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Trendgetränk Fertigcocktail Zack, bumm, fertig ist der Caipi

Hochprozentiges statt Spritzen und Fieberthermometer: die ehemalige Krankenschwester Carmen Ehrsam in ihrer Hexenküche
Hochprozentiges statt Spritzen und Fieberthermometer: die ehemalige Krankenschwester Carmen Ehrsam in ihrer Hexenküche
© Colourbox
Eis drauf und fertig sind Caipirinha, Mai Tai und Co. Im bayerischen Sachsenkam mixt eine frühere Krankenschwester Fertigcocktails für Bars und Fluggesellschaften - Ortstermin in einem alten Kuhstall.
Von Jens Maier

Für Katholiken in der Fastenzeit gleicht der Raum einer Lasterhöhle. Mitten im streng gläubigen Oberbayern stapeln sich in einem ehemaligen Kuhstall hunderte von bunten Flaschen mit Hochprozentigem. Auf den Etiketten stehen illustre Cocktailnamen wie Singapore Sling, Tequila Sunrise, Mai Tai, Pina Colada oder Plunters Punch. Das Teufelszeug füllt den kompletten Raum. Dazwischen liegen Trichter und Abfüllwerkzeuge. So ähnlich müssen in den USA zu Zeiten der Prohibition geheime Brauküchen ausgesehen haben. Diese hier steht nicht in Chicago, sondern in den renovierten und umgebauten Stallungen eines Bauernhofes im Örtchen Sachsenkam. Wo früher Milch floss, verdient Carmen Ehrsam heute ihr Geld mit Fertigcocktails.

Im Stall des alten Hauses hat die gebürtige Münchnerin ihre Cocktail House Manufaktur eingerichtet. Die kleine Firma ist darauf spezialisiert, trinkfertig in Flaschen abgefüllte Cocktails herzustellen. Ob Erdbeersirup, Orangenlikör, Zitronensaft, Zucker oder Tequila - bei einer Strawberry Margarita sind alle Ingredienzien komplett im richtigen Verhältnis gemischt und trinkfertig zubereitet - nur das Eis muss noch dazu. Am Anfang waren vor allem kleine Bars und Hotels Abnehmer der bunten Mixgetränke. Inzwischen beliefert die Manufaktur aber auch Großkunden wie Fluggesellschaften und hat maßgefertigte Kunden-Cocktails im Angebot.

"Meine Freunde dachten, ich sei Alkoholikerin"

"Teilweise arbeiten wir nächtelang durch, wenn mehrere Großkunden gleichzeitig bestellen", sagt Carmen Ehrsam. Ihre kleine Manufaktur sei eigentlich nicht darauf ausgelegt, die Getränke palettenweise auszuliefern. "Deshalb stehe ich dann da mit meinen Mädels und wir füllen und mixen, was das Zeug hält - zur Not auch rund um die Uhr." Die Idee, Fertigcocktails zu mischen und zu verkaufen, kam ihr in einer Münchner Bar. "Ich habe mich darüber geärgert, dass dort der Cocktail in der einen Woche sehr lecker, in der anderen richtig miserabel geschmeckt hat", erklärt die ehemalige Krankenschwester und Fitnesstrainerin. Doch bis zu ihrer kleinen Manufaktur war es ein weiter Weg.

Vor zehn Jahren begann Ehrsam in ihrer Wohnküche in Harlaching mit verschiedenen Spirituosen und Säften zu experimentieren. "Damals haben sich meine Freunde gewundert, weil in meiner Wohnung Unmengen an leeren Spirituosen-Flaschen rumstanden. Die dachten, ich sei Alkoholikerin", lacht die Firmengründerin. Nur zwei Jahre später kündigte die heute 47-Jährige ihren Job und machte ihre Leidenschaft zum Beruf. "Am Anfang war das ziemlich hart", sagt die Selfmadefrau. "Ich musste von Erspartem leben." Bis der Erfolg sich eingestellt hat, sei es ein weiter Weg gewesen. Heute beschäftigt Ehrsam 17 Mitarbeiter, das Geschäft floriert. Wo früher in der Nacht höchstens die Kuhglocken klimperten, klirren jetzt bis früh in den Morgen hinein die Flaschen. Seit drei Jahren wirft die Manufaktur Gewinne ab.

Fertigcocktails erfreuen sich immer größerer Beliebtheit

Ihren Erfolg hat Ehrsam nicht nur ihrem Verkaufstalent und ihrem Durchhaltevermögen zu verdanken. Fertigcocktails liegen im Trend. Eine ganze Armada von Firmen hat sich mittlerweile darauf spezialisiert, Bars und Gastronomie, aber auch dem Endverbraucher im Supermarkt, Cocktails trinkfertig anzubieten. Einer der größten Produzenten ist die aus Hamburg stammende Firma Shatler's, die ihre Produkte in Dosen abfüllt. Joypott aus Talheim bietet seine Mischgetränke in Fünf-Liter-Kanistern an und beliefert vorwiegend die Gastronomie. Nach dem Siegeszug der Tiefkühlpizza heißt jetzt auch bei Cocktails das Zauberwort Convenience (auf Deutsch: Bequemlichkeit).

