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Weine aus dem Bordelais: Immer den Nasen nach

Seit 150 Jahren ist Bordeaux der Maßstab für Rotwein. Der Jahrgang 2005, die Kritiker sind sich einig, ist gigantisch ausgefallen.

Von Armin Diel und Joel B. Payne

Bordeaux im April, es ist Nasenauftrieb wie jedes Jahr. Die berühmtesten Weingüter der Welt öffnen ihre Keller, die Fachwelt zu überzeugen, dass auch ihr neuester Wein wieder einmal der beste aller Zeiten ist. Die wichtigsten Kritiker und Weinschreiber, gern auch Nasen genannt, folgen dem Ruf und reisen an - jeder zu einem Drittel freudig, zu zwei Dritteln misstrauisch gestimmt. Wir gehören, mit Verlaub, dazu.

Jeder Normalmensch wird uns beneiden, wie wir uns so von einem Château ins nächste trinken, die Nase im Glas und das Ohr am Kellermeister. Und es gab sie auch in der Vergangenheit, jene Phasen des Verkosterglücks, in denen der Wein deutlich besser als gemeinhin schmeckte - etwa beim exzellenten 1990er oder beim 2000er. Insofern kommen wir freudig.

Meist aber schwören wir uns am Ende der Prozedur, dass es jetzt das garantiert letzte Mal war, dass wir uns durch einen weiteren mittelmäßigen Jahrgang gequält haben. Soll sich sonst wer mit raubauzigen Jungweinen abgeben, deren Gerbsäure die Zahnhälse schon am zweiten Tag in Habachtstellung versetzt und bei deren Verkostung man heilfroh ist, den Spucknapf neben sich zu wissen.

Selbst in den besseren Jahren schon ist Spucken oberstes Gebot. Schade um das schöne Zeug? Nein, wir kommen ja nicht zum Trinken - wir kommen zum Schmecken! Kein Mensch überlebte das Bordelaiser Sechstagetrinken, würde er jeden Probeschlürf auch schlucken. Selten sind Augenblicke wie der, als Michael Broadbent, früher Wein-Chef beim Londoner Auktionshaus Christie's, beim köstlichen 2003er von Château Lafite-Rothschild die Augen verdrehte, den Wein schluckte und sprach: "In this case I did a reverse spit!" Weil aber diese Augenblicke so selten sind, darum das Misstrauen.

Die Welt beneidet uns, nur wir Profis, wir beneiden uns nicht. Wir wissen, auf was wir uns beim Probieren von 500 Weinen einlassen. Man übersteht das ohne bleibende Schäden nur, wenn man wenig isst, jede Menge Wasser trinkt und ausreichend schläft. Das aber ist leicht gesagt, wenn die Bordelaiser Schlossherren jede Chance nutzen, die Gäste mit Diners und Weinen zu beeindrucken - was die Wahrnehmung der Qualität schönen soll.

Es sind stets gut hundert Journalisten, die die Union des Grands Crus de Bordeaux, die Vereinigung der Bordelaiser Spitzenwinzer, einlädt und auf die Ch‰teaux ihrer Mitglieder verteilt. Die unterhalten zum Teil opulente Gästesuiten wie in den teuersten Pariser Hotels. Wir sind in dem nahe Margaux gelegenen Château Lascombes untergebracht. Von dort ist es nicht weit in die Weinberge, wo wir zur allmorgendlichen Wiederbelebung der Zunge eine halbe Stunde dauerlaufen.

Andacht im großen Saal von Château Mouton Rothschild in Pauillac, wo wir Nasen zu Gast sind bei Philippine de Rothschild. Trotz aller Vorsätze sind wir doch wieder da. Weil die Vorschusslorbeeren für den Jahrgang 2005 derart üppig gebunden sind, dass wir wieder mal nicht anders konnten. Die Winzer versprechen einen Jahrgang wie 1982, die legendäre Ikone Bordelaiser Weinherrlichkeit. Die Baronin ist bestens aufgelegt. Philippine de Rothschild bringt ein Aperçu hier, macht ein Späßchen da. Vom trockensten Sommer in der gut 150-jährigen Geschichte Mouton Rothschilds spricht sie. Aus den Gläsern erhebt sich ein Duft von Cassis und Eukalyptus in den sakral gewölbten Raum, am Gaumen entfaltet der Wein eine samtige Süße.

