Falls Sie in den nächsten Tagen jemanden sehen, der angestrengt auf den Boden starrt, sehr langsam einen Fuß vor den anderen setzt und seltsame Schlangenlinien um winzige Eispfützen läuft – die Chance ist gar nicht so gering, dass ich das bin. Es ist Winter, sogar in Hamburg, und ich hasse Glatteis.
Ja, gut, ich weiß: Niemand mag Glatteis. Aber ich hasse Glatteis. Denn was soll der Quatsch? Auf einmal gelten alle Gesetze der Physik nicht mehr. Das Konzept Fuß -> Boden = Haftung ist dahin, sonst eine Selbstverständlichkeit, über das man elf Monate im Jahr nicht einmal nachdenken muss. Und selbst der Weg zum Kiosk um die Ecke wird nun zur potenziellen Gefahr für Leib und Leben. Zumindest in meiner pessimistischen Vorstellung.
Glatteis: Die Gesetze der Physik werden ausgehebelt
Ich hab mich natürlich als Kind gelegentlich im Winter auf die Nase gelegt, aber mir ist dabei nie etwas passiert. Es gibt also keinen rationalen Grund für meine Eis-Phobie. Ich hab mir in meinem ganzen Leben noch nie etwas gebrochen – außer meinen kleinen Zeh (aber daran war ein überraschend im Flur stehender Bierkasten schuld. Nicht das Wetter). Und gegen Bier habe ich deshalb keine irrationale Abneigung entwickelt, was hat mir also das Eis getan?
Es ist dieses freche Umkehren aller bekannten Regeln. Plötzlich dauert der Weg zur U-Bahn statt fünf Minuten eine Viertelstunde, weil ich extravorsichtig vor mich hin tapsen muss. Wenn es ganz schlimm kommt, drängt meine Furcht mich, alternative Routen zu finden, die noch länger und komplizierter sind – dafür aber geräumt und gestreut. Und wenn irgendwie möglich, verlasse ich bei fieser Glätte erst gar nicht das Haus. Das schont die Nerven.
Mit beiden Beinen fest auf dem Boden
Ich fand immer schon gut, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Ganz wortwörtlich. Deshalb dauerte meine Begeisterung für Skateboards auch nur so lange, bis ich zum ersten Mal auf einem stand. Skifahren ging bei mir, zum Leidwesen meiner Eltern, auch nie über einen einzigen zaghaften Versuch hinaus.
Und Schlittschuhfahren – Leute, hört mir auf. So romantisch es aussieht, wenn die Pärchen vorm New Yorker Rockefeller Center ihre Pirouetten drehen, mit mir wird das nix. Traurig, aber wahr. Man kann ja zum Beispiel auch bei Sonnenschein durch Tierparks spazieren. Viel besser. Wieso spazieren nicht viel mehr Pärchen durch Tierparks?
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Keine Party wegen Glatteis
Ich erinnere mich an einen Abend vor einigen Jahren, als mein Mann und ich abends zu einer Party wollten. Problem: Es hatte gerade richtig schönen überfrierenden Regen gegeben und der Weg führte uns eine steil abfallende Straße mit Kopfsteinpflaster hinunter. Mein Mann überredete mich nach allen Regeln der Kunst, trotzdem mit ihm loszugehen. Er hat das sehr gut gemacht und viel Verständnis geheuchelt. Aber zwei Schritte auf der komplett vereisten Straße – und ich war raus.
Ich wünschte ihm einen schönen Abend und drehte um, kläglich mit weichen Knien die fünf Meter zurück zur Gartenpforte schlitternd. Wegen Glatteis auf Partys verzichten – ja, das ist schon wirklich jämmerlich. Er hat es selbstverständlich völlig unbeschadet hin und auch wieder heim geschafft.
Das ist doch nicht zeitgemäß!
Wahrscheinlich geht es bei meiner Glatteisfurcht nicht um die tatsächliche Angst, mir eine Querschnittslähmung zuzuziehen oder alle Knochen meines Körpers zu brechen. Es geht um Würde und Zivilisation. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts sollte sich doch niemand mehr lang hinlegen müssen, oder? Wegen so etwas Lächerlichem wie Wetter!
Wo kommen wir denn da hin? Was sollen denn da die anderen Passanten denken? Da kommt einem doch sämtliche Selbstachtung in einem Rutsch (ha ha!) abhanden. Niemand respektiert jemanden, der sich gerade unfreiwillig, Popo zuerst, in eine Schneematschpfütze gesetzt hat. Und nein, das ist mir tatsächlich noch nie passiert, aber allein die Vorstellung sorgt bei mir für Gänsehaut an der Mageninnenseite. Ich will das nicht!
Zum Glück gibt's in Hamburg nicht allzu oft so extreme Minusgrade. Aber falls hier jemand Interesse an einer Selbsthilfegruppe hat, die an jedem Glatteissonntag Spaziergänge im Superschneckentempo unternimmt und sich dabei die verschwitzten Händchen hält – sagen Sie Bescheid. Ich trete bei.
Dieser Text erschien erstmals 2019 auf NEON.de