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Die Alkoholfahrt von Margot Käßmann Ein Gläschen in Ehren


Margot Käßmann, höchste evangelische Würdenträgerin Deutschlands, saß betrunken am Steuer. Muss sie nun von ihrem Amt zurücktreten? Nein, auch Vorbilder dürfen Fehler machen.
Ein Kommentar von Manuela Pfohl

Irgendwer trinkt ein Gläschen zuviel, setzt sich ins Auto, ignoriert eine rote Ampel und wird dabei von der Polizei erwischt. Alltag in Deutschland. Leider. Doch in dem Wagen, den Polizisten am vergangenen Samstag gegen 23 Uhr in der Hannoveraner Innenstadt stoppten, saß nicht irgendwer. Darin saß Margot Käßmann, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und damit ist dieser Fall etwas Besonderes.

Käßmann als höchste evangelische Würdenträgerin ist eine - weithin anerkannte - moralische Instanz, deren Vorbildfunktion nicht nur durch ihr Amt begründet ist. Die Bischöfin hat sich immer wieder sehr selbstbewusst, sehr kritisch und sehr engagiert für die Einhaltung ethischer Normen in der Gesellschaft eingesetzt. Und nun fährt sie mit 1,5 Promille bei Rot über eine Ampel. Und alle Welt fragt sich: Was hat diese Frau geritten, sich in solch eine Situation zu bringen? War es das Gläschen zuviel, um den täglichen Stress zu ersäufen, war es ein viel zu gemütlicher Abend, der in Leichtsinnigkeit endete, oder war es das blanke Gottvertrauen, dass schon nichts passieren wird?

Käßmann muss sich erklären

Käßmanns Alkoholfahrt fällt just in die Fastenzeit der Kirchen. Eine Zeit, in der brave Christenmenschen sich eigentlich in Enthaltsamkeit üben. Noch im vergangenen Jahr war auch die Bischöfin dabei. In einem Interview mit "Spiegel Online" sagte sie damals, dass für sie während der vierzigtägigen Fastenzeit Alkohol tabu sei. Und auf die Frage, ob ihr das schwer falle, antwortete sie: "Ja, ich merke auf einmal, wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann." Hat sie deswegen darauf verzichtet, in diesem Jahr am Fasten teilzunehmen? Oder hat sie das aktuelle Fastenmotto der evangelischen Kirche zu wörtlich genommen, das da lautet: "(…) kosten Sie beides aus; die Gänsehaut des Genusses wie der Gefahr. Erkunden Sie die eigenen Grenzen wie auch die Ihrer Nächsten (…)"

Welche Konsequenzen sind aus der Überschreitung verkehrsrechtlicher Grenzen zu ziehen? Muss die Bischöfin nun von ihrem Amt zurücktreten?

Nein, das muss sie nicht! Noch nicht. Denn all jenen, die die günstige Gelegenheit nutzen wollen, um Käßmann, die Widerspenstige, die Streitbare, die Nervende, nun mal eben mit dem Hammer der moralischen Entrüstung zu erschlagen, sei gesagt: Auch Vorbilder dürfen Fehler machen. Sie müssen nur den Mut haben, sie zu erklären. Käßmann sollte also schleunigst den Weg in die Öffentlichkeit suchen, ohne zu vertuschen, ohne zu beschönigen, ohne zu rechtfertigen.


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