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TV-Kritik

"Maischberger" zur Coronakrise: "Uns fehlt ein Plan für den Ausstieg": Warum ein Ökonom Alarm schlägt

Nach Ostern wissen wir mehr – dieser Satz fällt zur Zeit pausenlos, wenn es um die Perspektiven in der Corona-Krise geht. Der Wunsch nach einer konkreten Ansage von Seiten der Wissenschaft und Politik wächst. Das machte ein Wirtschaftsexperte deutlich.

Von Mark Stöhr

Wegen Coronavirus: Ifo-Index bricht ein - "Deutsche Wirtschaft steht unter Schock"

Es begann mit Halsschmerzen und ein bisschen Kopfweh und mündete nach ein paar Tagen in Atemnot. Aber was heißt das, Atemnot – wie fühlt sich das an? "Man atmet ein und die Luft kommt nicht in der Lunge an. Als würde man versuchen, unter Wasser Luft zu holen." Eindrücklich erzählte Karoline Preisler gestern Abend bei "Maischberger. Die Woche" von ihrer Corona-Erkrankung. Die FDP-Politikerin und dreifache Mutter konnte nach fünf Tagen das Krankenhaus wieder verlassen und war aus ihrem Wohnzimmer zugeschaltet. Sie hat die Infektion überstanden, dank schneller und effektiver medizinischer Unterstützung.

Das Beispiel der 49-Jährigen zeigt, dass Covid-19 nicht nur eine Gefahr für Alte und Geschwächte ist. Es kann jeden von uns lebensbedrohlich erwischen. Doch nach fast zwei Wochen Shutdown ist das gesellschaftliche Nervenkostüm angespannt. Fragen und Forderungen werden immer lauter. Wieso, schrieb etwa Springer-Chef Mathias Döpfner in einem vielbeachteten Leitartikel, konzentrierten wir uns nicht auf den Schutz der Risikogruppen und ließen die Jüngeren ihrer Arbeit nachgehen? Der CDU-Wirtschaftsexperte Carsten Linnemann will den Hebel so schnell wie möglich wieder umlegen: Nach Ostern müsse die Wirtschaft schrittweise hochgefahren werden.

Ist das ein realistisches Szenario? Und: Wie könnte ein Exit aus dem Stillstand überhaupt aussehen?

Es diskutierten:

Hubertus Heil, SPD (Bundesarbeitsminister)

Margot Käßmann (Theologin)

• Karoline Preisler (Corona-Patientin)

• Gabriel Felbermayr (Präsident des Weltwirtschaftsinstituts)

• Georg Mascolo (Journalist)

• Jonas Schmidt-Chanasit (Virologe)
 

Jede Woche Stillstand kostet die Wirtschaft 35 Milliarden Euro 

Die Virologen halten sich weiterhin bedeckt, was Perspektiven und einen möglichen Zeitplan angeht. Da machte gestern auch Jonas Schmidt-Chanasit keine Ausnahme. Wir stünden erst am Anfang der Krise und müssten abwarten, wie sich der Trend entwickle. Nach Ostern wisse man mehr. Aber dem Mediziner ist der schleichende Stimmungswandel bewusst. "Für uns", sagte er, "ist es eine große Herausforderung, die strengen Maßnahmen zu begründen." Unter diesen leidet die Wirtschaft bekanntlich massiv.

"Eine Woche auf 50 Prozent Leistung runterreguliert kostet uns 35 Milliarden Euro", rechnete Gabriel Felbermayr vom Kieler Institut für Weltwirtschaft vor. Auf den Durchschnittsbürger umgelegt seien das 400 Euro weniger Einkommen. Zum Glück, so Felbermayr, kämen wir aus einer Phase der annähernden Vollbeschäftigung. Die Bundesagentur für Arbeit habe reichlich Rücklagen angelegt und könne beim Thema Kurzarbeit aus dem Vollen schöpfen. Aber: Ein Licht am Ende des Tunnels wäre wichtig – für den Optimismus der Menschen wie für die Planung der Unternehmen. "Was uns fehlt, ist eine Strategie für den Ausstieg. Also: Unter welchen Bedingungen können die Maßnahmen gelockert oder aufgehoben werden?"

Impfstoff "frühestens im nächsten Jahr"

Auch darauf konnte Virologe Schmidt-Chanasit keine zufriedenstellende Antwort geben. "Die entscheidende Frage ist: Wie viele Infektionen können wir zulassen, die durch die erhöhten Kapazitäten in der Intensivmedizin abgefangen werden?" Ziel sei es nicht, in zwei Wochen keine Infektionen mehr zu haben, da ein Großteil der Bevölkerung noch nicht immun sei. "Wir sind erst im Ziel, wenn eine Herdenimmunität hergestellt ist oder ein Impfstoff auf den Markt kommt." Wann er denn mit einem Serum rechnen würde, fragte Sandra Maischberger. Schmidt-Chanasit: "Frühestens im nächsten Jahr." Es bleibt uns also in dieser Krise ohne Blaupause bis auf weiteres nichts anderes übrig, als mit unseren Ängsten und unserer Ungeduld irgendwie umgehen zu lernen.

"Wenn es die epidemologische Lage zuließe, wäre ich der erste, der die Maßnahmen lockert", versicherte Hubertus Heil. Bis dahin habe der Gesundheitsschutz absolute Priorität. Hoffnung solle uns machen, so der Bundesarbeitsminister, dass Demokratie auch schnell und sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. Dem pflichtete der Journalist Georg Mascolo in seltener Eintracht bei: "Alles in allem schlägt sich dieses Land gut." Und: "Ich bin sehr viel lieber hier als in Boris Johnsons London oder in Donald Trumps USA."

fs