HOME

Margot Käßmann: Ein starker, schmerzhafter Rücktritt

Margot Käßmanns Rücktritt ist ebenso schmerzhaft wie richtig: Selbst in der Not beweist diese Frau Klasse, erspart sich einen ewigen Spießrutenlauf - und stürzt ihre Kirche dennoch in eine Krise.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Nein, Margot Käßmann hat nie behauptet, das Leben sei einfach. Die Scheidung. Das Krebsleiden. Ihr offener Umgang mit all dem. Dazu ihre enthusiastische, bisweilen stürmische Art. Das hat sie sympathisch gemacht, authentisch, glaubwürdig. Käßmann hat die Widersprüche des Lebens personifiziert. Deswegen war sie eine so grandiose Wahl für das Amt der Vorsitzenden des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Was für eine Frau! Und deshalb ist es so schmerzlich, dass sie nun geht - nach nur etwas mehr als vier Monaten im Amt der EKD-Chefin, nach mehr als zehn Jahren als Landesbischöfin in Hannover, nach dieser unseligen Alkoholfahrt. Wie schmerzlich der Abgang ist, zeigte sich schon bei ihrer Rücktritts-Pressekonferenz am Mittwochnachmittag. Die Autorität des Amtes sei beschädigt, sagte sie ohne Umschweife, ebenso ihre persönliche Glaubwürdigkeit. Sie hätte bei einem Verbleiben im Amt nicht mehr die nötige Freiheit gehabt, sich zu ethischen Fragen zu äußern, sagte sie. Und: "Bleibe bei dem, was dein Herz Dir rät." Ihr Herz hat ihr geraten, die Ämter aufzugeben. Das war sie wieder, diese Authentizität, die Käßmann so besonders macht.

Es drohte ein immerwährender Spießrutenlauf

Musste sie zurücktreten? Viele, die Käßmann seit Dienstagmorgen mit viel Sympathie verteidigt hatten, hatten argumentiert, der Fehler mache sie menschlich, mache sie nahbar: Gerade das Eingeständnis von Fehlern, die Reue, die Umkehr, das alles sei tief in der christlichen Lehre verankert. Warum, so der Kern des Arguments, soll nicht gerade eine Sünderin an der Spitze der EKD glaubhaft zeigen können, dass Umkehr möglich ist. Um strafrechtliche Kategorien ging es ohnehin nur am Rande.

Am Mittwoch, einen Tag nachdem die Nachricht von ihrer Alkoholfahrt wie eine Bombe eingeschlagen war, sah es zunächst so aus, als könne sich diese Sichtweise durchsetzen. Der EKD-Rat stellte sich in einer Erklärung einmütig hinter Käßmann, bestärkte sie, zumindest auf dem Papier. Und dennoch. Trotz aller Sympathien blieb ein Gefühl des Unbehagens zurück, ein nagender Zweifel: Wie kann es sein, dass sie betrunken in dieses Auto gestiegen ist? Kann sie als EKD-Chefin jemals wieder mit Moral argumentieren, wenn sie selbst ein Beispiel für Fehlbarkeit ist, wenn sie selbst krass verantwortungslos gehandelt hat? Wird sie nicht bei jeder Predigt, bei jeder Veranstaltung, bei jedem Auftritt, bei jedem Streit mit dem Vorwurf konfrontiert werden, dass sie selbst sich nicht an die Maßstäbe halten kann? Wird ihr Verbleib im Amt nicht zu einem immerwährenden Spießrutenlauf einer waidwunden Frau?

Ist Margot Käßmanns Rücktritt richtig?

Mit ihrem Rücktritt hat Käßmann all den Zweifeln, möglichen wochenlangen Spekulationen und Debatten eindrucksvoll ein Ende bereitet. Kurz. Knackig. Entschlossen. Sie hat sich für die saubere, die eindeutige Lösung entschieden. Der Schritt ist dabei so schmerzhaft wie richtig, denn nur so kann sie sich ihre persönliche Integrität und Souveränität bewahren und das wichtige Amt schützen - und sich und ihrer Kirche wochenlange Spekulationen ersparen. Käßmann bleibt sich treu: Statt die Gejagte zu sein, nimmt sie das Heft des Handelns wieder in die Hand.

Verzagen muss Käßmann nicht. So traurig ihr Rückzug auch ist: In ihrer kurzen Amtszeit hat sie einiges geschafft. In der Afghanistan-Debatte im Januar hat sie eine streitbare, kritische Kirche verkörpert, eine Kirche, die sich einmischt. Das war gut, und das war nötig. Die Kritik, die sie vielfach angebracht hat, wird nicht dadurch diskreditiert, dass sie nun wegen jener Alkoholfahrt zurückgetreten ist. Käßmanns Abgang adelt ihre Kritiker nicht. Der evangelischen Kirche stehen dennoch unruhige Zeiten bevor. Ein Nachfolger für das Amt des EKD-Vorsitzenden, der es an Profil und Charisma mit Käßmann aufnehmen kann, ist weit und breit nicht in Sicht. Und auch die Konservativen, die sich am liberalen Kurs Käßmanns ohnehin gestört haben, dürften nun eine stärkere Mitsprache einfordern.

Käßmann wird, wenn sie sich treu bleibt, auch künftig nicht schweigen. Auch als einfache Pastorin wird sie sich weiter zu allen Fragen äußern, die die Grauzonen des Lebens berühren. Diese Freiheit hat sie sich heute bewahrt.