morgenstern Heute beginnt ein Prozess, auf den die Welt mit Schaudern blickt

"White Tiger"-Prozess
In Hamburg beginnt heute der "White Tiger"-Prozess
© imago images/Westend61 / Imago Images
"White Tiger"-Verfahren startet – was ein beteiligter Anwalt sagt. Außerdem: Trumps bemerkenswerte Äußerungen und ein riskantes politisches Manöver. Die Lage am Morgen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

als die Hamburger Polizei im vergangenen Juni die Festnahme eines damals 20-Jährigen öffentlich machte, war das Entsetzen groß. Weltweit machte der Fall Schlagzeilen. So brutal und grausam waren die Verbrechen, die der junge Mann, der sich im Internet "White Tiger" nannte, begangen haben soll.

Heute startet in Hamburg der Prozess. Es geht um Recht und Schuld im juristischen Sinne – und nach dem Wunsch eines beteiligten Anwalts auch um ein Signal an die Öffentlichkeit. 

"White Tiger"-Prozess: Unfassbare Vorwürfe gegen 21-Jährigen

Sichtlich schockiert sprach der Hamburger Polizeipräsident Falk Schnabel Mitte Juni 2025 von "Abgründen fast unvorstellbarer sexuell motivierter Gewalt", als er die Ergebnisse der Arbeit seiner Ermittler publik machte. Kurz zuvor wurde ein 20-Jähriger festgenommen, in einer beschaulichen Hamburger Wohngegend, zuhause bei seinen Eltern.  

Die unfassbaren Vorwürfe gegen den Deutsch-Iraner: ein Mord und ein versuchter Mord, außerdem zigfacher sexueller Missbrauch von Kindern – mutmaßlich begangen über das Internet. Unter dem Pseudonym "White Tiger" soll er Kinder zu "fürchterlichsten Verletzungen" und Suizid getrieben haben, erklärte Polizeipräsident Schnabel im Sommer 2025. "Ein solches Maß an Verrohung ist mir noch nicht begegnet." 

"White Tiger"-Prozess: Angeklagtem werden 204 Straftaten vorgeworfen

Vor dem Hamburger Landgericht findet nun der Prozess gegen den mittlerweile 21 Jahre alten Mann statt, 82 Verhandlungstermine sind anberaumt – und die Anklage ist noch umfassender, als im Sommer angekündigt: Insgesamt werden dem Angeklagten 204 Straftaten vorgeworfen, die er laut Gericht zwischen Januar 2021 und September 2023 zum Nachteil von über dreißig Kindern und Jugendlichen begangen haben soll. Darunter ein vollendeter Mord und fünf versuchte Morde. 

Das Verfahren ist äußerst komplex. Meine Kollegen Félice Gritti, David Holzapfel, Frederik Mittendorff und Ulli Rauss kennen zentrale Punkte der Anklageschrift sowie weitere Dokumente.  Sie haben mit verschiedenen Beteiligten des Prozesses gesprochen.  Hier beantworten sie die wichtigsten Fragen zum Prozess in aller Ausführlichkeit.

Anwalt hofft auf Symbolwirkung

Am Verfahren beteiligt ist Anwalt Steffen Hörning. Er vertritt eine junge Frau aus Finnland, die aus Sicht der Ermittler Opfer und Werkzeug des "White Tiger" gewesen sein soll: Der Hamburger soll sie monatelang manipuliert, missbraucht und dazu gebracht haben, ihm weitere Opfer zu akquirieren. Die Finnin selbst ist nicht angeklagt, aber als Zeugin gelistet. Sie ist die einzige Nebenklägerin im Verfahren.

 "Ich erwarte die vollständige Aufklärung der Tatvorwürfe, auch vor dem Hintergrund möglicher Versäumnisse der Ermittlungsbehörden und der Frage, ob manche der Taten hätten verhindert werden können", sagt Anwalt Hörning im Vorfeld des Prozesses zum stern. Er gehe davon aus, "dass der Angeklagte sich für die ihm vorgeworfenen Taten verantworten muss und durch die Verurteilung am Ende des Verfahrens gewährleistet werden kann, dass weitere potenzielle Opfer effektiv vor ihm geschützt werden." 

Steffen Hörning hofft zudem auch auf eine Symbolwirkung des Verfahrens: Bei aller grausamen Tragik, die das Verfahren zutage fördere, sei es ihm ein Anliegen, dass "der Prozess zumindest zu einer Sensibilisierung in der Gesellschaft dergestalt beiträgt, dass die unkontrollierte Nutzung des Internets für Kinder und Jugendliche eine tödliche Gefahr darstellen kann." 

Trumps bemerkenswertes "New York Times"-Interview

Die "New York Times" gehört eigentlich zu dem Teil der amerikanischen Presse, auf die Donald Trump es abgesehen hat. Weil die Kolleginnen und Kollegen ihren Job gut machen – und kritisch berichten, statt so, wie es Trump in den Kram passt. Der US-Präsident hat die Zeitung mehrfach verklagt und aus dem Weißen Haus verbannt.

Nun hat er ihr ein bemerkenswertes Interview gegeben. "Ich brauche kein internationales Recht", sagt Trump darin unter anderem. Er sei nur seiner Moral verpflichtet. Außerdem spricht der US-Präsident über Grönland, nukleare Abrüstung – und P. Diddy.

Hasel-Off: Das riskante Manöver von Magdeburg

Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff übergibt nun doch an Sven Schulze. Der Schritt soll den CDU-Wahlkampf beflügeln, die AfD kleinmachen. Was soll schon schiefgehen? Darüber sprechen die stern-Politikchefs Veit Medick und Jan Rosenkranz im 5-Minuten-Talk:

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