Kolumne: Gefühl der Woche
Die Sache mit unserer Kühltruhe und Friedrich Merz

Kolumnistin Helen Bömelburg mit einer Tiefkühltruhe und Friedrich Merz
Keine Sorge, unsere Autorin versteckt keinen Kanzler im Eisfach. Sie wäre allerdings froh, wenn Friedrich Merz’ politische Tatkraft endlich auftauen würde
© © stern-Montage: Fotos: Jana Mai; Adobe Stock, Picture Alliance

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Immer sind die anderen schuld – bei Friedrich Merz ist das so und in der Familie unserer Autorin auch. Den Satz „Ich war’s nicht!“ will sie nie wieder hören.

Diesmal war es die Kühltruhe. Irgendjemand hatte eine der Schubladen nicht richtig geschlossen, die Tür blieb offen. Es taute, es tropfte, es wurde eine Riesensauerei. Brot, Kräuter, Suppe, Eis am Stiel, auch die tiefgefrorenen Mehlwürmer für den Biologie-Unterricht – alles floss auf den Küchenboden, war Matsch und für die Mülltonne. Mein Mann-der-Küchenchef stellte voller Entrüstung eine der großen Menschheitsfragen: „Wer war das?!“

Wir sind ein Vierpersonenhaushalt, also kommen theoretisch vier Schuldige infrage.
Kind 1: „Ich war das nicht!“
Kind 2: „Ich auch nicht!“
Mann: „Was schaut ihr mich so an?! Ich doch nicht.“

Friedrich Merz und das Gefühl der Woche: Ich war’s nicht!

Schon klar, Jungs. Ihr wart es alle nicht. Nie macht hier irgendwer irgendwas falsch. Es sind immer die anderen. Vielleicht ist die Sache mit unserem Eisschrank sogar ein gutes Training für die Welt da draußen. Da sprechen ja auch viele davon, unbedingt Verantwortung übernehmen zu wollen, tun genau das aber dann nicht. Kommt Ihnen bekannt vor? Mir auch. Die aktuelle Bundesregierung unter Friedrich Merz hat einen Haufen Probleme, manche davon sind bestimmt unverschuldet. Aber nützt es etwas, dauernd mit dem Finger auf die Arbeitnehmer, die Migranten, die Rentner, den Koalitionspartner zu zeigen? Unser Kanzler hat schon zu fast allen gesellschaftlichen Gruppen gesagt: Ich war’s nicht, ihr wart das! Außer zu Kleinkindern und Millionären, scheint mir.

Offensichtlich sind wir Menschen nun mal so programmiert, uns im Reinen fühlen zu wollen. Wir verteidigen unser Selbstbild – etwa „Ich bin fair“, „Ich bin kompetent“, „Ich bin erfolgreich“ – und wehren Angriffe darauf instinktiv ab. Wenn also das eigene Verhalten mal nicht zum Selbstbild passt und wir einen Fehler eingestehen müssten, knirscht es unangenehm im Kopf. Psychologen nennen das kognitive Dissonanz. Die wollen wir unbedingt vermeiden – und streiten je nach Naturell mehr oder weniger brutal ab, einen Fehler gemacht zu haben. Das bewahrt das eigene Hirn vor Schuld- und Schamgefühlen, trägt aber nichts zur Problemlösung bei.

Mein Kollege Walter Wüllenweber ist da fortgeschritten, er streitet nichts ab: Die Klimakrise sei für seine Generation – die Boomer – schon vor Jahrzehnten absehbar gewesen, wurde aber nicht ernst genommen, schrieb Walter kürzlich. Dass sich eine gähnende Rentenlücke auftun würde, dass Straßen und Bahngleise marode werden würden, sei ebenfalls früh klar gewesen. „Aber unser wichtigster Wählerauftrag lautete: keine Zumutungen, keine grundsätzliche Reform der Alterssicherung, keine Anpassung an den Klimawandel, kein Geld für Investitionen in das Bildungssystem und auch nicht in die Infrastruktur. ... Wir Boomer lebten nach dem Scheiß-drauf-Prinzip.“ Walter ist eines der seltenen Exemplare, die das Knirschen im Kopf gut aushalten.

Ich wünschte, wir alle würden diesen Satz öfter hören und noch viel öfter sagen: „Ich war das!“ Zumindest aber sollten wir uns angewöhnen, die Reihenfolge umzudrehen: Erst das Problem lösen und dann, wenn’s unbedingt sein muss, den Schuldigen finden. Im Fall unseres ausgelaufenen Eisschranks fanden wir übrigens keinen. Wer dann am Ende den Küchenboden gewischt hat? Da muss ich hier und jetzt einen Fehler eingestehen, der nicht zu meinem Selbstbild passt: Ich war’s.

Aufkleber mit Maus und Elefant und dem Satz "Lach- und Sachbeschädigung"
© Helen Bömelburg

Der Sticker der Woche ...

… klebt an einem Mülleimer an der U-Bahn-Station Ohlsdorf in Hamburg und erinnert daran, dass man am besten selbst repariert, was man kaputt gemacht hat.

 

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