VG-Wort Pixel

Leben in der Gemeinschaft Nach drei Jahren im Yoga-Ashram: "Der Weg fällt leichter, wenn man die Schatten akzeptiert"

Yoga-Unterricht in Sri Lanka
Ein Ashram ist ein Ort, an dem Menschen dauerhaft oder vorübergehend wohnen, um sich spirituell weiterzuentwickeln. Hauptsächlich geht es dabei um Meditation und Yoga.
© Christian Goupi / Imago Images
Bei einem Aufenthalt in einem Ashram kann man seine Yoga-Praxis vertiefen. Für manche Besucher ist die Zeit in der spirituellen Einrichtung ein kurzer Urlaub. Andere hingegen bleiben mehrere Jahre und lernen dabei auch sich selbst besser kennen.

"Ich will nie wieder in mein altes Leben zurückkehren. Das würde sich nicht richtig anfühlen", erzählt Julienne Brembach. Die 26-Jährige aus Gera in Thüringen hatte eigentlich einen sehr konkreten Zukunftsplan: Als gelernte Physiotherapeutin wollte sie ins Allgäu ziehen. Ihre Stelle und die Wohnung in der Heimat hatte sie bereits gekündigt. "Doch dann klappte es nicht und alles war wieder offen", sagt die junge Frau. Stattdessen entschied sie sich dazu, drei Jahre in einem Ashram zu leben. Eine Zeit, die ihr Leben von Grund auf verändert hat.

Im Ashram wird Meditation und Yoga unterrichtet

Ein Ashram ist ein klosterähnliches Meditationszentrum, in dem spirituelle Lehren praktiziert und unterrichtet werden. Dabei geht es hauptsächlich um Meditation und Yoga. Wörtlich aus dem Sanskrit übersetzt steht "Ashram" für einen "Ort der religiösen Bemühung". Wer früher in solch eine spirituelle Einrichtung zog, lebte dort sehr schlicht, minimalistisch und zurückgezogen. Ashrams galten damals als die einzigen Orte, an denen man die aus dem Hinduismus stammende Yoga-Praxis erlernen konnte. Heute ist Yoga über Fitnessstudios, Volkshochschul-Kurse und Youtube-Videos in der breiten Bevölkerung angekommen. Das Grundprinzip des Ashrams hat sich trotzdem kaum geändert. Allerdings sind die Einrichtungen heute in der Regel weltoffener und komfortabler. Religion spielt keine große Rolle mehr. Die spirituellen Praktiken sollen für jedermann zugänglich sein. Ashrams findet man längst nicht mehr ausschließlich in Indien. Die Meditationszentren gibt es auf der ganzen Welt, besonders in den USA und in Europa werden sie immer beliebter.

In Deutschland gehören die meisten Ashrams zu Yoga Vidya, einem gemeinnützigen Verein mit dem Ziel, Yoga zu verbreiten. Deshalb ähneln die Häuser von Yoga Vidya weniger einem Kloster als eher Seminarhäusern. Ausbildungen zum und Weiterbildungen für Yogalehrer sind die wichtigsten Angebote der Einrichtungen. "Es sind rund um die Uhr Gäste da", erläutert Julienne Brembach. Zum grundlegenden Konzept des Ashrams gehören ein paar feste Regeln, die für alle – egal ob Besucher oder dauerhafter Bewohner – gelten. Darunter der Verzicht auf Alkohol, Fleisch und das Mithelfen im Haus. Auch der Tagesablauf ist festgelegt und besteht zum Beispiel aus Meditation, Vorträgen, Yoga-Stunden und indischen Ritualen wie dem Zusammenkommen und gemeinsamen Singen – "Satsang" auf Sanskrit.

"Sevakas" – eine Gemeinschaft von Freiwilligen

Für Julienne Brembach sah der Alltag jedoch anders aus. Wer sich dazu entschließt, dauerhaft in einem Ashram zu bleiben, wird zum sogenannten "Sevaka". Die Bezeichnung kommt von dem Sanskrit-Wort "Seva", auf Deutsch "Selbstloser Dienst". Dieser gilt als einer der wichtigsten Lehren des Yoga-Gurus Swami Sivananda, in dessen Tradition die Yoga Vidya-Häuser stehen. "Man soll mit dem Dienst Wertschätzung und Dankbarkeit für seine Mitmenschen und die Umwelt zeigen", sagt die 26-Jährige. "Sevakas" arbeiten im Gast- und Seminarbetrieb und übernehmen die täglich anfallenden Aufgaben. Julienne Brembach sei sechs bis sieben Stunden pro Tag in der Küche als stellvertretende Teamleitung tätig gewesen. Daneben verpflichten sich die "Sevakas", an einigen Programmpunkten im Tagesablauf teilzunehmen.

