganz unverständlich. 

Transparenz gegen Kritik

Der Kritik an seinen Methoden begegnet Mülln mit Transparenz.

Natürlich ist das ein Graubereich, in dem wir uns bewegen. Man darf normalerweise nicht einfach über einen Zaun klettern und irgendwo versteckte Kameras aufhängen. Ich habe mich der Polizei vorgestern gestellt. Ich war im Polizeirevier in Tauberbischofsheim, hab gesagt: "Ich war das. Ich bin da rein, habe die Kameras aufgehängt." Wir geben jedem die Chance, uns auch zu verfolgen. Wir zeigen unser Gesicht, zeigen damit den Behörden auch, dass wir eine Position übernehmen, die offenbar notwendig ist. Das höre ich auch immer wieder aus Behördenkreisen, natürlich sagen sie das nicht offen, aber unter der Hand: "Gut, dass das jemand gemacht hat. Weil wir ansonsten da überhaupt nicht reingekommen wären." Klar, ich verstehe, wenn Leute es nicht toll finden, wenn wir bei ihnen Kameras installieren oder solche Betriebe ausspähen. Aber wer Lebensmittel produziert – und das sind Tiere ja leider immer noch für viele Menschen – der muss auch damit rechnen, dass die Öffentlichkeit das Recht verlangt – und sich das Recht auch nimmt – zu sehen, wie diese Lebensmittel  produziert werden.

Tiere quälen, um Tiere zu retten?

Ende 2017 deckt Müllns Team Missstände an einem Dürener Schlachthof auf. Undercover als Mitarbeiter - das heißt auch, Tiere selbst zu quälen. Eine schwierige Aktion.

Wir hatten die Situation in Düren, dass jemand gesagt hat: "Hier das Messer, stech doch mal selber ab", oder "Hier, das Bolzenschussgerät, schieß dem Tier doch mal selber in den Kopf." Diese Schwelle überschreiten wir nicht. Wir sehen uns als Dokumentare, die diese Sachen aufdecken – für die Bevölkerung. Und dafür hat man manchmal auch Blut an den Händen, im wahrsten Sinne des Wortes. Man muss sich immer wieder sagen: Ich habe nichts damit zu tun. Ich gehe da rein, um das zu dokumentieren. Aber ich selber schütze mich sozusagen mit meiner kleinen veganen Welt zuhause, um nicht völlig abzustürzen. Aber ich kenne Leute in der Tierrechtsbewegung, die solche Recherchen gemacht haben, die heute Bio-Karotten in Irland züchten. Weil sie einfach gesagt haben, sie packen das alles nicht mehr und sie steigen besser aus – bevor etwas Schlimmeres passiert.

Mülln ist in der Branche mittlerweile überaus bekannt. Was verdeckte Ermittlungen nicht einfacher macht.

Dadurch, dass ich mich irgendwann entschieden habe zu sagen, das Gesicht dieser Arbeit in der Öffentlichkeit für uns zu sein, bin ich natürlich – wie man das in der Branche nennt – verbrannt. Ich kann Undercover-Recherchen im Ausland machen – wo man mich nicht so kennt. Ich trete dann manchmal als Investor auf. Sozusagen eine ganz andere Taktik. Ich sage einfach, ich will den ganzen Schlachthof kaufen, fahre mit einem Mercedes vor und dann zeigen die mir auch so alles und lassen mich sogar filmen. Aber das ist natürlich eine andere Strategie.

Nutznießer der Profitgier

Mülln erzählt auch, wie erstaunlich einfach das Einschleusen seiner Leute ist.

Das Gute ist, dass wir etwas ausnutzen, was diese Industrie auszeichnet – ihre grenzenlose Gier. Unsere Leute sind halt billig, stellen keine Fragen, wollen kein Geld haben – wenn sie am Ende gehen. Und sind genau die Zielgruppe, die die anstreben. Die wollen ja Leute, die willenlos in dem Betrieb vor sich hinarbeiten – und solche Leute kriegen sie halt dann. Allerdings machen die halt zwei Jobs gleichzeitig. Das erfahren die dann später.

Verdeckte Ermittlungen - dafür ist nicht jeder geeignet.

Es melden sich bei uns immer wieder Leute, die sowas machen wollen, aber wir müssen Leute auch vor sich selbst schützen. Als Undercover-Ermittler im Tierschutz kommt man in solche Extremsituationen – physisch und psychisch und in Kombination – dass wir sehr genau auswählen, wer solche Jobs macht. Wir haben da ein paar Veteranen, die das schon seit 10 Jahren oder länger machen.

Mülln ist seit 25 Jahren als Tierschützer aktiv. Langfristig hofft er, seine Aktivitäten von Undercover-Aktionen in andere Bereiche des Tierschutzes verlagern zu können.

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