Margot Käßmann beim Kirchentag Ein Mensch mit Fehl und Tadel


Ihre Rückkehr aufs öffentliche Parkett ist überwältigend: Die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann wird auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) in München mit Jubel und Standing Ovations empfangen.

Ihre Rückkehr aufs öffentliche Parkett ist überwältigend: Die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann wird auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) in München mit Jubel und Standing Ovations empfangen. "Danke, das tut mir gut", sagt sie am Donnerstag, als sie ihren ersten Auftritt auf dem ÖKT hat und sich beim evangelischen Kirchentagspräsidenten Eckhard Nagel und 6000 Besuchern ihrer Bibelarbeit bedankt. Mit einem so starken und herzlichen Empfang - nach ihrem Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) - hatte sie wohl nicht gerechnet: Sie wirkt überwältigt, gerührt aber auch nachdenklich.

Käßmann hatte im Februar ihre kirchlichen Spitzenämter aufgegeben, sie war alkoholisiert über eine rote Ampel gefahren. Dass sie zu ihrem Fehltritt offen gestanden und daraus die Konsequenz des Rücktritts gezogen hat, beeindruckt noch heute viele Protestanten und Katholiken. "Damit ist sie auch ein Vorbild für die Jugend, sie hat ein Gesetz übertreten und steht dafür auch gerade. Das ist wichtig, denn Fehltritte macht jeder", sagt Angelika Kistner, die in der ersten Reihe sitzt und andächtig Käßmanns Worten lauscht.

Doch der Amtsverzicht war nicht die einzige Krise, aus der die Mutter von vier Kindern eher gestärkt hervorgegangen ist. Im Oktober 2006 wird ihr Brustkrebs diagnostiziert. Wenige Monate später trennt sich die damalige Bischöfin nach 26 Jahren Ehe von ihrem Mann. Mit beiden Schicksalsschlägen geht sie offen um. "Die von mir zu erwartende Vorbildfunktion sehe ich darin, wahrhaftig zu sein", begründete Käßmann damals ihre Entscheidung, weiter im Amt zu bleiben.

Ortswechsel, der zweite Auftritt eine halbe Stunde später: "Sie war die Hauptattraktion", schwärmt eine Frau, die aus der ebenfalls überfüllten Baptist-Kirche in der Münchner Innenstadt kommt. Käßmann hat dort über Frauen und Macht innerhalb der Kirche diskutiert. Auf die Publikumsfrage, ob der Machtverlust für sie Ohnmacht bedeute, antwortet Käßmann kurz: "Machtverlust bedeutet auch Freiheit." Diesen Worten folgt kräftiger Beifall - und dieser begleitet sie immer wieder am Donnerstag mit fünf Auftritten.

Publikumsmagnet Käßmann wird bis Sonntag elf Mal die Kirchentagsbesucher anlocken. Auf Kirchentagen hat sie schon immer eine besondere Rolle gespielt. Sie war früher die Generalsekretärin des evangelischen Kirchentages. "Bei aller Traurigkeit und Bewegtheit, das Wichtigste ist, dass Margot hier ist. Sie ist ein Vorbild für viele", sagt der evangelische Kirchentagspräsident Nagel, der sich im Namen des Kirchentages bei Käßmann für ihr Kommen bedankt.

Auf ihrer Auftaktveranstaltung der Bibelarbeit spricht sie immer wieder darüber, dass Menschen nicht perfekt sind und dennoch von Gott und ihren Mitmenschen geliebt würden. "Kein Mensch ist ohne Fehl und Tadel."

Özlem Yilmazer, DPA DPA

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