Julienne Brembach an einem Verkaufsstand, an dem sie ihre handgefertigten Kunstwerke anbietet
Nach drei Jahren im Ashram ist die Rückkehr in einen Vollzeit-Job für Julienne Brembach undenkbar. Sie will sich auf Yoga, Kochen und Kunst konzentrieren.
© Laura Hindelang

Ganz ohne Lohn müssen die Freiwilligen nicht auskommen. Die "Sevakas" erhalten ein kleines Taschengeld, sind versichert und bekommen zusätzlich zu den regulären freien Tagen auch Seminar-Tage, an denen sie die Weiterbildungen besuchen dürfen. "Und natürlich ist die Unterkunft und das Essen für umsonst", fügt Julienne Brembach hinzu. Yoga Vidya unterhält insgesamt vier Ashrams in Deutschland. Die gelernte Physiotherapeutin hat in einem kleineren Haus im Allgäu gelebt. Insgesamt 20 "Sevakas" sind dort untergebracht. Diese Gemeinschaft sei einerseits die schönste Erinnerung, aber auch die größte Herausforderung gewesen.

An Konflikten wachsen

Die Zeit mit den anderen sei das Highlight gewesen. "Das, was sich zwischendurch ergeben hat. Die schönen Gespräche, die kleinen, intimen Momente oder wenn man gemeinsam Yoga gemacht hat", zählt sie auf. Durch das permanente Zusammensein hätten sich aber auch Reibungspunkte ergeben. "Wenn man immer aufeinander hockt, passieren menschlich viele Dinge und es knallt immer wieder", berichtet die 26-Jährige. Anders als im regulären Alltag könne man sich bei solchen Problemen nicht aus dem Weg gehen. 

"Im 'normalen' Berufsleben mit einem Vollzeit-Job und eigener Wohnung kann man sich durch die unangenehmen Sachen durchschlängeln", beschreibt sie. Im Ashram, wo man mit den anderen Leuten zusammenwohnt und arbeitet, sei man dazu gezwungen, sich den Auseinandersetzungen zu stellen: "Du kannst nicht weglaufen, es ist dein Zuhause." Außerdem sei es wichtig, dass man sich ausruhen und regenerieren könne. "Wenn man ständig ungelöste Konflikte im Kopf hat, funktioniert das nicht", findet sie. Genau aus diesen Auseinandersetzungen hätte sie "viel Gutes und Wertvolles mitgenommen". Sie habe gelernt, ihre Grenzen zu erkennen und zu kommunizieren. Dass Schattenseiten auch zum Leben gehören und man diese integrieren kann. "Der Weg fällt leichter, wenn man den Schatten zulässt und akzeptiert", sagt Julienne Brembach.

Missbrauchsskandale in Ashrams

Ein offener Umgang mit den menschlichen Abgründen sei auch den Ashram-Betreibern wichtig gewesen. In der Vergangenheit sind Yoga-Gurus als Leiter und Führer von Ashrams aufgrund von Missbrauchsskandalen wiederholt in die Kritik geraten. Berüchtigt ist insbesondere der Fall des Gurus Bhagwan Shree Rajneesh, der in den 1960er-Jahren mit sexuellen Übergriffen und Orgien in seinen Ashrams im US-Bundesstaat Oregon öffentliche Empörung auslöste. In Deutschland soll es in der neohinduistischen Glaubensgemeinschaft Bhakti Marga mit Hauptsitz im hessischen Springen zu ähnlichen Fällen gekommen sein. Und auch die Yoga Vidya-Tradition ist nicht frei von sexuellem Missbrauch. Swami Vishnu, ein Guru der von Swami Sivananda gelernt und Yoga Vidya-Gründer Volker Bretz unterrichtet hat, soll sich an mehreren Frauen vergangen haben, wie nach dessen Tod bekannt wurde.

Die "Sevakas" im Allgäu seien darüber aufgeklärt worden, berichtet Julienne Brembrach. "Es wurde viel darüber gesprochen und abgestimmt, wie damit weiter verfahren werden soll", erinnert sie sich. Inzwischen gebe es weder Bilder von Swami Vishnu in den Ashrams, noch werde dessen Name gesungen. Eine sichere Atmosphäre habe für den Yoga Vidya-Gründer oberste Priorität. "Zum einen ist es wichtig, dass man mit seinem Umfeld in Harmonie zusammenlebt, zum anderen wollen die Mitarbeiter selbst auch in einer Umgebung sein, in der sie sich wohl fühlen", zitiert das "Yoga Journal" Volker Bretz.