Die Vorteile liegen auf der Hand: Kleine Bars müssen keine ausgebildeten Barkeeper beschäftigen und können trotzdem eine Vielzahl an Getränken anbieten. Während ein guter Cocktail mehrere Minuten in Anspruch nehmen kann, ist das Fertigprodukt innerhalb von Sekunden trinkfertig. Der Geschmack ist außerdem immer gleich und hängt nicht von der Laune oder dem Können des Bartenders ab. Für Endkunden im Supermarkt entfällt das lästige Kaufen zahlreicher und meist teurer Zutaten, deren Reste oft jahrelang zuhause im Schrank rumstehen. Trotzdem sind Fertigcocktails unter ausgebildeten Barkeepern verpönt.

Barkeeper kritisiert vor allem zu hohe Preise

"Ein Cocktail soll ein Genuss sein. Viele dieser Fertigmixgetränke werden aber nur wegen ihrer alkoholisierenden Wirkung getrunken", sagt Matthias Knorr. Der 38-jährige bringt in der Barschule München angehenden Barkeepern das Cocktailmixen bei und kritisiert vor allem die teilweise schlechte Qualität der Fertigprodukte. "Es gibt da eine sehr große Bandbreite. Vieles wird mit billigem Alkohol und als Massenware zusammengebraut. Das hat mit einem Cocktail nichts mehr zu tun." Für unverschämt hält er, dass viele Gastronomen die Fertigmixturen zum Preis von echten Cocktails anbieten. "Wenn das Zeug aus der Fabrik das gleiche kostet wie ein handgemachter Cocktail, wird der Gast über den Tisch gezogen." Knorr glaubt aber, dass gut gemachte Fertigcocktails auch ihre Daseinsberechtigung haben. Einen guten Barkeeper könnten sie allerdings nicht ersetzen. "Der versucht auf den Geschmack seiner Gäste einzugehen, ob sie den Whisky Sour lieber etwas milder mögen oder nicht. Das geht bei Fertigcocktails nicht." Dass die Mixturen eine Bedrohung für das Barkeeperhandwerk sind, hält er für Unsinn. "McDonalds ist ja auch keine Konkurrenz für ein Sternelokal."

Mit der Massenware aus dem Supermarkt will auch Carmen Ehrsam von der Cocktail House Manufaktur nichts zu tun haben. "Bei uns wird jede einzelne Flasche mit den besten Zutaten und von Hand abgefüllt, in jeder steckt ein Tropfen Herzblut", erklärt sie. "Da steht nix wochenlang auf Vorrat rum, wir fertigen nur auf Bestellung." Trotzdem glaubt auch sie nicht, eine Konkurrenz für eine gute Bar zu sein. "Ich fülle eine Nische im Bereich Lifestyle-Produkte aus. Mein gesamtes Team und ich sind Genussmenschen, ansonsten könnten wir nie so erfolgreich sein. Außerdem will ich Menschen für Cocktails begeistern, die sich zu Hause keine Minibar mit Dutzenden Spirituosen und Zutaten einrichten wollen, aber trotzdem ab und an Lust auf ein ausgefallenes Getränk haben", sagt Ehrsam, die gerade daran arbeitet, einen Online-Shop aufzubauen.

"Weißbier Spritz" wird das neue Sommergetränk

Während in Sachsenkam im Dorfgasthof "Zum Neuwirt" an diesem dunklen Februarabend das letzte Helle über den Tresen geht, brennt in der kleinen Hexenküche im ehemaligen Kuhstall noch Licht. Ehrsam experimentiert an einem neuen Sommercocktail: "Weißbier Spritz". Die Zutaten denkt die Cocktailexpertin sich selbst aus. Rhabarber, Enzian, Chinarinde, verschieden Kräuter und Bitterorangen verschwinden zusammen mit Dutzenden anderer Zutaten in einem kleinen Glasgefäß. Alles wird fein säuberlich notiert. "Nur so weiß ich hinterher noch, was ich reingetan habe", erklärt Ehrsam ihre Versuchsküche. Dann beginnt das übliche Spiel: Umrühren, probieren - wegschütten oder jubeln. "Ich probiere so lange, bis es mir schmeckt", sagt Ehrsam, die mittlerweile die halbe Nachbarschaft zu Testpersonen gemacht hat. "Wenn's denen schmeckt, dann schmeckt's auch meinen Kunden."


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