Der Siegeszug des roten Bordeauxweines begann 1855, als Napoleon III. zur Pariser Weltausstellung ein Verzeichnis der besten Güter in Auftrag gab. Man analysierte die Weinpreise der wichtigsten Ch‰teaux und leitete daraus eine fünfstufige Klassifikation ab. Nur vier Güter schafften damals den Sprung in die höchste Kategorie: die Ch‰teaux Latour, Lafite-Rothschild, Margaux und Haut-Brion. Erst 1973 wurde die Vierergruppe zum Quintett. Das zuvor zweitklassige Château Mouton Rothschild wurde in den Weinolymp erhoben - die bislang einzige Veränderung in 150 Jahren.

Alle 1855 geadelten Spitzengüter liegen auf einer Landzunge zwischen dem Fluss Garonne im Osten und dem Atlantik im Westen, in den Anbaugebieten Médoc und Graves - Fachleute sprechen zusammenfassend gern vom "linken Ufer", wo auf kieshaltigem Lehmboden charaktervolle Rote gedeihen. Komponiert sind sie in der Regel aus drei Rebsorten, wobei der gerbstoffige Cabernet-Sauvignon dominiert. Gelagert werden sie großenteils in neuen Eichenfässern von 225 Liter Inhalt, Barriques genannt.

Ungekrönter König des linken Ufers ist Château Latour in Pauillac, dessen Weine sich in der Jugend so ruppig und gerbstoffgeprägt präsentieren können, dass manchmal nur schwer vorstellbar ist, dass sie gereift einmal jene legendäre Trinkfreude vermitteln sollen. Aber sie tun es. Im Gegensatz dazu gibt es charmante Blender, die sich als Fassweine in erstaunlicher Frühform zeigen, aber schon nach wenigen Flaschenjahren in die Knie gehen. Als Investition ein Flop, als Wein eine - auch teure - Enttäuschung. Nur Verkoster mit jahrzehntelanger Erfahrung können Fassweine beurteilen und verlässlich sagen, welcher Wein zu kaufen und zu lagern lohnt. Und welcher nicht.

Auf Château Latour begegnen wir zwei französischen Kollegen, Michel Bettane und Bernard Burtschy, beides respektierte und gefürchtete Weinautoren. Bettane tut immer etwas zerstreut, hat aber ein phänomenales Gedächtnis, weshalb er sich kaum Notizen macht. Sein Kollege Burtschy hingegen ist Professor für Statistik und hackt seine Impressionen in einen Laptop. Mit Ernst lassen wir vier den 2005er Latour im Glas kreisen und erschnüffeln Düfte von Haselnuss, Veilchen und schwarzen Kirschen. Am Gaumen präsentiert sich der Wein noch streng, typisch Latour, aber im Abklang zeigt er schon enorme Fruchtdichte und raffinierte, süßliche Fülle, wie man sie nur von ganz großen Weinen kennt. Ist dies schon der "Wein des Jahres"?

Aber wir sind noch ganz am Anfang der Woche. Die nächste Station ist Château Margaux, das majestätischste aller Schlösser im Médoc. Wir verkosten mit Serena Suttcliffe, der Weinlady von Sotheby's, ihrem Mann David Peppercorn und Steven Spurrier, der das britische Weinmagazin "Decanter" vertritt. Die auf den ersten Blick spröden Briten sind überaus kompetente Verkoster. Natürlich bewundern auch sie den eleganten Wein von Château Margaux, der eine enorm hintergründige Würze aufweist und sekundenlang am Gaumen nachhallt.

Das Erstaunlichste am Jahrgang 2005 von Château Margaux ist aber - und hier wird es für Otto Normalverdiener interessant - die unglaubliche Qualität des so genannten Zweitweins, ein Phänomen, das uns auch schon bei Château Latour aufgefallen war. Um die Güte ihres Spitzenweines noch zu heben, nehmen viele Weingüter seit Jahren strikte Selektionen des Lesegutes vor und trennen die besten Trauben von weniger reifen. In normalen Jahren bedeutet das, dass der aus den weniger reifen Trauben gekelterte Zweitwein bei aller Klasse eben doch nur suboptimal und dafür preiswerter ist.