Nachdem Julienne Brembach bereits zehn Monate im Ashram gelebt hatte, brach die Corona-Pandemie aus und der laufende Seminar-Betrieb musste vorerst eingestellt werden. Die "Sevakas" konnten aber bleiben. "Das war schön, weil der Alltag mit Gästen ziemlich anstrengend ist", sagt die 26-Jährige. Für die Zielsetzung des Ashrams – die Verbreitung von Yoga – sei der Lockdown jedoch hinderlich gewesen. "Und finanziell war es auch ein Problem. Denn die Häuser verschlingen wahnsinnig viel Geld."

Aus dem Lockdown heraus entstand ein eigenes Kochbuch

Für die Thüringerin selbst waren die Lockdowns Erholungsphasen, in denen sie entdeckt habe, wie kreativ sie sei. Schon immer sei sie eine begeisterte Köchin gewesen. Während der Pandemie habe sie jede Menge Zeit für Experimente in der Küche gehabt. Am Ende entstand daraus ein eigenes Kochbuch mit veganen Rezepten, "Yogisch kochen". Egal ob auf persönlicher oder zwischenmenschlicher Ebene: "Man entwickelt sich enorm schnell", sagt sie. Auch das Zusammenleben mit den anderen Freiwilligen sei plötzlich viel intensiver gewesen. "Wir haben uns jeden Tag im Speisesaal getroffen und zusammengesessen. Im normalen Betrieb wäre dafür niemals Zeit gewesen", erinnert sich die Physiotherapeutin. Man habe Zeit für gemeinsame Mahlzeiten und Unternehmungen gehabt. Mit vielen "Sevakas" wolle sie weiterhin Kontakt halten. Ursprünglich habe die 26-Jährige nur ein Jahr im Ashram bleiben wollen.

Ashram im indischen Rishikesh
Ein Ashram in Rishikesh, Indien. Die Umgebung und die Atmosphäre der Einrichtungen sollen die Beschäftigung mit spirituellen Themen erleichtern.
© Viren Desai/Dinodia Photo / Imago Images

Als zwölf Monate vergangen waren, habe es sich aber für Julienne Brembach noch nicht "fertig" angefühlt. Erst im Juli 2022, nach drei Jahren und zwei Monaten, habe sie sich bereit für den nächsten Abschnitt gefühlt. Den Ashram hat sie nicht allein verlassen. Ihr Freund Patrick, ein "Sevaka", den sie dort kennengelernt hatte, ist mitgekommen. Die beiden planen, zusammen in einem Van durch Europa zu ziehen. Auf Messen und Festival Essen anzubieten oder Kunstwerke zu verkaufen – davon hat die 26-Jährige inzwischen eine riesige Sammlung: Gemälde mit bunten Mandalas, Halsketten mit Edelsteinen und Wandschmuck. Alles fertigt sie in Handarbeit an. Im Winter wolle sie mit ihrem Freund nach Andalusien oder Portugal. Der Ashram sei für sie ein Ort gewesen, an dem sie sich neu gefunden hätte.

Gemeinschaftssinn als Grundvoraussetzung für die Zeit im Ashram

Laut Yoga Vidya gibt es drei Aspekte, die die spirituelle Entwicklung im Ashram prägen. Erstens das Karma, bzw. die aktuelle Lebenssituation: Die äußeren Umstände müssen es einer Person ermöglichen, Zeit im Ashram zu verbringen. Zweitens, Mumukshutva, "das tiefe Interesse an spiritueller Entwicklung". Und drittens, Swadharma. Dieser Begriff bezeichnet die Bereitschaft, in der Gemeinschaft leben zu wollen.

Nur wenn man diese in sich trägt, würde Julienne Brembach einen längeren Ashram-Aufenthalt weiterempfehlen. "Man muss schon eine gewisse Grundeinstellung und Offenheit mitbringen", findet sie. Man müsse gewillt sein, mit anderen Menschen zusammenzuleben und permanent die Kommunikation zu suchen. Zudem sei ein Ashram nur geeignet für Yoga-begeisterte Personen, die sich spirituellen Themen und Praktiken verschreiben wollen. "Wenn man sich aber im Allgemeinen dem Gemeinschaftssinn öffnen kann, findet mit Sicherheit jeder eine Gemeinschaft, die sich gut anfühlt", sagt die 26-Jährige.

Quellen: "Der Spiegel" (I), "Der Spiegel" (II), "Yoga Journal", Yoga Vidya (I), Yoga Vidya (II)

Mehr zum Thema