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Hilfe für die Ukraine Auf der Flucht: So kommen 167 Kinder aus Kiew nach Freiburg

Das Waisenhaus in der Nähe von Kiew, die Kinder sind jetzt auf dem Weg nach Freiburg
Aus diesem Waisenhaus in der Nähe von Kiew flohen die Kinder nach Freiburg
© Stadtmission Freiburg
Die Stadtmission Freiburg betreibt ein Waisenhaus in der Nähe von Kiew. Um sie vor dem Krieg zu schützen, brachte man die Kinder und Betreuer außer Landes. Heute kommen sie in Freiburg an.
Von Jannik Jürgens

Der Krieg in der Ukraine treibt Tausende Menschen in die Flucht – auch nach Deutschland. Fünf Busse mit 167 Kindern und 30 Betreuern aus einem Waisenhaus in der Nähe von Kiew sollen im Laufe des Samstages in Freiburg ankommen.

Die ehemaligen Straßenkinder und Waisen lebten im "Vaterhaus", das von der Ukraine-Hilfe der evangelischen Stadtmission Freiburg betrieben wird. Es liegt in der Nähe von Kiew, strategisch ungünstig, zwischen drei Flughäfen, berichtet der Leiter der Ukraine-Hilfe Volker Höhlein. Am zweiten Tag des Krieges sei dort ein Flugzeug abgeschossen worden und in einen Wohnblock gestürzt. Es komme weiterhin zu Bombardements.   

"Wir hatten einfach Angst, dass da eine Bombe einschlägt", sagt Höhlein. Er hat müde Augen und seit Tagen kaum geschlafen. Gemeinsam mit dem Heimleiter beschlossen sie: "Wir müssen hier weg." Sie packten die Rucksäcke der Kinder und klebten Schilder mit ihrer Blutgruppe drauf.

Mit Polizeikonvoi in den Stau

Am Donnerstagabend fuhren die Busse ab, kurz bevor die Ausgangssperre verhängt wurde. Ursprünglich sollten sie schon am Freitagabend in Freiburg ankommen, doch bereits in Kiew gab es lange Staus. Tausende Ukrainer sind auf der Flucht vor den anrückenden russischen Truppen.

Die ukrainische Polizei eskortierte den Konvoi und ließ ihn teils auf der leeren Gegenfahrbahn der Autobahn fahren. 40 Kilometer vor der ukrainisch-ungarischen Grenze ging es aber nicht mehr weiter – wieder Stau. Grenzbeamte prüften die Papiere der Menschen, weil Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht verlassen dürfen. Ob das auch für die Busfahrer galt, war unklar.

Am Freitagabend standen die Busse deshalb noch an der Grenze. Samstagmittag sagte dann der Pressesprecher der Stadtmission, Tobias Pfleger: "Die Busse befinden sich jetzt im EU-Raum." Und damit in Sicherheit. 

Im Minutentakt kommen Freiburger, die helfen wollen

Die Stadt Freiburg kündigte an, Unterkünfte und Verpflegung für die etwa 200 Menschen zu organisieren. Wo die Kinder untergebracht werden, sagte die Stadtverwaltung nicht. Die Verantwortlichen wollen die Kinder nach der strapaziösen Reise vor neugierigen Blicken schützen.   "Dafür sind wir sehr dankbar", sagt Tobias Pfleger von der Stadtmission. 

Im Freiburger Secondladen S'Einlädele werden die Spenden gesammelt
Im Secondhandlanden S'Einlädele in Freiburg werden die Spenden gesammelt
© Jeanette Petri / stern

Im "S'Einlädele", Second-Hand-Laden und Anlaufstelle der Freiburger Ukraine-Hilfe, zeigt sich die Solidarität mit dem Schicksal des Landes. Im Minutentakt kommen Menschen in den Laden, drücken den Mitarbeiterinnen Geldscheine in die Hand, nur wenige wollen eine Spendenquittung. Eine Frau lädt Babykleidung ab, T-Shirts, Schlafsäcke. Was brauchen Sie? "Geld und Lebensmittel", sagt Silvia Frêchet, Leiterin des Ladens. Beim Supermarkt um die Ecke könne man Essensgutscheine für die Kinder und Jugendlichen kaufen.  

"Es ist überwältigend, wie viel Hilfe und Solidarität wir erleben", sagt Frêchet. Der Laden existiert seit 30 Jahren, gegründet von Schwester Inge, einer Aidlinger Ordensschwester. Kurz nach dem Fall der Mauer seien ukrainische Unternehmer nach Freiburg gekommen, um hier Bibeln zu besorgen. Denn die hatte man ja nicht im Sozialismus. Schwester Inge sagte ihre Unterstützung zu, flog in die Ukraine und stellte fortan ihr Leben in den Dienst des Landes. Aus dem kleinen Laden hat sich die Ukraine-Hilfe entwickelt mit Kinderheimen, Schulen und Altenheimen. Außerdem vermittelt sie Patenschaften zwischen den beiden Ländern.

Am Altenheim stehen jetzt die Panzer

Silivia Frêchet kommt kaum zum Reden, dauernd klingelt das Telefon, dauernd will jemand wissen, wie er helfen kann. Am Freitagmorgen, als noch nicht klar war, dass die Stadt sich um Unterkünfte kümmert, hatte die Ukraine-Hilfe nach Menschen gesucht, die Kinder aufnehmen konnten, kurzfristig, am besten immer zwei zusammen. Tausende Hilfsangebote prasselten auf die Hilfsorganisation ein, die Mailboxen liefen innerhalb von Minuten über. Die Hilfe sei sehr willkommen und sehr nötig, sagt Höhlein, doch bisher könne man kaum abschätzen, was wirklich gebraucht werde.

In Charkiw, im Osten des Landes, betreibt die Ukraine-Hilfe auch eine Schule und ein Altenheim. "Dort stehen die russischen Panzer", sagt Höhlein, seine Stimme klingt bang.

Die Menschen in den von Krieg und Gewalt betroffenen Gebieten in der Ukraine brauchen unsere Hilfe. Die Stiftung stern arbeitet mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, die von uns geprüft wurden. Wir leiten Ihre Spende ohne Abzug weiter. Über diesen Link kommen Sie direkt zu unserem Spendenformular.
Die Menschen in den von Krieg und Gewalt betroffenen Gebieten in der Ukraine brauchen unsere Hilfe. Die Stiftung stern arbeitet mit Partnerorganisationen vor Ort zusammen, die von uns geprüft wurden. Wir leiten Ihre Spende ohne Abzug weiter. Über diesen Link kommen Sie direkt zu unserem Spendenformular.

Auch Silvia Frêchet sorgt sich um ihre Freunde aus der Ukraine, zum Beispiel um Sergej, Posaunist des Kiewer Brass Quintetts, der ihr bei einer Reise im Jahr 2014 den Maidan zeigte. "Dort hat es angefangen", sagt Frêchet und meint damit den Kampf der Ukrainer gegen das korrupte Regime von Viktor Janukowitsch, das sich Russland annähern wollte. Frêchet schwärmt von den Zelten und Suppenküchen, den Barrikaden und Blumentöpfen, mit denen sich die Menschen gegen Polizei und Kugeln wehrten. Die Opferbereitschaft der Ukrainer, sie scheint groß.

Frêchet schaut wieder auf ihr Smartphone. Hat sich der Musiker gemeldet? "Ja", sagt Frêchet, jetzt gerade sei es ruhig. Aber vom Seniorenheim, bei Charkiw, hat sie noch keine Nachricht. 


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