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stern-Kolumne Winnemuth Zuerst das Steak!

Warum eigentlich soll das Beste immer zum Schluss kommen? Worauf warten? Was einen froh macht, soll man gleich tun, hier und jetzt
Von Meike Winnemuth

Liebe Gemeinde, wir haben uns heute hier versammelt, um eines der ewigen Menschheitsthemen zu klären. Nämlich dieses: das Beste zum Schluss oder am Anfang? Lange war das überhaupt keine Frage. Das Beste kommt zum Schluss, so war’s in Stein gemeißelt: Erst nach längerem Warten/Leiden/Malochen hienieden erfolgt die Belohnung, die Erlösung, das Himmelreich. Oder auch: die Rente, das Häuschen, die Weltreise - halt all das, wofür man immer gearbeitet hat, die Ernte eines entbehrungsreichen Lebens. Derselbe Protestantismus erstreckte sich auf alle Lebensbereiche bis hin zur Art, wie die Leute ihre Teller leerten: erst die Sättigungsbeilagen, das zerkochte Gemüse, der klebrige, klumpige Reis. Und erst dann das Fleisch. 

Eine streng unwissenschaftliche Umfrage unter komplett willkürlich ausgewählten Leuten, die mir in den letzten Tagen über den Weg gelaufen sind, ergab: Pi mal Daumen 75 Prozent machen es immer noch so, und das im 21. Jahrhundert, im Zeitalter der instant gratification. Mit Logik hat das wenig zu tun; hatte es nie. Warum soll man das, worauf man den größten Appetit hat, erst dann essen, wenn man schon keinen rechten Hunger mehr hat und das Steak zudem längst kalt geworden ist? Dann also, wenn das Beste gar kein Bestes mehr ist? Rätselhaft.

"Zündet den Turbo in Sachen Erfahrung, Einsicht und Empathie"

Mit großem Vergnügen stelle ich deshalb fest, dass dank des viel besungenen Hier-und-Jetzt-Hedonismus der Generation Y (was machen wir eigentlich in zehn Jahren, nachdem die unvermeidlich folgende Generation Z durchgenudelt ist? Wieder bei A anfangen?) das Beste allmählich seinen verdienten Platz früh im Leben und früh bei der Mahlzeit einzunehmen scheint. Wozu die Weltreise aufs Ende verschieben? Später kommt man vielleicht nicht mehr die Treppen und die Berge hoch, früh hingegen bringt einen das Reisen in jeder Hinsicht weiter: Es zündet einen Turbo in Sachen Erfahrung, Einsicht und Empathie. Ohne die Teller-Analogie totreiten zu wollen, aber es lohnt sich, die Strategie der Jüngeren bei All-you-can-eat-Büfetts zu beobachten: erst mal einen kleinen Rundgang machen und das Angebot peilen – und dann genau das wählen, worauf man Lust hat, und entscheiden, wann man darauf Lust hat. Das Hauptgericht vermutlich zuerst, weil dort nach Büfett-Eröffnung die wenigsten Leute stehen. Oder den Fisch von hinten, kombiniert mit einem Salat von vorn („Entschuldigung, dürfte ich mal ganz kurz …?“). Nichts wäre dümmer, als alles brav und lustlos in der vorgeschriebenen Reihenfolge zu essen. Höchstens eins: wirklich alles zu essen, was man essen könnte. 

Das Beste ist keine absolute Größe

Sachen muss man machen, so früh es geht. Und zwar möglichst immer das Beste, das einem gerade einfällt: Reisen, Entdeckungen, Dummheiten aller Art. Wer Angst hat, dass eine frühzeitige Erfüllung von Träumen keine mehr übrig lässt, kann beruhigt sein: Es kommt magischerweise immer ein anderes Bestes daher. Eines, an das man zuvor nie gedacht hätte. Das Beste ist keine absolute Größe, es verändert sich, wächst mit einem, schrumpft mit einem. Mein Bestes von vor 20 Jahren – ein lange angesparter Mantel von Jil Sander – interessiert mich heute nicht mehr (hängt aber immerhin noch in meinem Schrank). Mein Bestes von heute hingegen – ein eigener Garten – hätte mich damals völlig kalt gelassen. Um diese Frage wird man also nicht herumkommen: Was ist es denn gerade, das mich froh machen würde? Was ist das Beste, hier und jetzt? Und das kann dann auch mal ein Schälchen klebriger, klumpiger Reis sein.


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