Beim 2005er aber ist das anders. Wir stehen vor den großen Cuves, jenen Tankfässern, die die Weine enthalten, bevor sie auf die Flasche kommen, und stellen ungläubig fest, dass sich die Zweitqualität nur unwesentlich von der ersten unterscheidet! Für den immer noch exzellenten Pavillon Rouge du Château Margaux zahlt man nicht einmal halb so viel wie für den so genannten Grand Vin.

Und so geht es Weingut für Weingut. Wir wechseln zum "rechten Ufer", wo die Merlottraube rund um Saint-Émilion und Pomerol deutlich sanftere Töne anschlägt. Wir treffen Alain Vauthier von Château Ausone, der auf den Hügeln des mittelalterlichen Städtchens Saint-Émilion über den Jahrgang doziert und dazu einen fabelhaften Wein ausschenkt: Der 2005er Ausone tänzelt wie eine Ballerina über die Zunge und zählt zu den absoluten Höhepunkten dieses Jahrgangs.

Das gilt auch für den großartigen Wein von La Mondotte, dessen deutscher Inhaber Stephan Graf von Neipperg in Saint-Émilion gleich mehrere Weingüter besitzt. In den 20 Jahren seines Schaffens habe er "nie einen besseren Jahrgang" erlebt, sagt der zurückhaltende Graf, der an Seriosität kaum zu übertreffen ist. Das Besondere am 2005er sei das ungewöhnliche Zusammentreffen von hoher Reife und belebender Frische in den Trauben, woraus sich die seltene Synthese von sonst eher widerstrebenden Weintypen ergebe: Während die Engländer eher die Eleganz suchen, bevorzugen die Amerikaner die Opulenz, ganz so wie der US-Guru Robert Parker sich die globale Weinwelt vorstellt. Der 2005er bedient damit schon mal zwei Interessengruppen. Und da sich auch die Asiaten verstärkt für Bordeaux interessieren, heißt das, dass der Jahrgang 2005 vor allem eines wird: teuer. Bei den besten Weinen rechnen Marktkenner mit einer glatten Verdoppelung des Vorjahrespreises und ganz allgemein mit den höchsten Kursen aller Zeiten!

Ob die lidlich aldifizierten Deutschen da mitspielen? Viele Händler in Bordeaux bezweifeln das. Schon den Einkäufern könnten die bekannten Ch‰teaux zu teuer sein. Damit geht das Goldjahr am deutschen Markt aber nicht vorbei. Denn eins ist schön: Es gibt vom Jahrgang 2005 praktisch keine schlechten Weine! Auch von den kleineren Gütern haben viele die Gunst der Stunde genutzt und die besten Weine ihrer Geschichte erzeugt.

Das zeigt uns die Verkostung der so genannten Crus Bourgeois, die in der Bordelaiser Hierarchie unter den Grands Crus Classés angesiedelt sind, auch preislich. 247 davon gibt es, und wir probieren sie tapfer in der "Faoencerie" in Bordeaux. Wir vergleichen unsere aktuellen Bewertungen mit denen, die wir bis zurück ins Jahr 1998 aufbewahrt haben. Fast alle liegen durchweg deutlich höher. Aber da die Crus Bourgeois keine bekannten Namen haben, können sie sich Preiserhöhungen kaum erlauben. Insofern gilt in diesem Jahr eine alte Einkaufsregel mehr denn je: Kaufe in kleinen Jahren die großen Namen und in großen Jahren die kleinen.

Stimmt, mit Preisen ab 15 Euro pro Flasche (s. Kasten oben) sind selbst die Crus Bourgeois teurer als die 2 Euro, die der Durchschnittsdeutsche für eine Flasche Wein zu zahlen gewohnt ist. Aber wird es nicht langsam Zeit, die Peepshow zu verlassen und eine richtige Beziehung mit einer echten Frau einzugehen?

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